Rezension: „Power“ von Verena Günter

buch-powerTitel: Power
Autorin: Verena Günter
Verlag: Dumont

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Inhalt:
Die selbstbewusste Kerze ist gerade noch ein Kind. Sie lebt in einem kleinen, von Wald und Feldern umgebenen Dorf, das kaum mehr zweihundert Bewohner hat. Die Alten, zu denen die Nachbarin Hitschke gehört, sind in der Überzahl. Kerze verteidigt ihr Dorf gegen den Schwund, sie ist hier fest verwurzelt. Eines Tages geht Power, der Hund der Hitschke, verloren, und Kerze verspricht, ihn zu finden. Eine mitreißende, schonungslose Suche beginnt, der sich immer mehr Kinder anschließen. Als die Kinder schließlich im Wald verschwinden, erklärt die Dorfgemeinschaft den Ausnahmezustand.
Mit außergewöhnlicher Sprachmacht, Scharfsinn und mit enormem Einfühlungsvermögen erzählt Verena Güntner die Geschichte einer Radikalisierung und davon, was mit einer Gemeinschaft geschieht, die den Kontakt zu ihren Kindern verliert. ›Power‹ führt hinein in den Schmerz derer, die zurückbleiben, und zeigt mit großer Kraft, was es braucht, um durchzuhalten, weiterzumachen und Sinn zu finden in einer haltlos gewordenen Welt.

Rezension

„Power“ von Verena Günter wurde im Bereich Belletristik für den Leipziger Buchpreis 2020 nominiert und ist sicherlich ein Buch, das die Gemüter scheidet.

Das Setting

Die Autorin hat als Umfeld für ihre Geschichte ein winziges Dorf mitten im Nichts gewählt. Eine Stadt scheint in erreichbarer Nähe zu sein, aber die Bewohner führen ein sehr ländliches Dasein. Eine echte Gemeinschaft scheint nicht zu existieren. Jeder kennt jeden, aber niemand kümmert sich um seine Nachbarn. Es ist ein Setting, wie wir es heutzutage häufiger in Deutschland vorfinden: Kleine Orte, nur die Alten und Kinder sind noch da, wer Arbeit sucht, zieht in die Stadt, wer die Einsamkeit nicht erträgt, schaut sich nach einem neuen Zuhause um. Zugezogene, die vielleicht wegen guter Grundstückspreise gekommen sind, bleiben ihr Leben lang Außenseiter. Das Dorf hat keine Seele mehr.

Die Charaktere

Im Zentrum des Geschehens steht ein 11-jähriges Mädchen, das sich selbst Kerze nennt. Sie lebt mit ihrer Mutter allein, tritt sehr selbstbewusst auf und lässt sich Aufträge von anderen erteilen, die sie stets erledigt. Sie ist zuverlässig und beobachtet ihre Umgebung sehr genau. All die anderen Figuren in diesem Buch sind Nebendarsteller: die alte Frau Hitschke, die ihren Hund vermisst, von ihrem Mann erst geschlagen und dann verlassen wurde, der Großbauer, der um seine Existenz kämpft, dessen Frau ihn verlassen hat und der seinen Sohn demütigt, der Jugendliche Henne, der mit seinem rechten Gedankengut dort allein dasteht, aber dennoch Teil aller ist, die Kinder, die wenig Beachtung von den Erwachsenen finden – der Antagonist dieser Geschichte ist die Situation als solche, das von archaischen Strukturen geprägte Dorf und die passive Frustration seiner Bewohner.

Der Erzählstil

Verena Günter wahrt Distanz zu ihrer Erzählung. Ihre Sätze sind knapp und emotionslos, sie schildert Tatsachen statt Erlebnisse. Umso bedrückender ist die Wandlung von Kerze, die vom aufgeweckten, ein wenig vernachlässigtem Kind zur strengen Anführerin mutiert. Es geschieht sehr langsam, anfangs belächelt man sie noch, doch nach und nach verdüstert und verdichtet sich das Geschehen. Plötzlich fehlen all die idyllischen Beschreibungen der Umgebung, plötzlich verschmelzen die Kinder mit dem Wald und leben wie Tiere in ihm. Was zu Beginn noch alles ein wenig harmlos klang, wurde schleichend zur Dystopie.

Symbolik und Botschaft

Diese düstere Geschichte, die so nah an der Realität ist, versteht man vielleicht eher, wenn man sie erlebt hat, wenn man wie ich aus einem 200-Seelen-Dorf kommt, das auf lange Sicht dem Untergang geweiht ist, weil es keine Perspektive für die junge Generation darin gibt. Mag der Ort irgendwann einmal voller Leben gewesen sein, Autos, Fernsehen, Internet, fallende Lebensmittelpreise und Existenznöte haben ihn zu einem trostlosen Ort gemacht. Die Eltern gehen ihren eigenen Problemen nach, sie vertrauen darauf, dass den Kindern „schon nichts passiert“, man ist ja auf dem Land. Sie lassen ihnen sämtliche Freiheiten, ohne sie zu lehren, was sie damit machen sollen. Mich verwundert es da gar nicht, dass ein Mädchen wie Kerze, das es im Prinzip nur gut meint und Dinge selbst in die Hand nehmen möchte, plötzlich mit einem irrsinnigen Experiment alle in seinen Bann zieht und ausprobiert, wie weit ihre Macht reicht.

Ich weiß nicht, ob und was die Autorin ihren LeserInnen mit „Power“ vermitteln möchte. Ich erkenne darin aber sehr deutlich die gesellschaftlichen Probleme, wie wir sie momentan oft im ländlichen Bereich vorfinden. Was aus der Ferne so romantisch erscheinen vermag, ist im Kern alles andere als harmonisch und perfekt. Es gibt kaum noch funktionierende Gemeinschaften auf den Dörfern, doch jeder wiegt sich in Sicherheit. „Da kann doch nichts passieren, wir wissen ja, wo unsere Kinder sind.“ Es ist sehr trügerisch, sich darauf zu verlassen. Schneller als man denkt, kann sich eine Eigendynamik entwickeln, die geprägt ist von Unkenntnis und Langeweile. Man kann die eigene Verantwortung nicht an die Natur übergeben. Kinder mögen auf dem Land glücklicher und freier aufwachsen, dennoch benötigen sie eine Perspektive und Orientierung. Das sollte man bei all den „Landlebenbilderbuchszenarien“ niemals vergessen.

Mein Fazit

Mich hat „Power“ von Verena Günter sehr beeindruckt. Ich habe darin viel wiedergefunden, das ich aus meiner eigenen Dorfkindheit kenne. Es ist nicht immer alles Gold, was glänzt und genau das bringt diese Erzählung auf den Punkt.

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