„Zwischen zwei Sternen“ von Becky Chambers

35075705Titel: Zwischen zwei Sternen
Autorin: Becky Chambers
Serie: Wayfarers #2
Verlag: Fischer TOR
Originaltitel: A Closed and Common Orbit (Hodder & Stoughton)
Übersetzung: Karin Will

Inhalt:
„Früher hatte Lovelace ihre Augen und Ohren überall. Als KI-System der Wayfarer hat sie alles mitbekommen, was auf ihrem Raumschiff passierte, und für das Wohlbefinden der Crew gesorgt, für die Lovelace immer mehr eine Freundin war als nur ein System.
Dann kam der totale Systemausfall. Ihre Crew sah nur eine Möglichkeit, Lovelace zu retten: Ein Reboot all ihrer Systeme. Als sie aufwacht, ist sie in einem Bodykit gefangen, mit all seinen Beschränkungen – in einer Gesellschaft, in der eine solche Umwandlung verboten ist. Doch Lovelace ist nicht allein: Pepper, eine Technikerin, die ihr Leben riskiert hat, um die KI zu retten, hilft Lovelace, ihren Platz in der Welt zu finden. Denn Pepper weiß selbst nur zu genau, wie es ist, ganz auf sich allein gestellt zu sein und das Universum neu kennenzulernen …“

Meine Meinung:
Das erste Buch dieser Reihe hatte ich bereits vor einiger Zeit gelesen. Es konnte mich eigentlich nicht so recht begeistern, dennoch griff ich aus einer Laune heraus zum zweiten Band, der mir in einer örtlichen Buchhandlung ins Auge gesprungen war.

Ich habe diesen Kauf nicht bereut.

Die Hauptfiguren

Wie schon im ersten Band stehen auch in diesem die Figuren im Vordergrund, weniger die SciFi-Welt als solche. Doch während es in Teil 1 eine ganze Crew ist, deren Weg wir folgen, so ist es hier auf zwei bzw. drei Charaktere begrenzt.

Zunächst ist da Sidra, die zuvor als Lovelace ein Schiff gelenkt hat. Sie ist eine hochentwickelte KI, die nun in einem synthetischen Körper steckt, der ihr einerseits mehr Freiheiten gibt, sie andererseits jedoch beschränkt.

Außerdem lernen wir Pepper kennen, die Technikerin, die Lovelace damals gerettet hat. Sie gehört zwar zur menschlichen Rasse, wurde allerdings viele Jahre liebevoll von einer KI namens „Eule“ aufgezogen und ihrerseits gerettet.

So unterschiedlich die Herkunft von Sidra und Pepper auch sein mag, so sehr ähneln sie sich in ihrer Entwicklung. Beide müssen ihre Umgebung erkunden, sich darin zurechtfinden, ihre Stärken und Schwächen ausloten, um sich schließlich über ihre Umstände erheben zu können.

Diversity

Die Autorin verwebt geschickt diese Schicksale von Mensch und KI zu einer faszinierenden Geschichte in einer Welt voller schillernder Wesen, für die es nicht auf das Äußere oder das Geschlecht ankommt. Vielmehr geht es um ein friedliches, verständnisvolles Miteinander in einer sehr diversen Gesellschaft und darum, offen zu sein für das, was einen verbindet.
Es sind nicht die Unterschiede, die Chambers im Gegensatz zu vielen anderen SciFi-Autoren hervorhebt, sondern die Gemeinsamkeiten.
Diversity bedeute für sie optische, soziologische und kulturelle Vielfalt, die letzten Endes aber darauf fußt, dass jedes Individuum empfindsam ist und seinen Platz in der Welt nur mit Hilfe anderer ausfüllen kann.
Diversity ist in diesem Buch gelebte Selbstverständlichkeit.

Mein Leseeindruck

Mich hat „Zwischen den Sternen“ emotional stärker berührt, als ich es erwartet hatte.
Peppers Überlebenswille, Eules Hilfsbereitschaft und Sidras Selbstfindung haben mich nachdenklich gestimmt. Gäbe es zwischen KI und Mensch am Ende vielleicht doch so keine große Kluft, wie einige Prognosen es andeuten, wenn KIs empfindungsfähig wie wir wären? Würde der Verstand tatsächlich die Emotionen überlagern oder wäre es nicht doch alles ein wenig komplexer?

Mir hat der zweite Band der Wayfarers-Reihe ausgesprochen gut gefallen, so gut, dass ich den dritten Band vorbestellt habe, der Ende März auf Deutsch erscheinen wird.

Ein lesenswertes Buch auch die diejenigen, die nicht gern zu SciFi greifen.

Serie und Buch: „Midnight, Texas“ – ein Vergleich

Seit dem 31. Januar 2019 wird auf dem Pay-TV-Sender SYFY die Serie „Midnight, Texas“ zum ersten Mal auch in Deutschland ausgestrahlt, von der im amerikanischen Fernsehen bereits zwei Staffeln gezeigt wurden.

Die Geschichte basiert auf den Büchern von Charlaine Harris, die auch die Vorlage zu „True Blood“ geliefert hatte und auf Deutsch im Heyne Verlag erschienen sind

Mir wurde freundlicherweise vom Verlag ermöglicht, die ersten beiden Folgen der Serie mit dem erst Buch zu vergleichen.

Film vs. Buch – Der Anfang

Der Pilotfilm begann ein wenig ungewöhnlich. Wir begegnen sofort dem Protagonisten Manfred, erfahren ein Bruchstück aus seinem Leben und können die Motive für seinen hastigen Aufbruch nach Midnight erahnen, währen wir uns im Buch unmittelbar im Ort befinden.
Wer ohne jegliche Kenntnisse in die Sendung einsteigt, erfährt so jedoch in den ersten Minuten, dass es hier viele übernatürlichen Phänomene geben wird, das Genre wird sozusagen festgelegt.

Überhaupt ist die erste Folge ein wenig verwirrend für mich gewesen. Die Charaktere werden – im Gegensatz zur gedruckten Version – in sehr kurzer Zeit vorgestellt und das gesamte Intro umfasst grob die ersten 100 Seiten des Romans.
Ich fragte mich mehrfach, wie man so aus dem ersten Band eine ganze Staffel drehen konnte, wenn das Geschehen so sehr gestrafft wurde.

Da ich beim Schauen stets das Buch im Hinterkopf hatte und auch darin blätterte, um mich zurecht zu finden, fiel es mir wirklich schwer, mich auf die filmische Erzählung einzulassen

Die Schauspieler

Da waren zunächst die Schauspieler, die mich ablenkten, weil sie in meinem Kopf völlig anders ausgesehen hatten. Insbesondere Lemuel passt so gar nicht zur Beschreibung aus dem Buch. Sie wirkten alle ein wenig zu perfekt, zu gestylt, fast schon ein wenig langweilig.

Aber ich hatte zu schnell über sie geurteilt, denn in der zweiten Folge begann die Charakterentwicklung und es kristallisierten sich Stärken und Besonderheiten der einzelnen Figuren heraus und nach und nach musste ich zugeben, dass die Besetzung recht gut gelungen ist, auch wenn sie von meiner Phantasie abweicht.

Sehr gefallen haben mir Lemuel, Olivia und Fiji, ein wenig blass Creek und Bobo. Gerade Bobo tritt im Buch viel stärker in Erscheinung als in den ersten beiden Folgen der Serie.

Das Übernatürliche

Es wurde rasch klar, dass die Verfilmung einen Schwerpunkt auf das Übernatürliche legt, das Charlaine Harris eher subtil eingesetzt hat in ihrer Geschichte.
Die Folgen waren durchdrungen von Geistern, Dämonen und anderen paranormalen Erscheinungen, die hier sozusagen den Antagonisten bilden, was man im Buch auf diese Weise nicht findet.

Dabei waren die Szenen teilweise so stark überzogen, dass sie eher albern wirkten, was aber durchaus Absicht sein könnte. Ich bin daraus während der ersten beiden Folgen nicht so recht schlau geworden. Sollte es witzig wirken oder war es einfach nur schlecht gemacht?

Doch da diese andere Dimension in eigener Bestandteil in der Serie ist und es zum Spannungsbogen dazugehört, fand ich es insgesamt hier stimmig und interessant.

Die eigentliche Story

Die Autorin erzählt im ersten Band von einem Kriminalfall, in dem das Schicksal der einzelnen Figuren mehr oder weniger verwoben wird und in dem die Gemeinschaft der Bewohner von Midnight im Vordergrund steht.

Dass der Zusammenhalt auch in der Serie eine große Rolle spielen wird, merkt man bereits früh, doch der Mord tritt zugunsten der Tatsache, dass das Böse diesen Ort durchdringt und in die Welt einzubrechen droht, stark in den Hintergrund.

Man kann sagen, dass sich die Serie grob an den Büchern orientiert, es gibt viele Elemente, die man wiederfindet, aber ansonsten eine ganz eigene Story mit einer eigenen Dynamik entwickelt.

Mein Fazit

War ich beim Pilotfilm noch sehr skeptisch, was die Umsetzung des Buches betraf, so muss ich sagen, dass die zweite Folge mich ziemlich fasziniert hat, auch wenn sie sich vom Text entfernt oder ihn vielmehr anreichert.
Es sind noch genug bekannte Dinge enthalten, um die „Handschrift“ der Autorin zu erkennen, doch auch ausreichend fremde Erscheinungen, um mich auf den weiteren Verlauf neugierig zu machen.

Wer weitere Hintergrundinformationen zur Serie sucht und sich ein besseres Bild verschaffen möchte, sollte einen Blick in die IMdB werfen, wo „Midnight, Texas“ bei über 10.000 Bewertungen immerhin 7,5 von möglichen 10 Sternen bekommen hat.

Ich finde die filmische Umsetzung zwar nicht überragend, aber interessant genug, um sie mir weiter anzuschauen und auch Band 2 und 3 der Bücher noch zu lesen.

„Prophet der sechs Provinzen“ von Robin Hobb

40379474 Titel: Prophet der sechs Provinzen
Autorin: Robin Hobb
Serie: Das Erbe der Weitseher #2
Verlag: Penhaligon
Originaltitel: The Golden Fool
Übersetzung: Eva Bauche-Eppers

Inhalt:
„Fitz Weitseher hat Prinz Pflichtgetreu befreit und ist mit ihm nach Bocksburg zurückgekehrt. Nun steht der Heirat des Prinzen mit Prinzessin Elliania von den Roten Korsaren scheinbar nichts mehr im Weg. Doch die Anspannung im Volk der Sechs Provinzen und der Widerstand der Adligen wächst stetig, und selbst Bocksburg ist nicht mehr sicher. Widerstrebend willigt Fitz ein, den Prinzen zu beschützen und ihn in der Gabe zu unterrichten. Da trifft er auf einen Anwender dieser magischen Fähigkeit, der sie weit effektiver als er selbst einzusetzen vermag; von dem niemand wusste – und der Haus Weitseher zu Grunde richten könnte …“

Meine Meinung:
Dies ist das zweite Buch der zweiten Trilogie von Robin Hobb rund um die Weitseher, das ich gelesen habe und meine Begeisterung für diese Reihe ist weiterhin ungebrochen.

Fitz, der Protagonist, hat sich zurückgezogen aus der Gesellschaft und sich ein beschauliches Leben aufgebaut – bis er erneut von seiner Vergangenheit eingeholt wird und schneller als er denkt, wieder inmitten der politischen Probleme seiner königlichen Familie steckt.
Er scheint sich seinem Schicksal nicht entziehen zu können, doch dieses Mal versinkt er nicht in Selbstmitleid wie im ersten Band, sondern er beginnt, sein Handeln zu reflektieren, Vergleiche zu ziehen und sich Fehler einzugestehen.

Ja, die Entwicklung der Geschichte und auch die der Figuren geht nur sehr langsam voran und es gibt Szenen, die sich zunächst nicht einordnen lassen, durch die man sich ein wenig quälen muss, die aber später ihren Platz im Gesamtbild finden. Doch die mangelnde Spannung wird ausgeglichen durch die Tiefe der Hauptfiguren, die immer wieder neue Seiten offenbaren, immer wieder zu überraschen vermögen.

Robin Hobb hat mir mit den Chroniken der Weitseherfamilie eine „Leseheimat“ geschenkt: sobald ich mich auf sie einlasse, versinke ich darin und vergesse tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben Raum und Zeit um mich herum beim Lesen.

Jetzt bleibt mir nur noch ein Band aus dieser Serie, was mich ein wenig in Panik versetzt. Aber nichts hindert mich daran, irgendwann noch einmal ganz von vorn zu beginnen.

Absolute Leseempfehlung!

 

„Eisige Tage“ von Alex Pohl (Spoiler)

39989645Titel: Eisige Tage
Autor: Alex Pohl
Verlag: Penguin

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Inhalt:
„Winter in Leipzig, die Stadt erstarrt in Eiseskälte. In einem Auto am Elster-Saale-Kanal wird die steifgefrorene Leiche eines Anwalts gefunden. Was für die erfahrene Kommissarin Hanna Seiler und ihren eigenwilligen Kollegen Milo Novic zunächst nach einem Routine-Mordfall aussieht, entpuppt sich rasch als ein Dickicht krimineller Verstrickungen: Im Besitz des Toten finden sie belastendes Material, darunter das Foto eines minderjährigen Mädchens, das seit einer Woche vermisst wird. Während die Stadt im Schnee versinkt, müssen die Ermittler eine düstere Welt betreten, in der schon die Jüngsten gefährliche Spiele treiben.“

Meine Meinung:
Alex Pohl, der bisher unter dem Pseudonym L.C. Frey einige Thriller im Selbstverlag veröffentlicht hat, konnte nun seinen ersten Kriminalroman bei einem namenhaften Verlag publizieren.

„Eisige Tage“ begann für mich zunächst ein wenig verwirrend. Wir steigen im Jahr 1952 an einem unbekannten Ort ein, wechseln dann nach Leipzig, erfahren hier jedoch nur Tag und Monat, kein Jahr, springen innerhalb der Stadt von Schauplatz zu Schauplatz und lernen dabei so einige Figuren kennen.
Die Leiche, die anfangs gefunden wird, gerät bei all diesen Informationen, die auf den Leser einprasseln, ein wenig ins Hintertreffen. Ich wusste irgendwann nicht mehr, ob mich ihr Schicksal überhaupt interessierte und worauf das alles hinauslaufen sollte.

Bis zur Hälfte der Geschichte musste ich mich daher mehr oder weniger zum Lesen zwingen und blätterte oft hin und her, um die Zusammenhänge zu verstehen.
Erschwerend kam hinzu, dass der Fall im Russenmilieu angesiedelt ist und ich über viele Namen stolperte, deren korrekte Aussprache ich nicht kannte.

Doch im zweiten Teil des Buches fügten sich langsam die Fragmente zusammen. Es entstand zwar ein etwas klischeehaftes Bild – Winter, Russen,  Banden, Mädchenhandel, Kinderpornografie -, das jedoch nun immerhin an Spannung zunahm.

Auch die beiden Hauptfiguren, das Ermittlerpaar Novic und Seiler bekamen jetzt einen größeren Handlungsspielraum. Fand ich es zu Beginn sehr schwierig aufgrund der Vielzahl an Charakteren, einen Zugang zu ihnen zu erhalten, so entwickelten diese Figuren nun etwas mehr Tiefe, allerdings nicht genug, um sich als LeserIn vollends auf ihre Seite schlagen zu können.

„Eisige Tage“ ist ein etwas ungewöhnlicher Kriminalroman, der nicht so sehr von einem Mordfall oder starken Persönlichkeiten lebt. Das Interesse besteht vielmehr darin, die einzelnen Puzzleteile am Ende zusammengesetzt zu sehen und das große Ganze zu begreifen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat mit die zweite Hälfte des Romans recht gut unterhalten, auch wenn ich mir eine klarere Handlungslinie und etwas weniger Klischees gewünscht hätte.

„Stella“ von Takis Würger

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Titel: Stella | Autor: Takis Würger | Verlag: Hanser

Inhalt:
„Es ist 1942. Friedrich, ein stiller junger Mann, kommt vom Genfer See nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in die geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg. Eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: „Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt.“ Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt: Wird sie, um ihre Familie zu retten, untergetauchte Juden denunzieren? Eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht – über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe.“

Meine Gedanken zum Buch: 
Selten greife ich zu einem Buch, das Feuilletons kontrovers diskutiert wird und noch seltener zu einer Geschichte aus der Kriegszeit. Doch bei „Stella“ wurde ich neugierig, insbesondere als die Erben der publizistischen Persönlichkeitsrechte von Stella Goldschlag forderten, Stellen in diesem Roman schwärzen zu lassen. So etwas passiert nur noch ausgesprochen selten und ich wollte mir selbst ein Bild machen.

Das zentrale Thema

Der Titel will uns weismachen, diese Erzählung handle von der historischen Figur Stella Goldschlag, zumal auch ihr Antlitz auf dem Cover abgedruckt ist.

Doch eigentlich steht hier etwas ganz anderes im Vordergrund. Alles dreht sich um die Frage „Was ist Wahrheit?“ oder „Wann wird etwas zu einer Lüge?“.

Würger greift diese Thematik schon sehr früh auf, als sein Protagonist sich zu einem Dummjungenstreich bekennt und dabei feststellen muss: „Manchmal tut es weh, wenn man das Richtige tut“ (S. 23).
Im Laufe seiner stetigen Suche nach Wahrheit („Jemand muss die Gerüchte von der Wirklichkeit trennen“, S. 34) begegnet Fritz unterschiedlichen Facetten der Realität. Er lernt junge Leute im Krieg kennen, die nach das Verbotene kosten und tagsüber Teil der Gewaltmaschinerie sind. Er beobachtet sein eigenes Tun mit Verwunderung („Ich fragte mich, warum ich den Degen in die falsche Hand genommen hatte und ob das eine Lüge war“, S. 75) und lernt schließlich Stella kennen, eine Frau voller Widersprüche, die er in seiner Naivität und Unbefangenheit jedoch erst sehr spät entdeckt.
Letzten Endes gelangt Fritz zu der deprimierenden Einsicht: „Das Leben formt uns zu Lügnern“ (S. 208).

Diese These wird gestützt von der zweiten Hauptfigur…

Stella

An Stella stoßen sich seit jeher die Geister, fragt man sich doch, wie sie als Jüdin die eigenen Leute verraten konnte, selbst als die Situation, die sie dazu gezwungen hatte, vorüber war.
Aber diese Frau lernen wir in diesem Buch gar nicht gut genug kennen, um ums eine Meinung über sie bilden zu können. Wir sehen sie vielmehr durch die rosarote Brille von Friedrich, dessen erste große Liebe sie wohl sein dürfte und dessen Leichtgläubigkeit das Bild von ihr stark verklärt.
Die reale Person Stella Goldschlag wird hier allerhöchstens angedeutet. Wir sehen eine mögliche Version einer möglichen Liebesbeziehung inmitten eines Krieges.

Nun kreidet man dem Autor genau aus diesem Grund an, er habe  die Schuldfrage heruntergespielt, was er in Interviews jedoch weit von sich weist.
Problematisch ist allerdings, dass er sich eines erzählerischen Mittels bedient, das genau diese Gefahr heraufbeschwört.

Fakt und Fiktion

Takis Würger vermischt in „Stella“ konsequent Fakten mit Fiktion, beginnend mit dem Cover, dem Setting und schließlich der Erwähnung tatsächlich stattgefundener  Ereignisse und Auszügen aus real existierenden Akten.

Eigentlich hat Würger so sein eigenes Genre erschaffen.
Was man üblicherweise bislang aus der Literatur oder auch dem Film kennt, entstammt in erster Linie dem SciFi-Bereich, nennt sich „Alternate History“ und stellt sehr deutlich erkennbar ein Gedankenspiel dar: Was wäre passiert, hätte sich die Geschichte anders entwickelt?
Hier gibt es zwar eine Anlehnung an Fakten, die aber eine eher symbolhafte Rolle spielen. Das Verhältnis von Fakten zu Fiktion fällt zugunsten der Fiktion aus.

„Stella“ ist ein recht kurzer Roman, in den so viele Fakten verwoben werden, dass das Verhältnis zur Fiktion ins Wanken gerät.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass so viele LeserInnen nun die „falsche Darstellung der Realität“ anmahnen und die Figur Friedrich mit der Person des Autors gleichsetzen.

Würger ist mit diesem erzählerischen Mittel ein großes Wagnis eingegangen, sollte man als Schreibender doch stets darauf achten, dass die erschaffene Welt in sich stimmig ist. Hier bewegt sie sich zu nah an der Welt des Lesenden und unterliegt deswegen nicht mehr unbedingt der fiktiven sondern eher der realen Logik.
Diese schriftstellerische Entscheidung wurde folglich zum Auslöser der öffentlichen Diskussion über „Stella“ – Fakten und Fiktion lassen sich für die LeserInnen nicht klar voneinander trennen und das gesamte „Kunstwerk“ wird nun infrage gestellt.

Alles andere

Man mag den erzählerischen Kniff „ungeschickt“ oder Marketing“ nennen, er lenkt letzten Endes jedenfalls genug davon ab, dass der fiktionale Teil der Erzählung an so einigen Schwächen leidet.
Wieso, beispielsweise, erfahren wir vom besonderen Geruchssinn von Friedrich, wenn das überhaupt keine Rolle in der weiteren Geschichte spielt?
Warum nimmt die Kindheit des Protagonisten einen so großen Teil ein, wenn auch so genügend zur Geltung kommt, dass Fritz gutgläubig und naiv ist?
Wieso treten zwei behinderte Kinder auf, die am Rande erwähnt werden?
Sehr viele dieser Erscheinungen sollen vermutlich Symbole für den Charakter oder die Situation des Protagonisten sein, wirken aber im Zusammenhang mit einer verkünstelten Sprache insgesamt zu überladen.
Weder Friedrich noch Stella haben am Ende etwas aus ihrer Beziehung gelernt oder mitgenommen, sie trennen sich so schnell wie sie sich begegneten, sodass es eigentlich nur eine bedeutungslose Liebesgeschichte vor bedeutsamer Kulisse ist.

Mein Fazit

„Stella“ von Takis Würger ist definitiv kein Buch, das man gelesen haben muss, wenngleich die Thematik „Wahrheit und Lüge“ interessant behandelt wurde.

„Vanitas – Schwarz wie Erde“ von Ursula Poznanski (Spoiler)

42929309 Titel: Vanitas – Schwarz wie Erde
Autorin: Ursula Poznanski
Verlag: Droemer Knaur

Inhalt:
Auf dem Wiener Zentralfriedhof ist die Blumenhändlerin Carolin ein so gewohnter Anblick, dass sie beinahe unsichtbar ist. Ebenso wie die Botschaften, die sie mit ihren Auftraggebern austauscht, verschlüsselt in die Sprache der Blumen – denn ihre größte Angst ist es, gefunden zu werden. Noch vor einem Jahr war Carolins Name ein anderer; damals war sie als Polizeispitzel einer der brutalsten Banden des organisierten Verbrechens auf der Spur. Kaum jemand weiß, dass sie ihren letzten Einsatz überlebt hat. Doch dann erhält sie einen Blumengruß, der sie zu einem neuen Fall nach München ruft – und der sie fürchten lässt, dass sie ihren eigenen Tod bald ein zweites Mal erleben könnte …

+++ Pfusch am (Roman)Bau +++

Meine Meinung:
Ursula Poznanski gehört zu meinen Lieblingsautorinnen, deren Bücher ich mittlerweile blind kaufe, also ohne vorher etwas über den Inhalt oder Bewertungen gelesen zu haben.

Freudig griff ich daher nach „Vanitas“, als ich das Buch vor Ort entdeckte und war bereit für ein außergewöhnliches Leseerlebnis, wie ich es von ihr gewohnt war.

Doch leider, leider entsprach es nicht ganz meinen Vorstellungen.

Die guten Seiten

Vanitas (lat. „leerer Schein, Nichtigkeit, Eitelkeit“; auch „Lüge, Prahlerei, Misserfolg oder Vergeblichkeit“) ist ein Wort für die jüdisch-christliche Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen, die im Buch Kohelet (Prediger Salomo) im Alten Testament ausgesprochen wird (Koh 1,2 LUT): „Es ist alles eitel.“ Diese Übersetzung Martin Luthers verwendet „eitel“ im ursprünglichen Sinne von „nichtig“.
(Wikipedia)

Titel und Cover sind fraglos toll geworden – ein optisches und haptisches Erlebnis, passend zur Story gestaltet.

Auch sprachlich ist an diesem Buch nichts auszusetzen. Es liest sich angenehm und flüssig, obwohl ich den ein oder anderen Ausdruck ein wenig seltsam fand wie beispielsweise „innerlich klamm“ im Zusammenhang mit dem Angstzustand, in dem sich die Protagonistin in dieser Situation befand.

Spannung gibt es ebenso mehr als genug in dieser Geschichte. Es werden genau genommen zwei Spannungsbögen aufgebaut, einer, der mit dem konkreten Fall zu tun hat, der andere, der die Protagonistin selbst betrifft.

Da kommen wir dann schon zu den unzähligen Kleinigkeiten, die mich nicht begeistern konnten.

Die weniger guten Seiten

Über die Hälfte des Buches hinweg befindet sich Carolin in einem Dauerpanikzustand. Wir haben eine Ahnung, warum dem so ist, aber dennoch stürzt sie sich ein wenig planlos in gefährliche Abenteuer, nur um anschließend in ihrer Wohnung (!) wieder wie ein gehetztes Tier zusammenzubrechen.
Daheim lauert sie mit einer Langwaffe hinter den Wänden und erwartet ihre Feinde, während sie draußen völlig schutzlos durch die Gegend rennt und ihr das nur wenig auszumachen scheint. Dort fürchtet sie sich vielmehr vor Kameras und Fotos, die von ihr irgendwo kursieren könnten.

Nichts an Carolin konnte mich überzeugen. Ja, sie hat eine mysteriöse Vergangenheit und scheint für das organisierte Verbrechen tätig gewesen und sich in starker Abhängigkeit dazu befunden zu haben.
Nun wird sie für die Polizei tätig, zu der sie in einem erneuten Abhängigkeitsverhältnis steht – aus Angst, aus Sympathie, aus Verzweiflung? So recht schlau geworden bin ich nicht aus ihren Motiven für ihr Handeln. Ihr Auftrag bestand aus einer recht harmlosen Sache, aber sie begibt sich stattdessen bewusst in Gefahr, obwohl sie sich auf Schritt und Tritt verfolgt wird.
Ich weiß nicht…

Kommen wir zum eigentlichen Fall:
Ja, ich fand es spannend, mit der Protagonistin auf Mördersuche zu gehen, doch die Auflösung war eine herbe Enttäuschung.

***SPOILER***

Nichts, aber auch gar nichts, deutete im Laufe der Geschichte darauf hin, dass eine Doppelvergewaltigung (oder wie immer man es nennen mag) der indirekte Auslöser für all das Töten auf Baustellen war. Und dann war es nicht einmal ein unmittelbarer Rachefeldzug für das eigentliche Opfer, was ich extrem lieblos fand. Ein weiterer „Fall“ wurde aus dem Hut gezaubert, der als Motiv für all die Gewalt galt, die wiederum nicht von der eigentlichen Person ausging, sondern für die ein Dritter eingespannt worden war, der im Buch von Anfang bis Ende ein unbeschriebenes Blatt blieb.

All das passte einfach für mich nicht zusammen, es kam zu überraschend, es war zu verworren.

Dann die Sache mit der Brailleschrift, über die Tamara sowohl mit ihrem sehenden Bruder als auch mit ihrer erblindeten Oma kommuniziert.

Ich zitiere Wikipedia:

Die Schrift besteht aus Punktmustern, die, meist von hinten in das Papier gepresst, mit den Fingerspitzen als Erhöhungen zu ertasten sind.

Es gab in der Story eine Situation, in der Tamara auf die Toilette rennt, sich dort mit einer Nadel eine „Nachricht“ in den Arm sticht (was wir erst später erfahren), die kurz darauf ihr Bruder ertastet und liest.
Really?!

Ich war für einen Moment versucht, ein Experiment zu starten.
a) schwillt die gestochene Haut tatsächlich so schnell an und b) ist das überhaupt „lesbar“?
Keine Angst, ich habe es nicht getestet, aber dennoch bezweifle ich die Machbarkeit dieser Nachricht.

Weiterhin verwendet Tamara Pflanzen, um mit ihrer Großmutter zu „sprechen“, die auf Schritt und Tritt von Pflegepersonal verfolgt wird und aus diversen familiären Gründen nicht Klartext mit ihrer Enkelin reden kann.
Diese Mitteilung wird in den Stängel einer Amaryllis gestochen. Ich hab nun keine solche Blume in der Nähe, aber funktioniert das wirklich? Ergibt das klar ertastbare Punkte, die eine Blinde entziffern kann? Ich bin skeptisch, sehr skeptisch.
Wäre es nicht einfacher gewesen, etwas nicht „mit der Blume“, sondern „durch die Blume“ zu übermitteln?
Und sind nicht viel zu viele Punkte notwendig, um einen ganzen Satz auf dem Stängel gut unterzubringen?

Zu guter Letzt fehlt mir in „Vantias“ die unverkennbare Stimme der Autorin.
Poznanski erzählt üblicherweise mit „unglaubwürdigen Mitteln“ wie VR-Brillen, Drohnen, Gehirnexperimenten glaubwürdige Geschichten.
Hier sind es „glaubwürdige Mittel“ wie Hass, Rache, Trauer die zu einer völlig unglaubwürdigen Story führen.

Es gäbe noch einige andere Kleinigkeiten aufzuzählen, die mich an diesem Roman störten, aber ich denke, es ist deutlich klar geworden, dass ich kein gutes Leseerlebnis hatte.

„Vanitas“ ist für mich das bisher mit Abstand schwächste Buch von Ursula Poznanski und ich kann keine Empfehlung dafür aussprechen, so leid mir das auch tut.