Rezension: „Ich an meiner Seite“ von Birgit Birnbacher

Titel: Ich an meiner Seite
Autorin: Birgit Birnbacher
Verlag: Hanser

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Inhalt:
„Arthur, 22, still und intelligent, hat 26 Monate im Gefängnis verbracht. Endlich wieder in Freiheit stellt er fest, dass er so leicht keine neue Chance bekommt. Ohne die passenden Papiere und Zeugnisse lässt man ihn nicht zurück ins richtige Leben. Gemeinsam mit seinem unkonventionellen Therapeuten Börd und seiner glamourösen Ersatzmutter Grazetta schmiedet er deshalb einen ausgefuchsten Plan. Eine kleine Lüge, die die große Freiheit bringen könnte …“

Rezension

„Ich an meiner Seite“ steht auf der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises. Die Leseprobe klang sehr interessant und mit 273 Seiten ist es ein Buch, das man gut mal „zwischendurch“ lesen kann.

Die Story

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass der Klappentext interessanter klingt, als sich die eigentliche Geschichte dann entwickelt. Es geht nicht vordergründig, wie man annehmen könnte, um eine Resozialisierung und eine Gewissensfrage. Beides spielt natürlich eine Rolle, findet aber eher nebenbei statt, während wir etwas über Arthurs Leben von früher Kindheit bis zu seiner jetzigen Situation erfahren.

Es gibt nicht wirklich einen „ausgefuchsten Plan“, wie man in der Inhaltszusammenfassung lesen kann, es gibt lediglich ein paar Papiere, die den Neustart erleichtern sollen, aber nichts Konkretes, wie es dann für ihn weitergehen soll.
Insofern bekommen die LeserInnen etwas versprochen, was zwar im Text durchaus vorhanden ist, aber einen Spannungsbogen andeutet, der so nicht existiert.

Die Figuren

Die Hauptfigur Arthur ist mit Anfang 20 noch ein sehr junger Mann und basiert auf einem tatsächlichen Menschen, der Ähnliches erlebt hat, was aber – wie aus einem Interview mit der Autorin, das ich kürzlich gesehen hatte – nicht bis ins Detail so passiert ist. Gerade der Moment, in dem sein Leben ins Wanken geraten ist, wurde von Birnbacher „so weit wie möglich weg geschrieben“, damit er sich nicht psychisch davon belastet fühle.

Arthur ist sicher ein interessanter Charakter, aber die Autorin verwendet einen sehr nüchternen und distanzierten Sprachstil, um seine Erlebnisse zu schildern. Man hat nie das Gefühl, ihn wirklich zu kennen und kann für sein Schicksal kein großes Interesse aufbringen. Zumindest ich konnte das nicht.

Die Empathie wäre vielleicht stärker geweckt worden, wäre da nicht die komische Nebenfigur „Börd“, der als tragisch-humoristisches Element – ähnlich wie in Shakespeares Stücken – eine „bedeutungsschwere“ Erzählung auflockern soll. Ja, das ist durchaus gelungen, aber so gut, dass man sich beim Lesen eher über seine Anwesenheit freute als mit Arthur mitzufühlen.

Es gibt noch ein paar weitere Charaktere, die in Arthurs Leben eine größere Rolle spielen, aber hier sehr blass bleiben.

Mein Lesefazit

„Ich an meiner Seite“ plätschert so ein wenig vor sich hin. Das Thema „Resozialisierung“ stand für mich nicht so sehr im Vordergrund wie ich aufgrund der Beschreibung erwartet hatte. Es gab zwar zu Beginn eine recht gewalttätige Situation, verlief sich aber sehr schnell in ruhigere Bahnen.

Ja, es gibt ein Problem mit Wiedereingliederung von Insassen, aber dieses Buch legt nicht gerade den Zeigefinger in die Wunde. Es erzählt von einem einzigen Schicksal und das scheint zwar schlimm gewesen zu sein, aber auch nicht dramatisch genug, um sich darüber zu empören oder zum Nachdenken darüber angeregt zu werden.

„Ich an meiner Seite“ von Birgit Birnbacher ist ein nett gemachter Roman, den man aber nicht unbedingt lesen muss.

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