Rezension: „Invisible“ von Ursula Poznanski und Arno Strobel (SPOILER)

38353457.jpg Titel: Invisible
Autoren: Ursula Poznanski und Arno Strobel
Reihe: Buchholz & Salomon #2
Verlag: Wunderlich

Inhalt:
„Eine Serie von grauenvollen Morden gibt den Hamburger Kriminalkommissaren Nina Salomon und Daniel Buchholz Rätsel auf: Einem Patienten wird während einer OP ins Herz gestochen, ein Mann totgeschlagen, ein anderer niedergemetzelt…Die Täter sind schnell gefasst. Nur ihre Motive sind völlig unbegreiflich, denn keiner von ihnen hat sein Opfer gekannt. Das einzige, was sie verbindet: Die unermessliche Wut auf das Opfer. Und dass sie nicht wussten, was über sie kam.
Kann es sein, dass sie manipuliert wurden? Aber von wem, und vor allem: wie?
Was Salomon und Buchholz schließlich aufdecken, wirft ein ganz neues Licht auf die Dinge, die unser Leben so bequem machen…“

Rezension:

Ich bin großer Fan von Ursula Poznanski und freue mich auf jedes Buch, das neu von ihr im Handel ist. „Invisible“ ist das zweite Werk, das sie gemeinsam mit ihrem Schriftstellerkollegen Arno Strobel verfasst hat.

Der erste Band „Anonym“ hatte mir sehr gut gefallen, er hatte (fast) alles, was ein guter Krimi benötigt: viele Tote, Spannung, menschliche Ermittler mit eigenen Sorgen und Kämpfen und ein gelungenes Ende.

Dem zweiten Band fehlen leider viele dieser Zutaten. Die Figuren sind nach wie vor gut gelungen, haben Stärken und Schwächen, fechten private Probleme aus, versuchen, ihren Dienst so gut wie möglich zu leisten, sind aber kapitelweise nach wie vor allein vom Schreibstil her nicht gut voneinander zu unterschieden. In wessen Kopf man sich befindet, wird immer erst klar, wenn man die ersten gedachten Namen liest. Das kannte ich aber bereits aus der ersten Geschichte, damit kam ich klar.

Was hier wirklich fehlt, ist eine schlüssige Story. Fremde erschlagen in aller Öffentlichkeit Fremde und sehr, sehr lang gibt es keinerlei Hinweise zu den wahren Hintergründen. Die Ermittler tappen im Dunkeln, versuchen diverse Methoden, eine Figur – ein Mentalist – wird ins Geschehen eingeführt, ohne allerdings eine echte Rolle darin zu spielen und erst im letzten Viertel stolpern sie über eine Idee, die ein wenig an den Haaren herbeigezogen wirkt: menschliche Manipulation dank Data Mining.

Einerseits gefällt mir die Idee, neuere Technologien in eine Erzählung einzubringen ausgezeichnet, andererseits muss man sehr genau wissen, was man als Autor damit anstellt und wie man es einführt.
Das war im ersten Buch sehr gut gelungen. Dort befanden wir uns sehr schnell in den dunkleren Ecken des Internet. Hier aber gibt es anfangs nur ein paar Recherchen in Foren und auf Facebook und am Ende ist plötzlich Data Mining, also das gezielte Sammeln möglichst umfassender Daten über einen Menschen, das Mittel zur Tat? Really?
Diese Technik hätte a) sehr viel umfassender erklärt werden und b) deutlich früher in den Fall eingebracht werden müssen, um mich am Ende davon zu überzeugen, dass auf diese Weise ein Mensch einen anderen ihm völlig unbekannten Menschen töten kann.
Ich hatte immer wieder das Gefühl, dass die Autoren sich nicht intensiv genug mit dieser Technologie und vor allem dem Zusammenspiel mit dem psychologischem Einsatz der Daten befasst haben. Da hilft es auch nicht, einen mentalen Zauberer anzuheuern, der ein paar Spielchen macht und sagt „schaut her, das geht tatsächlich“, der aber zu keiner Zeit Beweise dafür liefert, dass dies zu ungeheuerlichen und brutalen Morden führen kann.

Die Aufklärung hatte für mich so leider etwas von „Hokuspokus“ und war nicht schlüssig oder nachvollziehbar.

„Invisible“ ist kein Buch, das man gelesen haben muss. Ich hoffe auf einen besseren Nachfolgeband irgendwann.

Rezension: „Puddin'“ von Julie Murphy

28269171Titel: Puddin‘
Autorin: Julie Murphy
Verlag: Balzer + Bray

Inhalt:
„Millie Michalchuk has gone to fat camp every year since she was a girl. Not this year. This year she has new plans to chase her secret dream—and to kiss her crush. Callie Reyes is the pretty girl who is next in line for dance team captain and has the popular boyfriend. But when it comes to other girls, she’s more frenemy than friend. When circumstances bring the girls together over the course of a semester, they will surprise everyone (especially themselves) by realizing they might have more in common than they ever imagined.“

Rezension:

„Puddin'“ ist ein Folgebuch zu „Dumplin'“, das mir wirklich gefallen hatte und ich freute mich darauf, die Geschichte von Millie zu erfahren.

Wie immer sind die Charaktere sehr gelungen. Sie wirken lebendig, haben Stärken und Schwächen, Wünsche und Hoffnungen.

Aber…

Der Plot ist in diesem Buch ziemlich verworren. Es wird nicht richtig klar, warum wir Millie folgen. War es beim ersten Roman der Schönheitswettbewerb, auf den alle hineiferten, so dachte ich zunächst, das Journalistencamp stände für die Protagonistin im Vordergrund. Doch sie wird in dieser Hinsicht erst sehr spät in der Story aktiv. Vorher gründet sie einen „Mädchnclub“, der aber kein besonderes Ziel verfolgt, sie freundet sich – warum auch immer – mit Callie an und kommt ihren Schwarm näher.

Es gibt einfach zu viele Spotlights in „Puddin'“, der rote Faden geht immer wieder ein wenig verloren dadurch.

Was aber noch etwas mehr nervte, waren die vielen „Weisheiten“, die uns die Autorin hier auftischt. In „Dumplin'“ waren sie gut platziert und für die Handlung wesentlich, aber hier folgte ein Lebensrat auf den anderen.

„Puddin'“ ist kein schlechtes Buch. Es macht Spaß, die quierligen Charaktere zu entdecken und ihnen ins Erwachsenenleben zu folgen, allerdings kommt es bei weitem nicht an „Dumplin'“ heran, dass sehr viel sorgfältiger konstruiert wurde.

Rezension: „The Hazel Wood“ von Melissa Albert

34275232.jpg Titel: The Hazel Wood
Autorin: Melissa Albert
Verlag: Flatiron Books
Übersetzung: „Hazel Wood: Wo alles beginnt“ (erscheint am 16.8.2018 bei Dressler)

Inhalt:
„Seventeen-year-old Alice and her mother have spent most of Alice’s life on the road, always a step ahead of the uncanny bad luck biting at their heels. But when Alice’s grandmother, the reclusive author of a cult-classic book of pitch-dark fairy tales, dies alone on her estate, the Hazel Wood, Alice learns how bad her luck can really get: her mother is stolen away―by a figure who claims to come from the Hinterland, the cruel supernatural world where her grandmother’s stories are set. Alice’s only lead is the message her mother left behind: “Stay away from the Hazel Wood.”
Alice has long steered clear of her grandmother’s cultish fans. But now she has no choice but to ally with classmate Ellery Finch, a Hinterland superfan who may have his own reasons for wanting to help her. To retrieve her mother, Alice must venture first to the Hazel Wood, then into the world where her grandmother’s tales began―and where she might find out how her own story went so wrong.“

Rezension:

„The Hazel Wood“ war bereits auf der Frankfurter Buchmesse 2016 ein heiß gehandelter Titel, der nun im Januar 2018 veröffentlicht wurde.
Die Meinungen zu diesem Buch variieren stark von „total langweilig, die laufen nur rum“, über „der Schreibstil ist ganz ok“ bis zu „gruselig genial“.

Ich schließe mich der letzten Gruppe an.

Die Geschichte beginnt in der Tat ein wenig langsam. Wir lernen zunächst die Hauptfiguren kennen und ihre momentane Situation. Wir erfahren, dass sich Alice und ihre Mutter seit Jahren auf der Flucht befinden, aber warum und von wem bleibt unklar. Erst als Alice Mutter entführt wird, kommen die Dinge ins Rollen – aber dann so richtig.

Es tauchen gleich zu Beginn ein paar wundersame Charaktere auf, die nicht in diese Welt zu gehören scheinen, die zwar nicht sehr auffällig sind, aber denen eine seltsame Aura anhaftet. Mit diesem Kunstgriff hat mich die Autorin sofort an das Buch gefesselt und ich habe mich von Alice in ihr Abenteuer hineinziehen lassen, denn ich liebe fantastischen Realismus.
Allerdings schlug dieser „Realismus“ im Laufe der Story immer mehr in Fantasy um, doch zu diesem Zeitpunkt war ich bereits so Teil der Handlung, dass das für mich keinen Unterschied mehr machte.

„The Hazel Wood“ ist eine sehr intensive Erzählung mit extrem schrägen Gestalten, die selten etwas Gutes im Schilde führen. Es ist nicht die Bonbonwelt, die man aus anderen Fairy Tales kennt. Vielmehr erinnert das Buch an die ursprünglichen Grimmmärchen, die sehr dunkel und bedrohlich wirkten.
Ich musste die Lektüre von meinem Nachttisch verbannen, weil sie mir gruselige Träume beschert hatte, die mich den ganzen Tag beschäftigt hielten.

Besonders fasziniert hat mich die Tatsache, dass Alice Teil einer „Story“ ist und aus dieser entkommen möchte. Sonst treffen wir eher auf Protagonisten, die in ein Buch eintauchen möchten, Alice will ihrer niedergeschriebenen Bestimmung entkommen und sucht dafür ihre „Erfinderin“, die Autorin ihrer Erzählung „Alice Three Times“ auf.
Es geht um Veränderung und darum, dass jeder Einzelne nicht eine Geschichte *hat* sondern vielmehr eine Geschichte *IST* und diese verändern kann, was allerdings Kraft kostet.
Melissa Albert vermittelt den Lesern „ihr lenkt euer Schicksal selbst, ihr könnt eure Rolle, in die ihr hineingewachsen seid, wechseln“ und das ist eine sehr wichtige Mitteilung für alle Jugendlichen, die mit der eher düsteren Seite des Erwachsenwerdens zu kämpfen haben.

Über einige Charakteren wie Ella, Ellery Finch oder Althea hätte ich gern ein wenig mehr erfahren, allerdings ist wohl mindestens ein weiteres Buch geplant, in dem es vielleicht etwas mehr Hintergrundinformationen gibt.

„The Hazel Wood“ war für mich ein tolles, intensives und recht gruseliges Leseerlebnis!

Rezension: „H wie Habicht“ von Helen Macdonald

32708183.jpgTitel: H wie Habicht
Autorin: Helen Macdonald
Verlag: Ullstein
Originaltitel: H is for Hawk

Inhalt:
„Schon als Kind beschließt Helen Macdonald, Falknerin zu werden. Ihr Vater unterstützt sie in dieser ungewöhnlichen Leidenschaft, er lehrt sie Geduld und Selbstvertrauen und bliebt eine wichtige Bezugsperson in ihrem Leben. Als er stirbt, setzt sich ein Gedanke in Helens Kopf fest: Sie muss ihren eigenen Habicht abrichten. Sie ersteht einen der beeindruckenden Vögel, ein Habichtweibchen, das sie auf den Namen Mabel tauft, und begibt sich auf die abenteuerliche Reise, das wilde Tier zu zähmen.“

Rezension:

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„H wie Habicht“ der britischen Historikerin und Autorin Helen Macdonald gewann 2014 sowohl den Samuel-Johnson-Preis als auch den Costa Book Award.  Es ist eine Mischung aus Memoiren, Trauerbewältigung, Naturbeschreibung und einer Kurzbiografie des Schriftstellers T. H. White (1906 bis 1964).

Macdonald ist bereits seit früher Jugend Falknerin, eine Tätigkeit, über die ich bisher recht wenig wusste.
Das Abrichten des Habichts Mabel ist Dreh- und Angelpunkt dieses Buches, und so findet man darin unzählige Fachbegriffe aus der Beizjagd. Einige erklärt Macdonald, andere werden ohne Erläuterungen eingeworfen. Als Leser sollte man daher ein gewisses Interesse an diesem Thema mitbringen. Ich habe viele Dinge online recherchiert und viel über das Abrichten von Greifvögeln erfahren.

Alles in der Falknerei ist darauf ausgerichtet, einen wilden Vogel zu einem gezähmten Jagdpartner zu machen – entsprechend kriegerisch ist das Vokabular, das die Autorin verwendet, um ihre Geschichte zu erzählen.
Allerdings liest sich ihr Text wie Poesie, wenn sie ihre Umgebung beschreibt:

„Nachts aber, wenn der Regen orangefarbene Lichtpunkte an die Fensterscheiben pikste, träumte ich von dem Habicht, der durch die feuchte Luft woandershin verschwand. Ich wollte ihm folgen“

Während Macdonald den Verlust ihres Vaters verarbeitet und sich intensiv mit T. H. White und ihrem Habicht befasst, verfällt sie immer stärker in eine sehr esoterische Betrachtung ihrer Situation:

„Was mir auf den Straßen im Norden aber vielleicht auch hätte bewusst werden sollen, war, dass sich die Seele nach dem Verlust des Vaters nicht nur neue Väter in der Welt sucht, sondern auch ein neues Ich, mit dem sie diese neuen Väter lieben kann.“

Sie stellt Thesen auf, die für mich nicht immer nachvollziehbar waren. Ich fand mich irgendwann in der Welt von Mabel besser zurecht als in Helens Welt. Sie interpretiert viel in ihr eigenes Verhalten und das des Habichts hinein, verliert sich in seltsamen Gedanken und damit hin und wieder mich als Leserin.

Doch im Laufe der Zeit wird der ihr klar: „Ich glaube, ich habe eine leichte Depression“ und begibt sich nach der Trauerfeier für ihren Vater in Behandlung.
An dieser Stelle kehrt Normalität in ihr Leben zurück und die Geschichte läuft ein wenig plötzlich ins Alltägliche aus.

„H wie Habicht“ ist ein faszinierendes Buch, dessen Schreibstil mich gefesselt hat. Wäre es sachlicher verfasst worden, hätte ich vermutlich nicht genug Geduld für die etwas abgedrehten Ansichten der Autorin aufgebracht. So aber fühlte ich mich bis zum Schluss gut unterhalten.

Man muss Gefallen an „Nature Writing“ und etwas schrägen Menschen haben, um sich auf diese Erzählung wirklich einlassen zu können.

 

Buchweiser auf Facebook mit Leseclub

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Zu diesem Blog gibt es auf Facebook eine Seite, auf der ich einen kleinen Leseclub gestartet habe.

Im Mai lesen wir gemeinsam bis zum 15. Juni „Speicher 13“ von Jon McGregor.

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Ich freue mich über jeden, der – egal wo – mitlesen möchte!

Rasanter SUB-Zuwachs

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Das hier ist in den letzten 2 Wochen passiert.

Und das:

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13 neue Bücher sind auf meinen Lesestapel gewandert (in Worten „dreizehn“)!

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, zumal ich auch noch einige Bücher am Lesen bin…

Habt ihr auch hin und wieder solche ausufernden Buchkäufe?