Rezension: „Brüste und Eier“ von Mieko Kawakami

Titel: Brüste und Eier
Autorin: Mieko Kawakami
Übersetzung: Katja Busson
Verlag: Dumont

Vielen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Inhalt:
„An einem drückend heißen Sommertag wird die dreißigjährige Natsuko von ihrer älteren Schwester Makiko und deren Tochter Midoriko in Tokio besucht. Makiko, die mit zunehmendem Alter mit ihrem sich verändernden Körper nicht zurechtkommt, ist davon besessen, sich einer Brustvergrößerung zu unterziehen. Währenddessen ist ihre zwölfjährige Tochter Midoriko von der einsetzenden Pubertät überfordert und sieht sich außerstande, in einer Gesellschaft, die alles Intime und Körperliche tabuisiert, ihre Ängste, Bedürfnisse und Fragen offen zu kommunizieren. Und auch die asexuelle Natsuko hadert mit der Frage, welche Rolle noch bleibt – als unverheiratete Frau, die nicht mehr Tochter ist und vielleicht nie Mutter sein wird.“

Rezension

Da der August dem Thema „Women in Translation“ gewidmet ist, wollte auch ich mich damit ein wenig bewusster auseinandersetzen und habe mir mit Kawakami eine Autorin aus einem Land herausgesucht, aus dem ich bislang nur sehr wenig gelesen habe.
Ich bin mit der japanischen Kultur nicht sehr vertraut, was mir meist den Zugang zu dieser Literatur erschwert, habe mich aber im Hinblick auf diese Rezension ein wenig informiert, weil ich den Roman nicht vorschnell beurteilen wollte.

Der erste Eindruck

Zunächst einmal fiel mir auf, dass dieses Buch zweigeteilt ist.

Im ersten Teil bzw. dem ersten Drittel treffen wir auf die Schwester und Nichte der Protagonistin, die zunächst im Hintergrund bleibt. Wir erfahren vielmehr etwas über die Sorgen und Nöte von Makiko, die unbedingt neue Brüste haben möchte und außerdem eine schwierige Phase mit Midoriko durchlebt, die Angst vor der Pubertät und nicht mag, wie sich ihr Körper verändert.

Es ist ein sehr intensives Leseerlebnis gekoppelt mit diffusen Ängsten der Frauen, einem Einblick in ihr doch eher ärmliches Leben und den Schwierigkeiten, denen sie im Alltag ausgesetzt sind.

Im nächsten Teil konzentriert sich die Geschichte auf Natsuko, die eigentliche Protagonistin, die mit 38 Jahren als Single den Wunsch verspürt, ein Kind zu bekommen, sich jedoch vor Sex ekelt und auch keine Beziehung mit einem Mann eingehen möchte.

Dieser Abschnitt ist extrem philosophisch mit Figuren, die nur dazu da sind, um Zweifel in Natsuko zu wecken und die allgemeine Anschauung zu dieser Problematik darzulegen. Es gibt keine echten Beziehungen zwischen ihnen, alles bleibt undefiniert, doch die Gespräche sind sehr intim.

Das große Fragezeichen

Ich wusste anfangs überhaupt nicht, was ich mit diesem Roman anfangen sollte. Er erschien mir trotz aller Gedanken zu Schönheitsoperationen, Sex und Samenspende ein wenig oberflächlich und belanglos. Ich verstand auch nicht, wieso wir erst die Schwester kennenlernen, die später kaum noch eine Rolle spielt.

Also habe ich ein wenig recherchiert.

Der erste Teil des Buches wurde 2008 als Novelle herausgegeben. Erst 2019 erweiterte die Autorin ihre ursprüngliche Idee und brachte diese Version als eigenes Buch heraus.
Dieses, eigentlich als „Summer Stories“ erschienen, wurde in viele Sprachen übersetzt und sorgte in Japan für einige Debatten.

Das Rollenbild der Frauen in Japan

Ich lernte bei meiner Recherche, dass es in Japan noch viele Traditionalisten gibt, die die Rolle der Frau darin sehen, ein Kind zu bekommen, den Haushalt zu führen, sich um die Erziehung zu kümmern und noch dazu das Einkommen der Familie aufzustocken.

Nach wie vor gibt es auch genügend Frauen, die dieses Bild leben, ohne sich je darüber zu beschweren oder diese Ansicht infrage zu stellen.

Indem Kawakami Frauenfiguren auftreten lässt, die ihr Leben selbstbestimmt und ohne Männer an ihrer Seite bestreiten wollen, die sich mit ihrer Weiblichkeit beschäftigen und ihre Rolle neu definieren, rüttelt sie ein wenig an den Grundfesten des japanischen Patriarchats und setzt ein neues Denken in Bewegung.

Mein Lesefazit

Ich denke, dass man dieses Buch nur dann wirklich begreift, wenn man entweder in der japanischen Kultur heimisch ist oder sich gut damit auskennt. Europäische LeserInnen werden – wie ich anfangs – vielleicht nicht die Bedeutung all dieser tiefgründigen Dialoge zwischen den Frauen in diesem Buch sofort begreifen und es als „seltsame ChickLit“ abtun.

Es lohnt sich aber, sich damit mehr auseinanderzusetzen und zu schauen, was die Autorin damit ankreidet, welche rebellischen Tendenzen diese Geschichte in ihrem Kern aufweist.

„Eier und Brüste“ von Mieko Kawakamiist eine sehr wichtige Lektüre, für die man sich ein wenig Zeit nehmen sollte und die nicht nur der Unterhaltung dient.

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