Kaffeeplausch: Leipzig, Corona und eine überalterte Branche

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Seit gestern bekannt wurde, dass die Buchmesse Leipzig aus Sicherheitsgründen dieses Jahr nicht stattfinden wird, beobachte ich im Netz die Reaktionen, die mich ein bisschen grübeln lassen…

Plötzlich werden alle zu Virologen

„Alles nur Panikmache, völlig überzogen“ liest man jetzt. Ottilie Normalbürgerin und Otto Normalbürger wissen natürlich mal wieder, was zu tun und was nicht zu tun ist. Aber wehe, sie erkranken schwer im Rahmen einer solchen Veranstaltung, dann ist das Geschrei groß.

Ich habe null Ahnung von medizinischen Dingen und ich werde mich deswegen mit meiner Meinung zu solchen Entscheidungen stark zurückhalten und darauf vertrauen, dass die, die Ahnung haben, wissen, was zu tun ist.

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Aber die anderen

„Fußballspiele finden doch auch statt, Einkaufscenter schließen ja auch nicht,…“
Ernsthaft? Nur weil einige Unternehmen sich unvernünftig verhalten, müssen es doch nicht alle tun. Fußball bringt RICHTIG Kohle ein, dagegen ist so eine Buchmesse mehr oder weniger ein „Witz“. Da kann man schon hinnehmen, dass sich Tausende mit Corona infizieren (***Ironiewarnung***). Gleiches gilt für alltägliche Konsumgüter. Bücher sind dagegen doch eher eine Randerscheinung.

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Das öffentliche Jammern

Ich finde es ziemlich bedenklich, dass nun einige Branchenvertreter auf Seiten wie Boersenblatt.net oder BuchMarkt völlig unreflektiert in Kommentaren zu entsprechenden Artikeln über die Absage jammern und stellenweise sogar pöbeln.
Das hier ist das Internet, das können wir alle mitverfolgen, auch wenn wir „nur“ die Käufer und Leser eurer Bücher sind. Meint ihr, das wirft ein gutes Licht auf euch?

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Unflexibel und nicht im modernen Zeitalter angekommen

Mir ist absolut bewusst, dass diese Absage einen großen wirtschaftlichen Schaden nach sich zieht, aber es wundert mich gleichzeitig, dass nur wenige Verlage jetzt mit einem Plan B aufwarten können. Das Virus kam nicht von jetzt auf gleich, es zeichnete sich ab, dass es größere Ausmaße haben und damit Veranstaltungen gefährden könnte. Selbst ich in meinem einfachen Privatleben habe für alle größeren Vorhaben einen Alternativplan und bei mir hat es meist nicht einmal finanzielle Auswirkungen – wieso haben sich die Verlage darauf verlassen, dass alles schon gutgehen würde?

Positiv fallen da sofort der Carlsen Verlag und der Drachenmond Verlag auf.

Carlsen hat fast sofort nach Bekanntgabe der Absage eine Onlinekampagne aus dem Hut gezaubert: #leidernichtleipzig soll die Leserschaft da abholen, wo sie sich ohnehin meist aufhält, nämlich online mit Gewinnspielen und virtuellen Begegnungen.

Auch der Drachenmond Verlag hat mir imponiert, haben sie doch zuerst auf Instagram, später auch auf ihrer Webseite offen kommuniziert, was dieses Messeaus für sie als kleinen Verlag bedeutet und sich ebenfalls eine alternative Aktion überlegt.

„Hut ab“, kann ich da nur sagen, frage mich aber auch, ob die Verlagsbranche nicht mittlerweile ein wenig überaltert ist. Wo sind die jungen Gerationen, die in so einem Fall online etwas auf die Beine stellen könnten? Sitzen wahrscheinlich irgendwo im Keller des Verlages und dürfen nur ein paar Instagram- und Twitterposts schreiben…
Ja, ich weiß, auch sowas ist mit Investitionen und Arbeit verbunden, aber das kann man weit im Voraus durchdenken, bevor die Katastrophe eintritt.

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Ich meine, wir sollten uns alle an den Gedanken gewöhnen, dass die Zukunft in vielerlei Hinsicht etwas unsicherer und instabiler wird. JETZT ist die Zeit, um Ideen zu sammeln und mit neuen Konzepten zu experimentieren. Noch ist das einigermaßen gefahrlos möglich. Abwarten und Tee trinken wird niemanden weit bringen.

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