Montagsfrage: #ownvoice

Es ist Montag und mich hat der Alltag wieder eingeholt. Alles fühlt sich noch etwas zäh an, aber so ist das ja immer nach dem Urlaub.

Schauen wir lieber, was Antonia heute wissen möchte: Kann ein Autor über etwas außerhalb der eigenen Erfahrung schreiben? (Und muss er es sogar?)

Das ist ein Thema, mit dem ich mich gedanklich schon seit einer Weile befasse und mir nicht sicher bin, wie ich es bewerten soll.

Die Diskussion kam bereits vor einiger Zeit – so um 2016 herum –  das erste Mal auf Twitter unter #ownvoice auf. Damals ging es zunächst um Kinderbücher, später dann auch um „queer“-Literatur, also Bücher über Menschen aus Randgruppen.

Viele LeserInnen fordern, dass nur solche AutorInnen über spezielle Erfahrungen wie Homosexualität, Behinderung,… schreiben sollten, die es auch selbst erlebt haben. Das muss aber nicht immer gut gehen.

George

Mein erstes Negativbeispiel für #ownvoice ist das Buch „George“ von Alex Gino. Sie haben schon ein Problem damit, die Zielgruppe zu definieren: sind es die Kinder, die sich falsch zugeordnet fühlen oder die Erwachsenen, die mit solchen Kindern umgehen?
Dann drängen sie den Charakter extrem in die maskuline Ecke. Nur weil jemand ein Junge sein möchte, heißt es nicht, dass er auch ein entsprechend „männliches Verhalten“ an den Tag legen muss. Sie thematisieren die Alltagsprobleme nicht genug und überhaupt ist es erzählerisch misslungen.

#ownvoice heißt noch lang nicht, dass jemand empathisch genug ist, seine Erfahrungen in eine Figur zu transportieren und zwar so, dass sie von allen verstanden wird. Vielleicht kann das tatsächlich jemand besser, der diese Erfahrungen nicht gemacht, sich aber sehr einfühlsam in andere hinzuversetzen versucht – und der noch dazu die Erzählkunst besser beherrscht.

American Dirt

Brandaktuell und heiß diskutiert ist derzeit „American Dirt“ von Jeanine Cummins, eine Erzählung über eine mexikanische Mutter, die mit ihrem Sohn über die Grenze nach Amerika fliehen muss, weil sie im eigenen Land von einem Drogenboss verfolgt wird.

So weit, so gut. Geschrieben hat dieses Buch eine Weiße (ok, ihre Oma stammt aus Puerto Rico), die keinerlei Erfahrung mit Immigration hat. Zwar erwähnte sie, dass ihr Mann jahrelnag ein nicht gemeldeter Immigrant gewesen sei – was sie aber verschwieg war, dass er aus Irland eingewandert war – nicht aus Mexiko und nicht unter diesen verschräften Umständen.

Viele Latinx werfen Cummins nun vor, die Problematik herabzuwürdigen. Ihre Figuren seien ausgesprochen klischeehaft, das Verhalten der Portagonistin unrealistisch (sie hat in der Story genug Geld, um sich in einen Flieger zu setzen und so in die USA einzureisen, wählt aber den gang durch die Wüste) und ihre spanischen Ausdrücke seien sprachlich falsch eingesetzt worden.

Das alles wäre vermutlich gar nicht so hochgekocht, hätte a) der Verlag nicht eine siebenstellige Summe dafür gezahlt und nun die entsprechende Marketingmaschinerie angeworfen, um das Geld wieder einzufahren und hätte b) Oprah dieses Buch nicht als ein Werk für ihren sehr populären Buchclub gewählt und als „den Migrationsroman schlechthin“ bezeichnet.
Da war der Aufschrei – zu Recht – groß, denn es gibt genug „Betroffene“, die bereits über dieses Thema geschrieben haben, die aber im weißen Verlagswesen untergehen. Überhaupt wirft das ein erschreckendes Bild darauf, wie wenig divers diese Branche ist und wie wenig kritisch dieser Roman intern bereits betrachtet wurde.

Ich könnte jetzt auch noch ein paar Worte über das romantische Cover mit Stacheldraht verlieren, aber das würde den Rahmen der Montagsfrage sprengen…

Mein persönliches Fazit

Es gibt für beide Seiten – erzählt aus eigener Erfahrung oder nicht – genug Negativ- und Positivbeispiele.
Bei Themen, mit denen ich mich noch nicht ausgiebig befasst habe, würde mir wohl ein stereotypisches Erzählen nicht einmal auffallen, was es nicht unbedingt besser macht.

Ich sehe es nicht so, dass ausschließlich #ownvoice-Romane in gewissen Bereichen publiziert werden sollte, aber ich erwarte von einem Verlag, der etwas auf sich hält, dass er den Text auf Klischees hin überprüft und ggf. eine Nachbesserung anregt.

Wie seht ihr das?

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