Rezension: „Moxie“ von Jennifer Mathieu

33163378.jpg Titel: Moxie
Autorin: Jennifer Mathieu
Verlag: Roaring Brook Press

Klappentext:
„Vivian Carter is fed up. Fed up with her small-town Texas high school that thinks the football team can do no wrong. Fed up with sexist dress codes and hallway harassment. But most of all, Viv Carter is fed up with always following the rules.
Viv’s mom was a punk rock Riot Grrrl in the ’90s, so now Viv takes a page from her mother’s past and creates a feminist zine that she distributes anonymously to her classmates. She’s just blowing off steam, but other girls respond. Pretty soon Viv is forging friendships with other young women across the divides of cliques and popularity rankings, and she realizes that what she has started is nothing short of a girl revolution.“

Meinung:
„Moxie“ gehört zu den Büchern, die mir auf YouTube begegnet sind. Insbesondere Russell von „Ink and Paper Blog“ äußerte sich sehr begeistert über den Roman.

Mich hat die Geschichte geärgert.

Erwartet hab ich eine Antiheldin, die zur Heldin wird, die Dinge erst unüberlegt anstößt, dann mit wachsender Überzeugung hinter ihren Entscheidungen steht, Missstände offen anspricht, den Dialog mit Mitschülern und Lehrern sucht,..
Bekommen habe ich ein braves Mädchen, das gern mutig wäre, das heimlich in die Fußstapfen ihrer einst feministischen Mutter tritt, das sich in den tollsten Jungen der Schule verliebt, der so anders ist, als die anderen, das sich vor dem eigenen Mut fürchtet, ununterbrochen an sich selbst zweifelt – das bis zum Schluss die Antiheldin bleibt.

Die Autorin hat unglaublich dick aufgetragen: Mädchen haben an dieser Schule nur als Cheerleader eine wichtige Rolle inne, Jungs haben das Sagen, vergreifen sich an den Mitschülerinnen und alle Lehrer schauen weg, selbst eine „Fastvergewaltigung“ (ich bin nicht recht dahinter gestiegen, ob es letzten Endes eine war oder nicht), wird nicht ernst genommen, von niemanden.
Aber da ist Seth, Vivians Schwarm, der so untypisch Junge ist, der sich aber auch passiv im Hintergrund hält.

Ich mag diese Schwarz-Weiß-Sichten des Feminismus nicht. Männer und Frauen haben ihre dunklen Seiten, Männer und Frauen sind in Rollenvorstellungen gefangen, es gibt nicht nur „die bösen Jungs“ und die „unterdrückten Mädchen, die sich wehren müssen“.

Ich weiß, dass ich leicht reden habe, in einer Zeit, in der viele Frauen vor mir für die Rechte gekämpft haben, die ich heute genieße, aber „Moxie“ soll gerade die heutige Generation ansprechen und man sollte meinen, wir hätten mittlerweile erkannt, dass Umdenken und Dialog Veränderungen herbeiführen müssen und nicht die Verurteilung einer Gruppe und der passive Widerstand mit Flyern und Aufklebern, und einem „Bake Sale“ (seufz).

Wieso reden diese Mädchen nicht mit ihren Eltern oder wenigstens mit ihren Müttern? Wieso wenden sie sich nicht an Lehrerinnen (die im Buch nicht von Bedeutung sind)? Wieso sind ALLE verängstigt, wieso gibt es unter den vielen Schülern an dieser Schule nicht einen Haufen „vorlauter“ Mädels und Jungs, die ihre Stimme erheben?

Tut mir leid, aber das erscheint mir in keiner Weise realistisch zu sein. Auch nicht in Amerika. Selbst ich, die ich als schüchtern galt in meiner Schulzeit, habe in so einigen Situationen ohne nachzudenken den Mund aufgerissen und nicht über Konsequenzen nachgedacht. Und da draußen gibt es mehr von meiner Art, auch bei den jugendlichen Schülerinnen!

„Moxie“ ist in keiner Weise hilfreich für Mädchen, die sich untergebuttert fühlen. Sollen sie etwa nun auch Zines basteln und hoffen, dass eine Bewegung daraus entsteht!? Sollen sie heimliche Parties feiern, sich verschwestern und hoffen, dass man sie dennoch hört und sieht?!
Sollten sie nicht vielmehr das Gespräch mit Vertrauenspersonen suchen? Sollten sie nicht Ausschau nach Gleichdenkenden suchen, egal ob männlich oder weiblich?

Ich weiß, dass wir in keiner gleichberechtigten Welt leben, was übrigens auch im Hinblick auf andere Unterschiede gilt, aber diese Art von Feminismus wird uns nicht weiterbringen, sie wird die Kluft nur tiefer machen.

Rezension: „Little Fires Everywhere“ von Celeste Ng

34273236.jpgTitel: Little Fires Everywhere
Autorin: Celeste Ng
Verlag: Penguin Press

Klappentext:
„In Shaker Heights, a placid, progressive suburb of Cleveland, everything is planned — from the layout of the winding roads, to the colors of the houses, to the successful lives its residents will go on to lead. And no one embodies this spirit more than Elena Richardson, whose guiding principle is playing by the rules.
Enter Mia Warren — an enigmatic artist and single mother — who arrives in this idyllic bubble with her teenaged daughter Pearl, and rents a house from the Richardsons. Soon Mia and Pearl become more than tenants: all four Richardson children are drawn to the mother-daughter pair. But Mia carries with her a mysterious past and a disregard for the status quo that threatens to upend this carefully ordered community.
When old family friends of the Richardsons attempt to adopt a Chinese-American baby, a custody battle erupts that dramatically divides the town–and puts Mia and Elena on opposing sides. Suspicious of Mia and her motives, Elena is determined to uncover the secrets in Mia’s past. But her obsession will come at unexpected and devastating costs.“

Meinung:
Dieses Buch begegnete mir auf vielen Kanälen im Web und da sich so viele begeistert darüber äußerten, wurde ich neugierig.
Ich bin ohne große Erwartungen an die Geschichte herangegangen. Ich kannte weder die Autorin, noch hatte ich anfangs die Inhaltszusammenfassung gelesen.

Alles beginnt relativ langsam und ruhig in einer amerikanischen Kleinstadt in den 90ern. Zwei Familien (oder was davon übrig ist), die unterschiedlicher kaum sein könnten in ihrer Lebensweise, treffen aufeinander und ihre Schicksale verweben sich immer intensiver.
Mias Tochter Pearl ist häufiger Gast bei den Richardsons, deren Tochter Izzy wiederum findet man oft im Haus der Warrens.

Dann stößt man nach und nach auf Geheimnisse, erfährt mehr über die Hintergründe der einzelnen Charaktere und gerät unversehens in einen Strudel hochbrisanter Themen, zu denen insbesondere die weiblichen Protagonisten – Männer spielen in diesem Buch kaum eine Rolle – ihre Meinungen stark vertreten und wenig kompromissbereit sind.

Ich muss ehrlich sagen, dass mich irgendwann diese Frauen nur noch nervten. Alles drehte sich um Kinder haben, Kinder wollen, Kinder nicht wollen. Wer hat das Recht auf Mutterschaft, was macht es mit einem, wem gehören Kinder?
Fast schon philosophisch muteten einige Dialoge und Gedankengänge an und dennoch trafen alle Protagonistinnen extrem unkluge Entscheidungen für ihr Leben, die für mich als Leserin nicht immer nachvollziehbar waren.

Gegenseitiges Vertrauen, miteinander reden, gemeinsames Suchen nach Lösungen – all das sucht man hier vergebens. Konflikte werden entweder unter den Tisch gekehrt, gerichtlich durchgefochten oder man flieht vor ihnen.

Ich konnte mit diesen Lebensphilosophien und den Motiven der Handelnden wirklich wenig anfangen. Ich fand ihr Vorgehen zu aggressiv und egozentrisch.
Ich kann die Faszination für „Little Fires Everywhere“ nicht nachvollziehen.

Rezension: „Der Chor der Zwölf“ von Andreas Dury

36393558 Titel: Der Chor der Zwölf
Autor: Andreas Dury
Verlag: Conte (vielen Dank für das Rezensionsexemplar)

Auszug Klappentext:
„Der Informatiker Ludwig Pfahl hat in jahrzehntelanger Eigenbrötelei ein hochkomplexes System entwickelt, das jede Sprache versteht – die gesprochene und die geschriebene, die Sprache der Gesichter und das binäre Flüstern in den Datenwolken. Das Sterben seines Vaters ruft ihn zurück in das Haus seiner Kindheit. In seiner alten Heimat entdeckt er seine Vertrautheit mit der Natur und seine Sehnsucht nach Liebe und familiärer Geborgenheit wieder. Doch KAIRA, der Prototyp seines Computersystems, spielt bereits eine entscheidende Rolle in den Planungen einer geheimen Arbeitsgruppe der Europäischen Kommission.“

Meinung:
Die Koexistenz von Mensch und Maschine ist ein Thema, das immer aktueller und drängender wird. Bereits jetzt gibt es beeindruckende Werke im Bereich der künstlichen Intelligenz, mit denen man sich rechtlich, philosophisch und ethisch intensiv auseinandersetzen muss, um auf lange Sicht ein gutes Miteinander gewährleisten zu können.

Dury widmet sich in „Der Chor der Zwölf“ der Geburtsstunde des von Menschen erschaffenen Bewusstseins, das er eng mit der Figur eines Informatikers verknüpft, der im Laufe seines Berufslebens sein eigenes Ich immer mehr verloren und in die Entwicklung eines technischen Ichs gesteckt hat.
Als sein Vater stirbt, wird er mit der Vergänglichkeit alles Natürlichen konfrontiert, mit der er nur sehr schwer umgehen kann. Er vermag sie nicht – wie einen Computer – zu kontrollieren und zu steuern. In dem Moment jedoch, in dem er erkennt, dass er nicht mehr weiß, wer er als Mensch ist, „erwacht“ KAIRA, die von ihm maßgeblich entwickelte KI – ein neuronales Netz, das Informationen aufsaugt, analysiert und, so nimmt Pfahl an, am Ende etwas formt, was dem menschlichen Sein nahe kommt oder es gar übertrifft. Mit Schrecken stellt er fest, dass er auch diesen Prozess nicht weiter beeinflussen kann, dass andere Spieler ins Rennen gekommen sind, mit denen er nicht gerechnet hat und die eigene Motive verfolgen.
Als Pfahl schließlich die Tragweite seiner Handlungen realisiert und erneut mit einem Tod konfrontiert wird, findet er zu sich selbst zurück.

Das Buch beginnt sehr langsam und leise. Ich wusste lange nicht, was ich davon halten sollte. Erst ab der Hälfte kommt es ins Rollen und je weiter ich las, umso mehr glaubte ich, eine Absicht hinter diesem Aufbau zu erkennen. Es kann sein, dass ich damit völlig falsch liege, doch ich denke, der Autor hat nicht zufällig die 12 für seinen Roman gewählt. In der kulturgeschichtlichen und religiösen Symbolik gibt es Zahlen, denen eine besondere Bedeutung beigemessen wird, darunter sind u.a. die 3, die 6 und die 12. Steht die 12 beispielsweise im Alten Testament für Struktur und Ordnung, so wurde sie später wegen ihrer Teilbarkeit durch 3 und 4 (dreieiniger Gott, vier irdische Elemente) als Hinweis auf die kommende Erlösung interpretiert. Auch die EU, die in der Geschichte eine wesentliche Rolle spielt, trägt die Zahl 12 – repräsentiert durch Sterne – in ihrer Flagge.

Auffällig ist zudem, dass Dury sein Buch in 12 Kapitel unterteilt, die ich mir ein wenig genauer angeschaut habe, um zu sehen, ob ich mit meiner Vermutung richtig liege.
In Kapitel 3 (die Gotteszahl) wird Pfahls Vater beerdigt, in Kapitel 6 beginnt das Leben der Maschine (am sechsten Tag erschuf Gott die Menschen) und in Kapitel 12 wird der Protagonist sich wieder seiner eigenen Existenz bewusst und findet so seine Erlösung.

Ich könnte noch viel mehr zu diesen Deutungen schreiben, doch ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Allerdings bin ich überrascht, wie viele philosophische Gedanken „Der Chor der Zwölf“ in mir ausgelöst hat und genau darin liegt seine Stärke. Es ist nicht unbedingt ein spannendes Buch mit schillernden Charakteren. Vielmehr ist es ein Roman, der zum Nachdenken über die Zukunft des Menschen und die Komplexität der Welt, die wir zum Teil miterschaffen haben, anregt.

Ein Buch für jeden, der sich für Mathematik, Technik und mögliche Zukunftsszenarien interessiert.

Rezension: „Unsere Seelen bei Nacht“ von Kent Haruf

34664849.jpg Titel: Unsere Seelen bei Nacht
Autor: Kent Haruf
Verlag: Diogenes (zur Buchseite)
Originaltitel: Our Souls at Night (Knopf)

Klappentext:
„Holt, eine Kleinstadt in Colorado. Eines Tages klingelt Addie, eine Witwe von 70 Jahren, bei ihrem Nachbarn Louis, der seit dem Tod seiner Frau ebenfalls allein lebt. Sie macht ihm einen ungewöhnlichen Vorschlag: Ob er nicht ab und zu bei ihr übernachten möchte? Louis lässt sich darauf ein. Und so liegen sie Nacht für Nacht nebeneinander und erzählen sich ihre Leben. Doch ihre Beziehung weckt in dem Städtchen Argwohn und Missgunst.“

Meinung:
„Unsere Seelen bei Nacht“ ist der letzte Roman des 2014 verstorbenen Schriftstellers Kent Haruf – und ein wahres Kleinod.

Selten trifft man auf eine Erzählung, die mit wenigen Worten so viele Emotionen weckt. Sie beleuchtet die Einsamkeit in späteren Jahren, den Wunsch nach Nähe, schmerzlichen Erinnerungen, lange vergraben, nun behutsam an die Oberfläche zurückgeholt.
Im Dunkeln der Nacht verschwimmen die Kanten, alles wird gemeinsam erträglicher, aus den Schatten wachsen neue Kräfte für den Alltag.

Und es ist kein leichter Alltag, den Louis und Addie meistern müssen. Da sind die Nachbarn, die boshaft tratschen, der Enkel Jamie, für den Addie plötzlich Verantwortung übernehmen muss und da ist der Sohn, der um sein Erbe bangt und dem Freund seiner Mutter den weiteren Umgang mit ihr untersagt.

Ich bin kein besonders emotionaler Mensch und es haben bisher nur sehr wenige Bücher geschafft, mich zu berühren.
„Unsere Seelen bei Nacht“ hat mich zum Schmunzeln gebracht, ich habe getrauert, doch am stärksten war die Wut, die ich empfand, als der gierige Gene diese zarte Liebe unterbindet und Jamie als Druckmittel einsetzt. „Wie kann er nur?“, habe ich mich ereifert und war tatsächlich kurz davor, das Buch in die Ecke zu pfeffern.

So zärtlich diese tragische Liebesgeschichte auch geschrieben ist, so nah an der harten Realität ist sie dennoch. Wir rühmen uns damit, modern und aufgeschlossen zu sein, doch wenn es um unsere einsamen Hinterbliebenen geht, verhalten wir uns oft sehr kindisch und verstockt.

„Unsere Seelen bei Nacht“ mahnt uns leise, die Entscheidungen anderer zu respektieren oder zumindest zu tolerieren, gerade wenn es sich um nahe Menschen handelt. Jeder hat ein Recht auf einen Neuanfang und spätes Glück im Leben, auch wenn die Vergangenheit vielleicht voller Fehler und Leid steckt.

Ein wundervolles Buch, das durch seine sanften Töne besticht!

Rezension: „The Hate U Give“ von Angie Thomas

34530151.jpg Titel: The Hate U Give
Autorin: Angie Thomas
Verlag: Walker Books
Übersetzung: The Hate U Give (cbt)

„That’s the problem. We let people say stuff, and they say it so much that it becomes okay to them and normal for us.“

Klappentext:
„Sixteen-year-old Starr lives in two worlds: the poor neighbourhood where she was born and raised and her posh high school in the suburbs. The uneasy balance between them is shattered when Starr is the only witness to the fatal shooting of her unarmed best friend, Khalil, by a police officer. Now what Starr says could destroy her community. It could also get her killed.“

Meinung: 
Bereits mehrfach habe ich meine Rezension begonnen und wieder verworfen. Wie schreibe ich über eine Buch, das mich so sehr berührt und aufgewühlt hat? Wo fange ich an? Was möchte ich zur Sprache bringen?

„The Hate U Give“ ist keine einfache Geschichte. Sie erzählt vom Alltag einer „Ghettofamilie“, davon was es heißt, als Schwarze unter Schwarzen und unter Weißen zu leben, von ganz normalen Teenagersorgen, aber auch den bedrohlichen Situationen, den Banden, den Schüssen, der Gewalt.

Immer wieder versucht die junge Starr so etwas wie „Normalität“ zu leben, doch da sind so viele Dinge, die sich nicht „normal“ anfühlen: sie ist Teil einer Patchworkfamilie, ihr Vater ist ein ehemaliger Drogendealer, ihr Onkel ist Polizist, sie leben in einer nicht ungefährlichen Nachbarschaft, sie besucht eine „weiße Privatschule“, hat einen weißen Freund und musste schon mit 16 Jahren den gewaltsamen Tod zweier Menschen, die sie liebte, mitansehen.

So sehr sie auch versucht, sich sicher in beiden Welten zu bewegen, so stark wird sie hineingezogen in das, was schon lange vor ihrer Zeit begann und eine Eigendynamik entwickelt hat. Plötzlich wird sie zum Zentrum einer Bewegung, die ihr bislang unbekannt war, der sie aus dem Weg gegangen ist. Sie wollte eine unauffällige Teenagerin sein, ein ganz „normales weißes Leben“ führen, doch dann steht sie wegen ihrer Hautfarbe im Mittelpunkt. Sie muss sich damit auseinandersetzen, nicht so zu sein wie alle um sie herum.

Für mich ist Starr während des Lesens zu einer realen Person geworden. Ich verstehe ihre innere Zerissenheit, ihre Sorgen und auch die Wut, die in ihr erwacht, als sie merkt, dass es so etwas wie „Gerechtigkeit“ oder „Normalität“ nicht gibt. Doch sie lernt auch, dass jeder etwas dazu beitragen kann, Dinge zu verändern und dass es darauf ankommt, einander so zu akzeptieren, wie man ist.

Dies hätte sehr leicht eine moralische Erzählung werden können, aber der Autorin ist es gelungen, nichts zu überzeichnen, herunterzuspielen oder zu beschönigen. Am Ende lautet die Erkenntnis: „So einfach ist das alles nicht“ und dafür bin ich Angie Thomas sehr dankbar. Sie zeigt, dass es kein „Allheilmittel“ gegen Rassismus jeglicher Art gibt. Es gibt nur uns und unser Verhalten als Beispiel für einen respektvollen Umgang mit Andersartigkeit.

Es wurde schon oft geschrieben und ich schließe mich da an: „The Hate U Give“ sollte verpflichtende Schullektüre für alle Heranwachsenden werden.

Absolute Leseempfehlung!

 

Rezension: „Das Floß der Medusa“ von Franzobel

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Franzobel_128x209_Das Floß der Medusa.inddTitel: Das Floß der Medusa
Autor: Franzobel
Verlag: Hanser Literaturverlage (zur Buchseite)

„Ein Höllenschiff, auf dem das Leben eines vernünftigen Menschen ein Albtraum war. Menschlichkeit, Moral und Würde? All das schien hier nicht zu existieren.“

Klappentext:
„18. Juli 1816: Vor der Westküste von Afrika entdeckt der Kapitän der Argus ein etwa zwanzig Meter langes Floß. Was er darauf sieht, lässt ihm das Blut in den Adern gefrieren: hohle Augen, ausgedörrte Lippen, Haare, starr vor Salz, verbrannte Haut voller Wunden und Blasen … Die ausgemergelten, nackten Gestalten sind die letzten 15 von ursprünglich 147 Menschen, die nach dem Untergang der Fregatte Medusa zwei Wochen auf offener See überlebt haben. Da es in den Rettungsbooten zu wenige Plätze gab, wurden sie einfach ausgesetzt. Diese historisch belegte Geschichte bildet die Folie für Franzobels epochalen Roman, der in den Kern des Menschlichen zielt. Wie hoch ist der Preis des Überlebens?“

Das Floß der Medusa (Théodore Géricault) Le Radeau de la Méduse von Théodore Géricault (Quelle: Wikipedia)

Meinung:
Ich hatte dieses Buch auf der Longlist des Deutschen Buchpreises entdeckt und wäre ohne diese vermutlich nie darauf aufmerksam geworden.

Es ist anders als alles, was ich bisher in diesem Bereich gelesen habe und ich habe schon einige Werke zu Schiffsunglücken und gescheiterten Entdeckerreisen in den Händen gehabt.

Zunächst ist die Erzählperspektive einzigartig: ein allwissender Erzähler aus der heutigen Zeit beginnt die Einleitung zum „Floß der Medusa“, kommentiert anfangs hier und da mit ironischen Bemerkungen, zieht sich schließlich völlig aus dem Geschehen zurück und überlässt die Agierenden und die Lesenden ihrem Schicksal.

Dieser Erzähler macht uns auf zwei Figuren aufmerksam, nämlich auf den (erfundenen) Schiffsjungen Viktor und den Arzt Savigny, auf die sich nach und nach der Fokus legt.
Da ist auf der einen Seite der junge Heranwachsende mit einem Kopf voller Träume und auf der anderen Seite der Wissenschaftler, der bereits eine Menge über das menschliche Leben in Erfahrung gebracht hat.  Beiden gemein ist, dass sie über sich und den Zustand, in dem sie sich befinden, reflektieren und eine gewisse Distanz zu allem zu finden scheinen, während die übrige Schiffsbesatzung in den Strudel der Ereignisse hineingezogen wird und lediglich darauf reagiert statt zu agieren.

Es ist eine Schicksalsgemeinschaft, die von Anfang an unter keinem guten Stern steht. Ungebildete Mannschaftsmitglieder, unter denen das Recht des Stärkeren gilt, elitäre Reisende, die ihr Glück im Süden suchen und eine unfähige Führungsriege bilden von vornherein eine explosive Mischung.
So verwundert es auch nicht, dass die Ereignisse komplett aus den Fugen geraten, sobald die Medusa rettungslos gestrandet ist. Was vorher noch eine einigermaßen geregelte Überfahrt war (jeder Menschenschlag lebte nach seinen eigenen Gesetzen, was in Anbetracht der Enge mal besser und mal schlechter funktionierte), wurde in beängstigender Geschwindigkeit zu einer Gewaltorgie.

Hier hebt sich das Buch von weiteren Romanen dieser Art ab: sehr detailliert und graphisch schildert Franzobel die Grausamkeiten, beginnend mit der Eingewöhnungszeit des jungen Viktors als Teil der erbarmungslosen Besatzung, über das Verlassen des gekenterten Schiffes bis natürlich hin zu den Gräueltaten auf dem Floß.
Was Théodore Géricault mit Farbe und Pinsel eindrücklich dargestellt hat, erschafft der Autor mit Worten. Die Bilder, die er im Leser erzeugt, sind sehr, sehr deutlich, eindrücklich und verstörend. Sie verfolgten mich bis in den Schlaf und blitzen auch tagsüber immer wieder in meinem Kopf auf (ans Essen war beim Lesen übrigens auch nicht zu denken). 

Ich habe in anderen Rezensionen immer wieder etwas von einem „fehlenden moralischen Kompass“ gelesen und der Unfähigkeit des Kapitäns, der die Situation nicht nur herbeiführte, sondern sogar verschlimmerte. Ich stimme darin überein, dass man ihm, der das Kommando hatte, die Schuld am Unglück geben muss, aber alles, was danach folgte, war kaum aufzuhalten. Es hätte eines sehr starken Charakters gebraucht, um diese Situation zu lenken. Es ging um Leben und Tod – hier drängen sich alle Instinkte, die der Mensch noch hat, in den Vordergrund. Der Körper übernimmt das Ruder, der Verstand muss sich beugen und tut er es nicht, ist entweder der Körper kräftig genug, diesen Zustand zu überstehen oder er ist dem Untergang geweiht.
Moral funktioniert meiner Meinung nach nur dort, wo man sich keinerlei Gedanken darüber machen muss, ob man beim nächsten Augenzwinkern noch existiert oder das Zeitliche segnet.
Zur Moral ist auch nur derjenige fähig, der über sein Tun reflektiert, der genug Bildung genossen hat, um bewusst zu handeln statt sich seinen Neigungen hinzugeben. Moral erfordert Verstand und Disziplin – und ideale Umgebungsbedingungen und kein sinkendes Boot.
Ein moralischer Kompass konnte hier gar nicht greifen, dazu war die Lage zu extrem, die Gemeinschaft zu unterschiedlich. Es ist ein tragisches Ereignis, was sich hier abgespielt hat, aber es ist kein Zeichen für den Untergang der Menschlichkeit in Zeiten großer Not.

Es gäbe noch viele Aspekte, die ich in meiner Rezension erwähnen und diskutieren könnte, doch es mus sich jeder sein eigenes Bild machen und die Erzählung auf sich wirken lassen.

„Das Floß der Medusa“ ist ein Meisterwerk der Literatur, ein mächtiges Schauspiel und eine Darbietung dessen, was Wörter zu können vermögen, werden sie nur richtig eingesetzt.