Man Booker Longlist: „Sabrina“ von Nick Drnaso

37533587Titel: Sabrina
Autor: Nick Drnaso
Verlag: Drawn and Quarterly

Inhalt:
When Sabrina disappears, an airman in the U.S. Air Force is drawn into a web of suppositions, wild theories, and outright lies. He reports to work every night in a bare, sterile fortress that serves as no protection from a situation that threatens the sanity of Teddy, his childhood friend and the boyfriend of the missing woman. Sabrina’s grieving sister, Sandra, struggles to fill her days as she waits in purgatory. After a videotape surfaces, we see devastation shown through a cinematic lens, as true tragedy is distorted when fringe thinkers and conspiracy theorists begin to interpret events to fit their own narratives.

Meine Meinung:
Eigentlich bin ich kein Fan von Graphic Novels. Die meisten überfordern mich, weil in einem Bild oftmals so viele Informationen stecken und meine Augen keinen Ruhepunkt finden.
Ich besitze zwar ein paar wenige Bücher dieser Art, aber die beinhalten wenig oder gar keinen Text.

So war ich ein wenig skeptisch, als ich „Sabrina“ zur Hand nahm. Doch meine Bedenken waren unbegründet.

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Die Bilder sind relativ einfach gehalten, die Sprechblasen eher klein und überschaubar. Dadurch gibt es zwar viele Einzelbilder auf einer Seite, dennoch hat mich das nicht von der Geschichte abgelenkt. Ich fand es vielmehr faszinierend, wie schnell ich in das Geschehen hineingezogen wurde.

„Sabrina“ ist er Beweis, dass eine gute Story auch gezeichnet funktionieren kann, dass es mehr vom Inhalt als von der Erzählform abhängt, ob ich als Leser Interesse daran entwickeln kann.

Die Handlung selbst ist düster. Es geht um ein Gewaltverbrechen, das in den Medien breitgetreten wird, um Verschwörungstheoretiker, die es ausschlachten, um Misskommunikation, Fake-News, Isolation.
Natürlich ist das ganze ein wenig „amerikalastig“, dennoch trifft es den Kern unserer heutigen Informationsgesellschaft, ist bedrückend und regt zum Nachdenken an.

Ein wenig gestört hat mich der überraschende Zeitsprung gegen Ende des Buches. Es ist klar, dass er asudrücken soll, dass das Leben weitergeht und irgendwann in den meisten Fällen wieder Normalität eintritt, dennoch kam er für mich etwas zu abrupt.

„Sabrina“ ist eine Graphic Novel, die sich auch für Anfänger in diesem Genre hervorragend eignet. Sie steht meiner Meinung nach völlig zu Recht auf der Longlist des Man Booker und ich hoffe, sie schafft es in die engere Auswahl.

Man Booker Longlist: „Everything Under“ von Daisy Johnson

36396289 Titel: Everything Under
Autorin: Daisy Johnson
Verlag: Jonathan Cape

Inhalt:
„Words are important to Gretel, always have been. As a child, she lived on a canal boat with her mother, and together they invented a language that was just their own. She hasn’t seen her mother since the age of sixteen, though – almost a lifetime ago – and those memories have faded. Now Gretel works as a lexicographer, updating dictionary entries, which suits her solitary nature.
A phone call from the hospital interrupts Gretel’s isolation and throws up questions from long ago. She begins to remember the private vocabulary of her childhood. She remembers other things, too: the wild years spent on the river; the strange, lonely boy who came to stay on the boat one winter; and the creature in the water – a canal thief? – swimming upstream, getting ever closer. In the end there will be nothing for Gretel to do but go back.“

Meine Meinung:
Ich finde es sehr schwierig, dieses Buch zu rezensieren, das mich einerseits fasziniert, andererseits aber auch enorm gefrustet hat.

„Everything Under“ soll in erster Linie eine Neuerzählung der Ödipusgeschichte sein, verwebt aber deutlich mehr Mythen und Märchen und steckt voller Andeutungen.

Allem liegt die Frage zugrunde: Warum hat Sarah ihre Tochter im Alter von 16 Jahren verlassen?

Diesem Geheimnis geht Gretel auf die Spur, als sie versucht, ihre Mutter zu finden. Dabei lernen wir jede Menge weitere Charaktere kennen, die nie einfach einzuordnen sind.
Alle Figuren in diesem Buch sind vielschichtig, undurchschaubar und tragen mehr zur Verwirrung als zur Auflösung des Rätsels bei.

Daisy Johnson hat ohne Frage einen sehr atmosphärischen Roman entworfen, der viele Fragen aufwirft, der zum Nachdenken anregt, mit Symbolik experimentiert und durchaus gut unerhält.
Allerdings habe ich immer und immer wieder den roten Faden verloren, habe Figuren verwechselt, da ihre Story nicht immer klar gekennzeichnet ist und mich im Dickicht der Erzählstränge verloren.

Auch dies ist ein Buch, dem ich irgendwann wohl eine zweite Chance geben werde, das mich aber momentan etwas überfordert.

Man Booker Longlist: „In Our Mad and Furious City“ von Guy Gunaratne

35212538 Titel: In Our Mad and Furious City
Autor: Guy Gunaratne
Verlag: Tinder Press

Inhalt:
For Selvon, Ardan, and Yusuf, growing up under the towers of Stones Estate, summer means what it does anywhere: football, music, and freedom, but now, after the killing of a British soldier, riots are spreading across the city, and nowhere is safe. While the fury swirls around them, Selvon and Ardan remain focused on their own obsessions, girls, and grime. Their friend Yusuf is caught up in a different tide, a wave of radicalism surging through his local mosque, threatening to carry his troubled brother, Irfan, with it.

Meine Meinung:
Ich sag es ganz ehrlich: ich weiß nicht wirklich, was ich von diesem Buch halten soll.

Es ist die Geschichte dreier Jungs und zwei ihrer Elternteile, die im Norden Londons leben und mit den Wurzeln ihrer Herkunft konfrontiert werden. Sie finden in dieser Stadt keine wirkliche Zuflucht und keine Normalität, denn der Hass gegenüber „Andersartigkeit“ wächst von Tag zu Tag.

Es fiel mir ausgesprochen schwer, mich für das Schicksal der Figuren zu interessieren, was aber damit zusammenhängt, dass der Slang, der sich durch das gesamte Buch zieht, für mich anstrengend zu lesen war. Viele Begriffe wie z.B. „Grime“ habe ich nicht gekannt und musste sie googeln oder „überlesen“, wenn ich gerade kein Internet zur Verfügung hatte.
Wenn ich das Buch nach einer Pause mitten in einem Kapitel wieder aufgenommen habe, konnte ich nicht erkennen, welcher Figur ich gerade folgte, weil sie alle für mich zu ähnlich klangen (bis auf die Erwachsenen, die in vollständigen Sätzen sprechen).

Andererseits trägt dieser Schreibstil zu einer dichten und eindrücklichen Atmosphäre bei, die ein Bild von Englands Hauptstadt zeichnete, mit dem ich mich bislang nicht auseinander gesetzt hatte.

Vielleicht sollte ich „In Our Mad and Furious City“ zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal eine Chance geben.

Man Booker Longlist: „Milkman“ von Anna Burns

36047860 Titel: Milkman
Autorin: Anna Burns
Verlag: Faber & Faber

Inhalt:
In this unnamed city, to be interesting is dangerous. Middle sister, our protagonist, is busy attempting to keep her mother from discovering her maybe-boyfriend and to keep everyone in the dark about her encounter with Milkman. But when first brother-in-law sniffs out her struggle, and rumours start to swell, middle sister becomes ‚interesting‘. The last thing she ever wanted to be. To be interesting is to be noticed and to be noticed is dangerous.

Meine Meinung:
Stellt Euch vor, ihr taucht für einige Wochen in den Körper einer anderen Person ein. Ihr könnt nichts tun, nur ihren Gedanken zuhören, die ihr unkommentiert ertragen müsst.

So ergeht es einem beim Lesen von „Milkman“. Wir befinden uns sozusagen im Kopf einer 18-Jährigen, die Ende der 70er in Belfast lebt, was nie bewusst erwähnt wird, was man sich aber anhand der Erzählung und in Anbetracht der Nationalität der Autorin erschließen kann.

Auch ansonsten bleibt mehr ungesagt als gesagt. Die Personen sind namenlos und tragen nur symbolische Titel, politische Zustände und gesellschaftliche Probleme werden weitschweifig umschrieben – für alle, die es beim ersten Mal nicht verstanden haben, sogar mehrfach im Laufe der Geschichte.

Die Protagonistin bemüht sich, so weit wie möglich unter dem Radar ihrer Umgebung zu leben, zu der sie sich nicht stark zugehörig fühlt, deren Regeln sie allerdings in großen Teilen verinnerlicht hat.
Selbst als sie ungewollt ins Rampenlicht gerückt wird, verhält sie sich passiv und wird zum Spielball von Gerüchten.

Für mich war dies die Story einer etwas überheblichen Antiheldin, deren Schicksal mich bis zum Schluss nicht wirklich interessiert hat und deren Gedankenstrom mich lähmte und langweilte.

„Milkman“ mag stilsitisch ungewöhnlich sein und historische Ereignisse aus einer neuen Perspektive betrachten, aber dennoch konnte mich der Inhalt nicht begeistern.

Man Booker Longlist: „Snap“ von Belinda Bauer

snap Titel: Snap
Autorin: Belinda Bauer
Verlag: Atlantic Monthly Press

Inhalt:
„On a stifling summer’s day, eleven-year-old Jack and his two sisters sit in their broken-down car, waiting for their mother to come back and rescue them. Jack’s in charge, she said. I won’t be long.
But she doesn’t come back. She never comes back. And life as the children know it is changed for ever.
Three years later, mum-to-be Catherine wakes to find a knife beside her bed, and a note that says: I could have killed you.
Meanwhile Jack is still in charge – of his sisters, of supporting them all, of making sure nobody knows they’re alone in the house, and – quite suddenly – of finding out the truth about what happened to his mother. But the truth can be a dangerous thing . . .“

Meine Meinung:
„Ein Thriller auf der Man Booker Longlist – endlich Literatur, die Spaß macht“, war mein erster Gedanke als ich die diesjährige Auswahl sah. Belinda Bauer ist bereits in meinem SUB vertreten, also war ich sehr neugierig, denn um auf der Man Booker Liste zu landen, muss man schon recht gut sein.

Aber ist sie das wirklich?

Das Buch beginnt ziemlich spannend, allerdings auch ein wenig unglaubwürdig: welche Mutter würde bitteschön ihre drei kleinen Kinder (eins davon ein Baby) in brütender Hitze in einem defekten Fahrzeug an einer stark befahrenen Straße zurücklassen, um mal kurz zur Notrufsäule zu gehen?
Ok, kann ich für eine gute Geschichte drüber wegsehen.

Anders als in anderen Romanen aus diesem Genre dreht sich nicht alles in dieser Story um die reine Verbrecherjagd. Vielmehr erhalten wir einen tieferen Einblick in das Schicksal von Jack und seinen Geschwistern, deren Leben von einen Tag auf den anderen einen völlig anderen Verlauf nimmt.
Außerdem begegnen wir weiteren Figuren, von denen erst nicht klar ist, wie sie in die Handlung passen, die aber nach und nach einen Platz im Gefüge bekommen. Es hat mir Spaß gemacht, zu raten, wie das am Ende wohl alles zusammenhängt.

Jack ist mit Abstand der stärkste Charakter in „Snap“. Sein Innenleben ist gut ausgearbeitet, seine Entscheidungen sind nachvollziehbar und man kann Mitgefühl für ihn entwickeln.

Die restlichen Charaktere sind….nun ja.

Catherine gehört meiner Meinung nach eher zu den Hauptfiguren, wird aber von der Autorin eher wie eine Nebenfigur behandelt. Wir erfahren kaum etwas über ihre Hintergründe, ihre Hoffnungen, Wünsche, ihr bisheriges Leben. Sie schwebt ein wenig losgelöst durchs Buch und wirkt daher flach und arg naiv, soll aber wohl eher eine starke Persönlichkeit verkörpern, die sich letzten Endes selbst zu helfen weiß. Hat mich nicht überzeugt.

Die Polizei…anfangs wirkte sie eher wie ein komisches Element (so wie Shakespeare gern seine Dramen entschärft hat). Sie beziehen ein Haus, das einen lang gesuchten Dieb anziehen soll, um ihn dort in eine Falle zu locken. Wirklich? Wo funktioniert denn sowas?
Später verhält sie sich etwas „ernster“, allerdings auch klischeehaft und muss Beweise von Jack präsentiert bekommen, um das Rätsel zu lösen.

Dann sind da noch ein paar schräge Figuren wie Louis, der Kleinkriminelle mit Kind, der Jack irgendwann erklärt, wie Elternschaft funktioniert oder „VC“, die großartige Messer anfertigt und ein codiertes Buch darüber in einem Tiefkühlfach aufbewahrt.

Wäre „Snap“ nicht auf der Longlist, hätte ich es nicht so zerpflückt und kritisch hinterfragt, sondern einfach als „gute Unterhaltung mit einigen Schwächen“ einsortiert.
Aber der Man Booker steht eigentlich für „herausragende Literatur“ und so sehr mir die ersten beiden Drittel gefallen haben, die sich u.a. mit dem Thema „was bedeutet (familiäre) Sicherheit?“ befassen, so beliebig wurde dann doch der Rest des Buches.
Ich kann leider gar nicht nachvollziehen, warum „Snap“ in die engere Auswahl für diesen nicht unbedeutenden Preis gekommen ist. Ja, es ist ein guter und etwas ungewöhnlicher Thriller, aber er unterscheidet sich kaum von anderen Erzählungen aus diesem Genre.

Wer gute Unterhaltung sucht, kann getrost zu diesem Buch greifen.
Wer hingegen auf der Suche nach anspruchsvoller Lektüre ist, sollte Abstand davon nehmen.

„Tell me three things“ von Julie Buxbaum

40183593.jpg Titel: Tell me three things
Autorin: Julie Buxbaum
Verlag: ONE
Originaltitel: Tell me three things

Inhalt:
Gar nichts macht Jessie richtig. So fühlt es sich zumindest in ihrer ersten Woche an der ultraschicken privaten Highschool in Los Angeles für sie an. Gerade als sie überlegt, alles hinzuschmeißen, bekommt sie eine E-Mail von jemandem, der sich selbst Mister Glück nennt und seine Hilfe im Highschooldschungel anbietet. Nach anfänglicher Skepsis beginnt Jessie, sich auf die Ratschläge des mysteriösen Unbekannten einzulassen. Schnell wird Mister Glück zu ihrem Verbündeten – aber wer verbirgt sich hinter dem Namen? “

Meine Meinung
Mir war nach einer leichten Lektüre und auch wenn ich YA eher als Dystopie mag, klang der Inhalt dieses Buches nach guter Unterhaltung.

Und die habe ich bekommen.

Thematisiert wird in „Tell me three things“ der Umgang mit Verlust eines geliebten Menschen. Wie findet man sich – gerade als Jugendliche/r – in dieser neuen Situation zurecht?
Für Jessie verschärft sich die Lage zusätzlich, da ihr Vater überraschend wieder heiratet und sie in eine ihr völlig fremde Umgebung geworfen wird, die noch dazu völlig andere Erwartungen an ihr gesellschaftliches Auftreten stellen.
Sie fühlt sich verloren, bekommt jedoch unerwartet anonyme Hilfe.

Die Autorin zeigt, wie wichtig es ist, nach dem Tod eines Familienangehörigen Unterstützung zu suchen, weiter am Leben teilzunehmen, Interesse an anderen zu zeigen, auch wenn es schwer fällt und einem alles wie eine neue Welt erscheint.

Buxbaum hat eine interessante Geschichte erschaffen, die zwar ein wenig typisch „Highschoolstory“ und „Girl meets Boy“ ist, deren Hauptfiguren aber vielschichtig sind und mit dem beginnenden Erwachsenenleben jede auf ihre eigene Art kämpfen.

Aber!

Einen Kritikpunkt muss ich loswerden: in diesem Buch werden Haschisch und Alkohol mehr oder weniger als „cool“ beschrieben. Es gibt am Anfang eine Szene, in der Jessie und ihr Halbbruder Theo das Eis zwischen sich brechen – bei einem Joint und Wein, der beide wundersam auflockert und die Beziehung zwischen ihnen verbessert.
Vor andere Drogen wie Heroin wird zwischen den Zeilen gewarnt, aber die weichen Drogen nehmen viel Raum in der Erzählung ein. Es mag zu einem Teenagerleben dazugehören, hätte sich aber auch etwas zurückhaltender einbauen lassen.

Ein nettes YA-Buch mit kleinem Manko.