Rezension: „Marie spiegelt sich“ von Isabella Archan

28500793 Titel: Marie spiegelt sich
Autorin: Isabella Archan
Verlag: Conte Verlag

Klappentext:
„Winter in Köln: Marie ist dreizehn, Marie liebt ihren Stoffbären und Marie schreibt gern. Sie erwacht in einem kalten Raum, dessen einziges Fenster zugemauert ist. Ihr Aufbäumen, ihr Widerstand, ihre Fluchtversuche scheitern und schließlich bleiben nur Durst und Kälte und Angst.
Maries Schule in Köln-Brück ist der letzte Ort, an dem sie gesehen wurde.
Die Kripo Köln sucht fieberhaft, die Mutter verzweifelt und Willa Stark muss tief graben, um die Hoffnung am Leben zu halten.
Doch auch die Zeit der jungen Grazer Polizistin läuft ab und als die Suche nach Marie scheitert, sich alte wie neue Spuren im Schnee verlieren, helfen nur noch Mut und Waghalsigkeit.“

Meinung:
„Marie spiegelt sich“ ist der zweite Fall der Ermittlerin Willa Stark von Isabella Archan – einer sehr sympathischen, engagierten Autorin, die ich auf der Frankfurter Buchmesse kennenlernen durfte.

„Helene geht baden“, das erste Buch der Reihe, hatte ich bereits vor drei Jahren gelesen und ich konnte mich nicht mehr gut an die Ermittlerin erinnern. Das spielt allerdings für diese Geschichte keine große Rolle. Es sind nicht Willa und ihre Kollegen, die hier im Vordergrund stehen, sondern das Opfer Marie und „Es“, die Figur, die lang im Dunkeln bleibt und für die Polizei schwer greifbar ist.

Mich haben der Schreibstil und die Charakterdarstellung von Marie unglaublich beeindruckt. Selten gelingt es einer deutschen Krimiautorin, ein solch eindrückliches Bild nicht nur von der Tat, sondern auch der Psyche von Opfer und Täter zu zeichnen. Viele Schriftsteller in diesem Genre konzentrieren sich auf Spurensuche und Verfolgung, nicht so Isabella Archan. Mit sehr viel Liebe zu Details gelingt es ihr, Personen zu erschaffen, mit denen man sich verbunden fühlt, deren Schicksale einem nicht egal sind, von denen man gern wissen würde, wie ihr Leben sich weiterentwickelt. Fast poetisch mutet ihre Erzählung an, die eigentlich nichts mit Poesie gemein hat.

Interessant ist auch, dass die Polizisten und selbst Willa Stark in diesem Katz-und-Maus-Spiel nicht die wahren Helden sind. Es sind Zufälle, aufmerksame Beobachtungen und mutige Heranwachsende, die die Geschichte prägen und letzten Endes zu einem guten Ausgang bringen.

Isabella Archan beweist mit „Marie spiegelt sich“, dass der deutschsprachige Kriminalroman noch lang nicht vom Aussterben bedroht ist und sehr gut mit Werken aus UK oder den USA mithalten kann.

Ein tolles Leseerlebnis, das ich jedem ans Herz legen kann!

Rezension: „Grimms Morde“ von Tanja Kinkel

36308168.jpg Titel: Grimms Morde
Autorin: Tanja Kinkel
Verlag: Droemer

Klappentext:
„Kassel, 1821: Die ehemalige Mätresse des Landesfürsten wird nach Märchenart bestialisch ermordet. Die einzigen Indizien weisen ausgerechnet auf die Gebrüder Grimm. Weil die Polizei nicht in Adelskreisen ermitteln kann, die sich lieber Bericht erstatten lassen, anstatt Fragen zu beantworten, kommen den Grimms Jenny und Annette von Droste-Hülshoff zur Hilfe. Ein Zitat aus einer der Geschichten, welche die Schwestern zur Märchensammlung der Grimms beigetragen hatten, war bei der Leiche gefunden worden. Bei ihrer Suche müssen sich die vier aber auch ihrer Vergangenheit stellen: Vorurteilen, Zuneigung, Liebe – und Hass, und diese Aufgabe ist nicht weniger schwierig. In einer Zeit, wo am Theater in Kassel ein Beifallsverbot erteilt wird, damit Stücke nicht politisch missbraucht werden können, Zensur und Überwachung in deutschen Fürstentümern wieder Einzug halten und von Frauen nur Unterordnung erwartet wird, sind Herz und Verstand gefragt.“

Meinung:
Eigentlich bin ich kein Fan historischer Romane, aber wie kann ich einem Krimi widerstehen, der die Brüder Grimm in einen Zusammenhang mit Morde bringt?

Zu den Grimms habe ich ein gespaltenes Verhältnis: ich mag keine Märchen, allerdings hatte sich mein Vater (Deutschlehrer) intensiv mit Märchen und Sagen befasst und die Grimms gehörten schon allein deswegen zu seinen bevorzugten Autoren, da sie einen Bezug zu unserer Heimat haben. Die Brüder besuchten als Jurastudenten die Philipps-Universität Marburg – und ich trat sozusagen in ihre Fußstapfen 😉

Noch bevor ich das Buch begonnen hatte, habe ich die Autorin auf der Frankfurter Buchmesse bei einer kurzen Lesung gesehen. Ich war beeindruckt, wie ausführlich sie sich mit den geschichtlichen Fakten befasst, wie viel Leidenschaft sie in die Recherche steckt und was sie alles über die Zeiten zu berichten weiß, in denen sie ihre Romane ansiedelt.

So war ich beim Lesen regelrecht überwältigt von all den Details, die mir rund um die eigentliche Story begegneten: So viele Informationen über das historische Kassel, die Vorgänge in den Adelskreisen, die politischen und privaten Verwicklungen. Ich musste das Buch immer wieder zur Seite legen, weil es voller Fakten steckt, die alle ihren Teil zum Gesamtwerk beitragen und ich das alles nicht „in einem Rutsch“ verarbeiten konnte.

Die Autorin gibt sich zudem große Mühe, den gesellschaftlichen Umgangston möglichst genau zu treffen. Das führt einerseits dazu, dass der Roman sich etwas „sperrig“ liest, andererseits ist es sehr authentisch und versetzt die Leser unmittelbar in das Jahr 1821.

Ich bin positiv überrascht von „Grimms Morden“ und Tanja Kinkel. Das war mit Sicherheit nicht das letzte Buch, das ich von ihr gelesen habe.

Rezension: „Camino island“ von John Grisham

34121119.jpg Titel: Camino Island
Autor: John Grisham
Verlag: Doubleday
Übersetzung: Das Original (Heyne Verlag)

Klappentext:
 „A gang of thieves stage a daring heist from a secure vault deep below Princeton University’s Firestone Library. Their loot is priceless, but Princeton has insured it for twenty-five million dollars.
Bruce Cable owns a popular bookstore in the sleepy resort town of Santa Rosa on Camino Island in Florida. He makes his real money, though, as a prominent dealer in rare books. Very few people know that he occasionally dabbles in the black market of stolen books and manuscripts.
Mercer Mann is a young novelist with a severe case of writer’s block who has recently been laid off from her teaching position. She is approached by an elegant, mysterious woman working for an even more mysterious company. A generous offer of money convinces Mercer to go undercover and infiltrate Bruce Cable’s circle of literary friends, ideally getting close enough to him to learn his secrets.
But eventually Mercer learns far too much, and there’s trouble in paradise as only John Grisham can deliver it.
 “

Meinung:
Ich weiß nicht wirklich, was ich zu diesem Buch groß schreiben soll, außer „Was bitte war das denn?“

Es begann wie ein Thriller mit einer guten und spannenden Idee.
Im Mittelteil gab es dann lediglich feiernde und Alkohol trinkende Autorinnen und Autoren und gegen Ende eine unglaublich kitschige Bettgeschichte.

Vermutlich soll der Roman ein wenig an Fitzgerald und „The Great Gatsby“ erinnern, anders kann ich mir diesen furchtbaren Plot nicht erklären.

Muss man nicht lesen.

Rezension: „Grandhotel Angst“ von Emma Garnier

36017578.jpg Titel: Grandhotel Angst
Autorin: Emma Garnier
Verlag:  Penguin Verlag (zur Buchseite)

Klappentext:
„Italien, März 1899. Die junge Nell reist mit ihrem Mann Oliver an die ligurische Küste, um in Bordighera ihre Flitterwochen zu verbringen. Das Paar logiert im luxuriösen Grandhotel Angst. Nell ist von dem großartigen Gebäude, dem exotischen Hotelpark und dem Blick aufs funkelnde Meer fasziniert. Doch zu ihrer Überraschung kennt Oliver nicht nur bereits das Personal und einige Gäste, sie scheinen auch Geheimnisse zu teilen. Als ein Hotelgast überraschend verstirbt, beginnt Nell, nachzuforschen. Und stößt auf eine Geschichte von Schuld und Verrat – und auf eine unheimliche Legende, die sie in ihren Bann zieht. Bis sie plötzlich selbst im Verdacht steht, ein Verbrechen begangen zu haben …“

Meinung:
Was passt besser in den Herbst, als eine „unheimliche Legende“ in einem Hotel, das „Angst“ heißt? Das klingt nach Gänsehaut und verspricht spannende Leseabende.

Von Emma Garnier hatte ich bis zu diesem Roman noch nichts gehört und wer ein wenig recherchiert, wird merken, dass es ein Pseudonym ist. Hinter diesem Namen steckt die deutsche Schriftstellerin Heike Koschyk oder auch  Sophie Bonnet.
Dass sie reichlich Schreiberfahrung besitzt, merkt man sofort. Hatte ich ein wenig skeptisch ein holpriges Debütwerk erwartet, wurde ich schon auf den ersten Seiten von einem flüssigen und zur Epoche, in der die Geschichte spielt, passenden Schreibstil überrascht.

Auch die Handlung selbst hat mir sehr gut gefallen. Es gibt interessante Figuren und eine überzeugende Charakterentwicklung der Protagonistin, die am Ende sogar ein paar feministische Züge annimmt. Lässt sie sich zunächst noch von den Geistergeschichten beeindrucken, besinnt sie sich irgendwann und versucht, dem Geheimnis auf die Spur zu gehen, selbst wenn dies ihre junge Ehe gefährdet.

Es gibt einige unerwartete Wendungen in diesem Buch, die für anhaltende Spannung bis zum Schluss sorgen. Auf den letzten Twist hätte ich persönlich zwar verzichten können, aber das ist Geschmacksache und tut dem übrigen Geschehen keinen Abbruch.

„Grandhotel Angst“ ist tatsächlich eine hervorragende Lektüre für neblige Oktobertage und wer noch ein passendes Halloweenbuch sucht, sollte dieses in Erwägung ziehen.

Rezension: „Durst“ von Jo Nesbø (SPOILER)

35826160 Titel: Durst
Autor: Jo Nesbø
Serie: Harry Hole #11
Verlag: Ullstein (zur Buchseite)
Erscheint am: 15.09.2017
Originaltitel: Tørst

Inhalt:
„Ein Serienkiller findet seine Opfer über die Dating-App Tinder. Die Osloer Polizei hat keine Spur. Der einzige Spezialist für Serientäter, Harry Hole, unterrichtet an der Polizeihochschule, weil er mehr Zeit für seine Frau Rakel und ihren Sohn Oleg haben möchte. Doch Holes alter Chef Mikael Bellmann kennt Olegs Vergangenheit und setzt Hole unter Druck. Der Kommissar gibt schließlich nach und arbeitet hochkonzentriert mit seinen Leuten an dem Fall. In einer Atmosphäre der Angst zögern viele Frauen, sich weiter über die App zu verabreden. Die schlimmsten Befürchtungen werden wahr, als tatsächlich eine weitere junge Frau verschwindet, ausgerechnet eine Kellnerin aus Holes Stammlokal. Und der Kommissar kann nicht länger die Augen davor verschließen, dass der Mörder für ihn kein Unbekannter ist.“

Meinung:
Um es gleich vorweg zu sagen: ich bin kein Fan skandinavischer Thriller/Krimis, versuche mich aber immer wieder daran. Von Nesbø hatte ich bereits das Buch „Leopard“ gelesen, was mir so gar nicht gefallen hatte, aber ich wollte der Reihe eine zweite Chance geben.

Skeptisch war ich bereits, als die App „Tinder“ erwähnt wurde. Es ist immer schwierig, eine Erzählung mit Begriffen aus der Gegenwart des Schreibenden zu spicken. Zum einen verschwinden diese Dinge vermutlich irgendwann wieder, zum anderen gibt es noch sehr viele LeserInnen, die nicht internetaffin sind und mit Apps nichts anzufangen wissen.
Problematisch ist, dass diese Software vom Autor nicht näher erläutert wird. Nicht jedem dürfte die Eigenart von „Tinder“ bekannt sein, was eventuell den Einstieg in die Geschichte etwas erschwert.  Allerdings spielt sie ab einem gewissen Zeitpunkt auch keine Rolle mehr für den Rest der Story, was ich ebenfalls etwas seltsam fand. Warum sie zuerst betonen und in den Mittelpunkt stellen, wenn anschließend nichts mehr damit geschieht?

Kommen wir zu den Figuren: Frauen werden in diesem Roman entweder abgeschlachtet, sind schwach oder werden comicmäßig überzeichnet.
Männer sind Antihelden, dominant, verschlagen und berechnend.
Es mag sein, dass es über die gesamte Serie hinweg, Charakterentwicklung gibt, aber vermutlich wird sie sich in voraussehbaren Bahnen entwickeln. Ich kann mich natürlich irren, allerdings hätte ich mir etwas mehr Abwechslung bei der Darstellung der Personen gewünscht.

Fand ich die Geschichte spannend? Jein. Anfangs gab es einen Mord nach dem anderen, die Ermittlungen liefen nur langsam an.
Den zweiten Teil fand ich dann etwas interessanter, weil hier die typische Täterjagd begann.
Der Schluß wiederum wurde meiner Meinung nach viel zu sehr in die Länge gezogen. Man hätte dieses Buch gut nach den ersten beiden Teilen abschließen können, stattdessen gab es immer mehr Verwicklungen und „Überraschungen“ – bis schließlich am Ende fast jede Figur mit jeder anderen in irgendeinem Zusammenhang stand. Warum das alles? Warum konnte der Autor nicht einfach einige Fäden ungelöst lassen? Er schreibt eine Serie und verwendet auch Stücke aus vorherigen Büchern. Er hätte lose Enden für weitere Geschichten verwenden können, ohne dass der Stand-Alone-Charakter von „Durst“ daran gelitten hätte. Ein guter Thriller beantwortet nicht alle Fragen und führt nicht alle Figuren zu einer „großen Familie“ zusammen.

Für mich war zu viel in der Story vorhersehbar und klischeehaft. Schon als der sogenannte „Experte“ hinzugezogen wurde, ahnte ich, in welche Richtung es sich entwickeln würde. Die ausgelegten roten Heringe konnten mich auch nicht ablenken, selbst diese waren zu typisch.

Ich weiß, dass meine Meinung zu Nesbø seltener vertreten wird. Ich kann den Hype um diese Serie nicht so recht nachvollziehen, aber letzten Endes ist Lesen etwas sehr Individuelles, in das eigene Erfahrungen und Vorstellungen einfließen.
Mit „Durst“ endet für mich jedenfalls die Harry-Hole-Geschichte. Wir werden einfach keine Freunde…

 

 

Rezension: „Halali“ von Ingrid Noll

Pressebild_HalaliDiogenes-Verlag_72dpi Titel: Halali
Autorin: Ingrid Noll
Verlag: Diogenes Verlag (zur Buchseite)

„Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass ein Grizzly und ein Jäger selten zu Freunden werden.“

Klappentext:
„Natürlich sind Karin und Holda auf Männerjagd, schließlich wollen sie nicht alleine bleiben. Doch auch auf sie wird Jagd gemacht: Eine ganz besondere Sorte Romeos ist im Bonn der Nachkriegszeit im Einsatz. ›Halali‹ – das Sekretärinnendasein wird zum Abenteuer, der graue Alltag ist vorbei. Wehe dem, der ins Visier gerät.“

Meinung:
Ingrid Noll, eine der erfolgreichsten Krimiautorinnen der Gegenwart, hat in ihrem neuesten Werk „Halali“ eigene Erinnerungen mit erfundenen gekonnt verwoben.
Holda, die etwa in Nolls Alter ist und wie sie in Bonn lebte, verrät ihrer Enkelin Laura ein nicht ganz so harmloses Geheimnis aus ihren jungen Jahren.

Ein wenig ausschweifend – wie ältere Menschen nun mal erzählen und wie ich es von meiner eigenen Großmutter kenne – beginnt Holda ihre Geschichte. Zunächst scheint es, als wären wir gemeinsam mit ihr und ihrer Freundin Karin einem Verbrechen auf der Spur, doch dann verläuft plötzlich alles ganz anders als erwartet…
Mehrmals überraschte mich die Autorin mit Wendungen, die ich so nicht hatte kommen sehen. Zu keinem Zeitpunkt wusste ich, in welche Richtung sich die Handlung bewegen und wie sie wohl enden würde.

Mit sehr viel Spaß habe ich die Freundinnen auf ihrem gefährlichen Abenteuer begleitet und mich dabei über die Gepflogenheiten der damaligen Zeit amüsiert, die ich aus Anekdoten meiner eigenen Verwandtschaft gut kenne.
Den Kontrast zur heutigen Zeit, geschildert in Episoden mit der Enkelin, fand ich zwar interessant, aber nicht wirklich nötig für die Geschichte.

„Halali“ ist kein typischer Kriminal- und/oder Spionageroman. Es gibt zwar einen Spannungsbogen, doch er streckt sich sehr langsam über das Buch und wird mit einem Augenzwinkern aufgebaut.
Obwohl das, was passiert, eigentlich sehr ernst ist, erscheint es eher als ein übermütiger Ausrutscher – ungeplant und unschuldig.

Ingrid Noll ist ein Garant für gute und humorvolle Unterhaltung und auch ihr neues Werk enttäuscht nicht.
„Halali“ ist für alle, die Antiheldinnen mögen und ein wenig in Nostalgie schwelgen möchten.