Rezension: „Der Chor der Zwölf“ von Andreas Dury

36393558 Titel: Der Chor der Zwölf
Autor: Andreas Dury
Verlag: Conte (vielen Dank für das Rezensionsexemplar)

Auszug Klappentext:
„Der Informatiker Ludwig Pfahl hat in jahrzehntelanger Eigenbrötelei ein hochkomplexes System entwickelt, das jede Sprache versteht – die gesprochene und die geschriebene, die Sprache der Gesichter und das binäre Flüstern in den Datenwolken. Das Sterben seines Vaters ruft ihn zurück in das Haus seiner Kindheit. In seiner alten Heimat entdeckt er seine Vertrautheit mit der Natur und seine Sehnsucht nach Liebe und familiärer Geborgenheit wieder. Doch KAIRA, der Prototyp seines Computersystems, spielt bereits eine entscheidende Rolle in den Planungen einer geheimen Arbeitsgruppe der Europäischen Kommission.“

Meinung:
Die Koexistenz von Mensch und Maschine ist ein Thema, das immer aktueller und drängender wird. Bereits jetzt gibt es beeindruckende Werke im Bereich der künstlichen Intelligenz, mit denen man sich rechtlich, philosophisch und ethisch intensiv auseinandersetzen muss, um auf lange Sicht ein gutes Miteinander gewährleisten zu können.

Dury widmet sich in „Der Chor der Zwölf“ der Geburtsstunde des von Menschen erschaffenen Bewusstseins, das er eng mit der Figur eines Informatikers verknüpft, der im Laufe seines Berufslebens sein eigenes Ich immer mehr verloren und in die Entwicklung eines technischen Ichs gesteckt hat.
Als sein Vater stirbt, wird er mit der Vergänglichkeit alles Natürlichen konfrontiert, mit der er nur sehr schwer umgehen kann. Er vermag sie nicht – wie einen Computer – zu kontrollieren und zu steuern. In dem Moment jedoch, in dem er erkennt, dass er nicht mehr weiß, wer er als Mensch ist, „erwacht“ KAIRA, die von ihm maßgeblich entwickelte KI – ein neuronales Netz, das Informationen aufsaugt, analysiert und, so nimmt Pfahl an, am Ende etwas formt, was dem menschlichen Sein nahe kommt oder es gar übertrifft. Mit Schrecken stellt er fest, dass er auch diesen Prozess nicht weiter beeinflussen kann, dass andere Spieler ins Rennen gekommen sind, mit denen er nicht gerechnet hat und die eigene Motive verfolgen.
Als Pfahl schließlich die Tragweite seiner Handlungen realisiert und erneut mit einem Tod konfrontiert wird, findet er zu sich selbst zurück.

Das Buch beginnt sehr langsam und leise. Ich wusste lange nicht, was ich davon halten sollte. Erst ab der Hälfte kommt es ins Rollen und je weiter ich las, umso mehr glaubte ich, eine Absicht hinter diesem Aufbau zu erkennen. Es kann sein, dass ich damit völlig falsch liege, doch ich denke, der Autor hat nicht zufällig die 12 für seinen Roman gewählt. In der kulturgeschichtlichen und religiösen Symbolik gibt es Zahlen, denen eine besondere Bedeutung beigemessen wird, darunter sind u.a. die 3, die 6 und die 12. Steht die 12 beispielsweise im Alten Testament für Struktur und Ordnung, so wurde sie später wegen ihrer Teilbarkeit durch 3 und 4 (dreieiniger Gott, vier irdische Elemente) als Hinweis auf die kommende Erlösung interpretiert. Auch die EU, die in der Geschichte eine wesentliche Rolle spielt, trägt die Zahl 12 – repräsentiert durch Sterne – in ihrer Flagge.

Auffällig ist zudem, dass Dury sein Buch in 12 Kapitel unterteilt, die ich mir ein wenig genauer angeschaut habe, um zu sehen, ob ich mit meiner Vermutung richtig liege.
In Kapitel 3 (die Gotteszahl) wird Pfahls Vater beerdigt, in Kapitel 6 beginnt das Leben der Maschine (am sechsten Tag erschuf Gott die Menschen) und in Kapitel 12 wird der Protagonist sich wieder seiner eigenen Existenz bewusst und findet so seine Erlösung.

Ich könnte noch viel mehr zu diesen Deutungen schreiben, doch ich möchte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Allerdings bin ich überrascht, wie viele philosophische Gedanken „Der Chor der Zwölf“ in mir ausgelöst hat und genau darin liegt seine Stärke. Es ist nicht unbedingt ein spannendes Buch mit schillernden Charakteren. Vielmehr ist es ein Roman, der zum Nachdenken über die Zukunft des Menschen und die Komplexität der Welt, die wir zum Teil miterschaffen haben, anregt.

Ein Buch für jeden, der sich für Mathematik, Technik und mögliche Zukunftsszenarien interessiert.

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