Rezension: „Kirschblüten und rote Bohnen“ von Durian Sukegawa

buch-kirschblueten.jpg Autor: Durian Sukegawa
Titel: Kirschblüten und rote Bohnen
Übersetzung: Ursula Gräfe
Verlag: DuMont Buchverlag

Inhalt:
„Sentaro ist gescheitert, nach allen Regeln der Kunst: Er ist vorbestraft, trinkt zu viel, und sein Traum, Schriftsteller zu werden, ist unerfüllt geblieben. Stattdessen arbeitet er in einem Imbiss, der Dorayaki verkauft: Pfannkuchen, die mit einem süßen Mus aus roten Bohnen gefüllt sind. Tag für Tag steht er in dem Laden mit dem Kirschbaum vor der Tür und bestreicht lustlos Gebäck mit Fertigpaste. Bis irgendwann die alte Tokue den Laden betritt. Die weise, aber sichtlich vom Leben gezeichnete Frau kocht das beste Bohnenmus, das man sich nur denken kann. Die Begegnung mit ihr verändert alles. Tokue lehrt Sentaro ihre Kunst und tatsächlich gewinnt er nicht nur die Lust am Backen, sondern auch die Freude am Sinnlichen und an den kleinen Dingen des Lebens zurück. Wenig später wird Wakana, ein Mädchen aus schwierigen Verhältnissen, zur Stammkundin des Imbisses und schließt Freundschaft mit Tokue und Sentaro. Doch die Welt meint es nicht gut mit den dreien …“

Rezension

„Kirschblüten und rote Bohnen“ hätte ich wohl nie zur Hand genommen, wäre es nicht als Buch für den Lesekreis gewählt worden, den ich regelmäßig besuche. Ich kannte bislang nur Haruki Murakami und Yoko Ogawa, von Durian Sukegawa hatte ich – wie von so vielen anderen japanischen SchriftsstellerInnen – noch nichts gehört.

Natur und Poesie

Schon auf den ersten Seiten fällt auf, das wir es hier mit einem sehr poetischen Buch zu tun haben, bei dem die Natur eine große Rolle spielt – wie unter anderen auch in den aus Japan stammenden Kurzgedichten, den „Haikus“. So beginnt diese Geschichte sehr sanft und leise und mit einem Blick auf die vielen Details, die zu einer sehr ruhigen und gelassenen Atmosphäre beitragen.

Das Leben achten

Ein wenig täuscht der Ton darüber hinweg, dass es sich bei „Kirschblüten und rote Bohnen“ um eine sehr ernste Erzählung handelt, bei der es um tragische menschliche Schicksale geht. Tokue ist vom Leben gezeichnet. Auch wenn die Normalität mittlerweile wieder für sie zurückgekehrt ist, verbrachte sie doch den Großteil ihrer Existenz abgeschottet von der übrigen Welt hinter Mauern. Aber trotz allem – oder gerade deswegen – geht sie mit viel Achtsamkeit ihren Weg und zeigt Sentaro und der jungen Wakana, dass man unabhängig von seinen aktuellen Umständen versuchen sollte, ein sinnvolles und glückliches Leben zu führen, einen Schritt zurückzutreten, zu schätzen, was man hat und zu überlegen, was man für sich und andere besser machen kann.

Sukegawa erinnert uns daran, dass wir immer eine Wahl haben, dass wir eine negative Situation zum Guten wenden können, dass es nur auf die eigene Einstellung und die Sichtweise ankommt. Doch das funktioniert nur, wenn wir innehalten und uns bewusst machen, wie viele gute Dinge uns umgeben.

Mein Fazit

„Kirschblüten und rote Bohnen“ ist ein stilles Buch, das zum Nachdenken und Innehalten einlädt. Ich bin froh, es gelesen zu haben.

Rezension: „Allegro Pastell“ von Leif Randt

allegro-püastell-buch.jpgTitel: Allegro Pastell
Autor: Leif Randt
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Inhalt:
„Leif Randt erzählt vom Glück. Von Tanja und Jerome, von Wirklichkeit und Badminton, von idealen Zuständen und den Hochzeiten der anderen. Eine Lovestory aus den späten Zehnerjahren. Tanja Arnheim, deren Debütroman PanoptikumNeu Kultstatus genießt, wird in wenigen Wochen dreißig. Mit Blick auf den Berliner Volkspark Hasenheide wartet sie auf eine explosive Idee für ihr neues Buch. Ihr fünf Jahre älterer Freund, der gefragte Webdesigner Jerome Daimler, bewohnt in Maintal den Bungalow seiner Eltern und versucht sein Leben zunehmend als spirituelle Einkehr zu begreifen. Die Fernbeziehung der beiden wirkt makellos. Sie bleiben über Text und Bild eng miteinander verbunden und besuchen sich für lange Wochenenden in ihren jeweiligen Realitäten. Jogging durchs Naturschutzgebiet und Meditation im südhessischen Maintal, driftende Dauerkommunikation und sexpositives Ausgehen in Berlin – Jerome und Tanja sind füreinander da, jedoch nicht aneinander verloren. Eltern, Freund*innen und depressive Geschwister spiegeln ihnen ein Leid, gegen das Tanja und Jerome weitgehend immun bleiben. Doch der Wunsch, ihre Zuneigung zu konservieren, ohne dass diese bieder oder schmerzhaft existenziell wird, stellt das Paar vor eine große Herausforderung.“

Rezension

„Allegro Pastell“ von Leif Randt wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 nominiert. Der Autor hat für seine Werke bereits einige Preise gewonnen und wird vermutlich auch diese Auszeichnung bekommen.

Millenials und die große Liebe

Wo fange ich am Besten mit meinen Eindrücken an? Das ist gar nicht so einfach, denn alle Teile des Buches – Story, Charaktere, Schreibstil – kommen zu einem großen Ganzen zusammen, eins besteht nicht ohne das andere.

Beginnen wir mit dem Kernstück, den beiden „Millenials“ Tanja und Jerome, die sich im heißen Sommer in 2018 begegnen, verlieben und ihre Gefühle so lang zerdenken und dezimieren, bis… nun, das müsst ihr selbst lesen.

Zu den „Millenials“ oder auch der Generation Y gehören laut Wikipedia die im Zeitraum der frühen 1980er bis zu den späten 1990er Jahren geboren wurden. Nicht nur die Protagonisten gehören dieser Gruppe an, auch der Autor selbst, der 1983 das Licht der Welt erblickte, ist ein sog. „Jahrtausender“.
Ihnen wird nachgesagt, eine „gewisse Neigung zum Hinterfragen“ zu haben (Wikipedia) und genau dies tun Tanja und Jerome hier bis ins winzigste Detail mit sich selbst, ihrem Umfeld, ihrer Liebe – nichts wird als gegeben hingenommen, alles wird durchleuchtet, analysiert und mit einer großen emotionalen Distanz betrachtet. Man will sich nicht festlegen, will sich nicht binden, aber auch nicht wirklich endgültig voneinander trennen.

Stilistische Mittel

Immer wieder streut Randt an jeder möglichen und unmöglichen Stelle Markennamen sehr gezielt ein, sind sie doch für den Alltag dieser Generation wesentlich. Da hat man nicht einfach nur ein Handy, da besitzt man vielmehr ein Samsung Galaxy S7, trägt einen Quechua-Rucksack oder ein Kalenjishirt und fährt einen Tesla.

Üblicherweise bekommt man als AutorIn empfohlen, keine Marken in der Geschichte zu nennen, weil das Buch so datiert wird und die Begriffe für LeserInnen, die es erst Jahre später entdecken, keine Bedeutung mehr haben.

Doch hier ist das alles ein Mittel zum Zweck. Es zeigt und überspitzt dabei das Umfeld, in dem sich die Generation Y bewegt, die früh mit Technik in Verbindung gekommen ist und sich bewusst nach diversen Markenartikeln umsieht – einerseits, um ihre Individualität auszudrücken, andererseits um unter ihren Peers nicht unangenehm aufzufallen.

All dies kombiniert mit dem ausgesprochen reservierten Ton, mit dem der Autor seine Story erzählt, ergibt das perfekte Bild einer Altersgruppe, die von Soziologen und andere selbsternannten Experten als  „Millenials“ bezeichnet wird. So perfekt, dass eigentlich sehr schnell klar wird, dass es sich nur um eine Satire handeln kann.

Mein Leseeindruck

Um die zynische und eher humorvolle Seite des Buches schätzen zu können, sollte man unbedingt hin und wieder eine Lesepause einlegen, denn der emotionslose Erzählton ist auf Dauer anstrengend und ein wenig nervig. Doch mit ein paar Unterbrechungen kann die Lektüre durchaus Spaß machen.

Die Story selbst ist eher ein wenig langweilig und belanglos – aber auch das ist wohl Absicht, passt es doch in die „pastellfarbene“ Welt der Jahrtausender, in der alles in einem Einheitsbrei verschwimmt im Gegensatz zur – überholten – Popkultur, in der alles so einzigartig, laut und farbenfroh war.

Fazit

„Allegro Pastell“ von Leif Randt ist ein echtes Meisterwerk, aber, wenn ich ehrlich bin, fand ich es viel zu zäh und zu lang, selbst wenn ich davon ausgehe, dass es genauso gewollt ist.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich tatsächlich Vertreter der Generation Y kenne, die haargenau in dieses Schema passen, die mich immer wieder ermüden mit ihren tausend komplizierten Gedanken zu einem einfachen Sachverhalt. Es könnte sein, dass das Buch einfach nur meinen „roten Knopf“ ausgelöst hat und ich deswegen froh und dankbar war, als ich damit fertig war.

Super würde sich das Buch aber in einer Zeitkapsel machen, um der Menschheit in hundert Jahren – so denn es noch eine solche gibt – zu zeigen, was für eine schreckliche Phase ihre Vorfahren durchstehen mussten…

 

 

Rezension: „Power“ von Verena Günter

buch-powerTitel: Power
Autorin: Verena Günter
Verlag: Dumont

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Inhalt:
Die selbstbewusste Kerze ist gerade noch ein Kind. Sie lebt in einem kleinen, von Wald und Feldern umgebenen Dorf, das kaum mehr zweihundert Bewohner hat. Die Alten, zu denen die Nachbarin Hitschke gehört, sind in der Überzahl. Kerze verteidigt ihr Dorf gegen den Schwund, sie ist hier fest verwurzelt. Eines Tages geht Power, der Hund der Hitschke, verloren, und Kerze verspricht, ihn zu finden. Eine mitreißende, schonungslose Suche beginnt, der sich immer mehr Kinder anschließen. Als die Kinder schließlich im Wald verschwinden, erklärt die Dorfgemeinschaft den Ausnahmezustand.
Mit außergewöhnlicher Sprachmacht, Scharfsinn und mit enormem Einfühlungsvermögen erzählt Verena Güntner die Geschichte einer Radikalisierung und davon, was mit einer Gemeinschaft geschieht, die den Kontakt zu ihren Kindern verliert. ›Power‹ führt hinein in den Schmerz derer, die zurückbleiben, und zeigt mit großer Kraft, was es braucht, um durchzuhalten, weiterzumachen und Sinn zu finden in einer haltlos gewordenen Welt.

Rezension

„Power“ von Verena Günter wurde im Bereich Belletristik für den Leipziger Buchpreis 2020 nominiert und ist sicherlich ein Buch, das die Gemüter scheidet.

Das Setting

Die Autorin hat als Umfeld für ihre Geschichte ein winziges Dorf mitten im Nichts gewählt. Eine Stadt scheint in erreichbarer Nähe zu sein, aber die Bewohner führen ein sehr ländliches Dasein. Eine echte Gemeinschaft scheint nicht zu existieren. Jeder kennt jeden, aber niemand kümmert sich um seine Nachbarn. Es ist ein Setting, wie wir es heutzutage häufiger in Deutschland vorfinden: Kleine Orte, nur die Alten und Kinder sind noch da, wer Arbeit sucht, zieht in die Stadt, wer die Einsamkeit nicht erträgt, schaut sich nach einem neuen Zuhause um. Zugezogene, die vielleicht wegen guter Grundstückspreise gekommen sind, bleiben ihr Leben lang Außenseiter. Das Dorf hat keine Seele mehr.

Die Charaktere

Im Zentrum des Geschehens steht ein 11-jähriges Mädchen, das sich selbst Kerze nennt. Sie lebt mit ihrer Mutter allein, tritt sehr selbstbewusst auf und lässt sich Aufträge von anderen erteilen, die sie stets erledigt. Sie ist zuverlässig und beobachtet ihre Umgebung sehr genau. All die anderen Figuren in diesem Buch sind Nebendarsteller: die alte Frau Hitschke, die ihren Hund vermisst, von ihrem Mann erst geschlagen und dann verlassen wurde, der Großbauer, der um seine Existenz kämpft, dessen Frau ihn verlassen hat und der seinen Sohn demütigt, der Jugendliche Henne, der mit seinem rechten Gedankengut dort allein dasteht, aber dennoch Teil aller ist, die Kinder, die wenig Beachtung von den Erwachsenen finden – der Antagonist dieser Geschichte ist die Situation als solche, das von archaischen Strukturen geprägte Dorf und die passive Frustration seiner Bewohner.

Der Erzählstil

Verena Günter wahrt Distanz zu ihrer Erzählung. Ihre Sätze sind knapp und emotionslos, sie schildert Tatsachen statt Erlebnisse. Umso bedrückender ist die Wandlung von Kerze, die vom aufgeweckten, ein wenig vernachlässigtem Kind zur strengen Anführerin mutiert. Es geschieht sehr langsam, anfangs belächelt man sie noch, doch nach und nach verdüstert und verdichtet sich das Geschehen. Plötzlich fehlen all die idyllischen Beschreibungen der Umgebung, plötzlich verschmelzen die Kinder mit dem Wald und leben wie Tiere in ihm. Was zu Beginn noch alles ein wenig harmlos klang, wurde schleichend zur Dystopie.

Symbolik und Botschaft

Diese düstere Geschichte, die so nah an der Realität ist, versteht man vielleicht eher, wenn man sie erlebt hat, wenn man wie ich aus einem 200-Seelen-Dorf kommt, das auf lange Sicht dem Untergang geweiht ist, weil es keine Perspektive für die junge Generation darin gibt. Mag der Ort irgendwann einmal voller Leben gewesen sein, Autos, Fernsehen, Internet, fallende Lebensmittelpreise und Existenznöte haben ihn zu einem trostlosen Ort gemacht. Die Eltern gehen ihren eigenen Problemen nach, sie vertrauen darauf, dass den Kindern „schon nichts passiert“, man ist ja auf dem Land. Sie lassen ihnen sämtliche Freiheiten, ohne sie zu lehren, was sie damit machen sollen. Mich verwundert es da gar nicht, dass ein Mädchen wie Kerze, das es im Prinzip nur gut meint und Dinge selbst in die Hand nehmen möchte, plötzlich mit einem irrsinnigen Experiment alle in seinen Bann zieht und ausprobiert, wie weit ihre Macht reicht.

Ich weiß nicht, ob und was die Autorin ihren LeserInnen mit „Power“ vermitteln möchte. Ich erkenne darin aber sehr deutlich die gesellschaftlichen Probleme, wie wir sie momentan oft im ländlichen Bereich vorfinden. Was aus der Ferne so romantisch erscheinen vermag, ist im Kern alles andere als harmonisch und perfekt. Es gibt kaum noch funktionierende Gemeinschaften auf den Dörfern, doch jeder wiegt sich in Sicherheit. „Da kann doch nichts passieren, wir wissen ja, wo unsere Kinder sind.“ Es ist sehr trügerisch, sich darauf zu verlassen. Schneller als man denkt, kann sich eine Eigendynamik entwickeln, die geprägt ist von Unkenntnis und Langeweile. Man kann die eigene Verantwortung nicht an die Natur übergeben. Kinder mögen auf dem Land glücklicher und freier aufwachsen, dennoch benötigen sie eine Perspektive und Orientierung. Das sollte man bei all den „Landlebenbilderbuchszenarien“ niemals vergessen.

Mein Fazit

Mich hat „Power“ von Verena Günter sehr beeindruckt. Ich habe darin viel wiedergefunden, das ich aus meiner eigenen Dorfkindheit kenne. Es ist nicht immer alles Gold, was glänzt und genau das bringt diese Erzählung auf den Punkt.

Rezension: „Neujahr“ von Juli Zeh

neujahr-buch.jpg Titel: Neujahr
Autorin: Juli Zeh
Verlag: Luchterhand

Inhalt:
„Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning will mit dem Rad den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, rekapituliert er seine Lebenssituation. Eigentlich ist alles in Ordnung, die Kinder gesund, der Job passabel. Aber Henning fühlt sich überfordert. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit einiger Zeit leidet er unter Panikattacken, die ihn heimsuchen wie ein Dämon. Als er schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, führt ihn ein Zufall auf eine gedankliche Zeitreise in seine Kindheit. Schlagartig durchlebt er wieder, was ihn einmal fast das Leben gekostet und bis heute geprägt hat.“

Rezension

„Neujahr“ von Juli Zeh war mein erstes Buch dieser Autorin. Ausgewählt wurde es vom Lesekreis, den ich seit Kurzem besuche und den ich sehr zu schätzen weiß, denn mein Eindruck von diesem Roman wandelte sich immens während des Gesprächs.

Vor der Diskussionsrunde

Als ich „Neujahr“ allein daheim im stillen Kämmerlein las, konnte ich wenig mit der Geschichte anfangen. Da fährt ein überforderter Familienvater auf Lanzerote ewig einen Berg hoch, ist dehydriert und lernt auf dem Scheitelpunkt etwas aus seiner Vergangenheit. Zurück in der Heimat setzt er seine Schwester vor die Tür, die wiederholt bei ihm Unterschlupf sucht.

Ähm ja. Ich konnte mich weder mit dem Protagonisten oder einer anderen Figur identifizieren, noch hatte ich Mitgefühl für seine Situation. Ja, es war schrecklich, was ihm in damals widerfahren war, aber mir war nicht klar, was die Autorin mir mit dieser Geschichte sagen wollte, in der Männer die Wünsche ihrer Frauen missachten und Frauen ihre Männer betrügen.

Während der Diskussionsrunde

Im Lesekreis kam das Gespräch sehr schnell auf den Wandel von Familienstrukturen, die Rollenverteilung von Mann und Frau und die Bedeutung von Kindern innerhalb der Familie. Viel hat sich gewandelt in den letzten Jahren, Frauen machen öfter Karriere, Männer widmen sich stärker häuslichen Pflichten. Henning ist ein Beispiel dafür, dass es für Männer nicht immer eine leichte Veränderung ist, dass sie sich überfordert fühlen – wie Mütter auch – und beginnen, an sich selbst zu zweifeln.

Kinder nehmen zudem heute deutlich mehr Raum ein als früher. Sie stehen oft im Mittelpunkt der Familie und fordern deutlich mehr Aufmerksamkeit als das vielleicht noch vor einigen Jahren der Fall war. Ich mit meinen Ü40 hatte als Kind viele Freiheiten. Ich bekam eine Uhrzeit gesagt, zu der ich daheim sein sollte, wo ich mich zwischenzeitlich aufhielt, spielte keine Rolle, wussten meine Eltern doch, dass ein halbes Dorf ein Auge auf uns Kinder hatte. Wir waren Mitläufer in den Familien und die Verantwortung für uns verteilte sich auf mehr Köpfe als nur zwei.
Heute sieht das anders aus, heute dreht sich alles um den Nachwuchs und noch dazu muss irgendwie das Geld verteilt werden, um ihm eine sichere Zukunft zu bieten. Keine leichte Aufgabe für Eltern. Dass man dadurch in einen Burnout geraten kann, ist nachvollziehbar.

Was mich wirklich nachdenklich zurückließ war das Thema „Heilung von schlimmen Vorkommnissen innerhalb der Familie“, das kurz angesprochen wurde. Spricht man nicht darüber, kehrt man es unter den Tisch und überdeckt prinzipiell sämtliche Probleme, die auftauchen, kann das gerade die Kinder sehr verletzen und Wunden bei ihnen hinterlassen, die sie noch lang ins Erwachsenenleben mittragen.
Henning schleppt ein sehr traumatisches Erlebnis mit sich herum, an das er sich nicht einmal mehr erinnern konnte, weil es nie aufgearbeitet wurde. Es prägt sein Leben und bricht unweigerlich aus, als die Überforderung zunimmt. Kommunikation hat nie stattgefunden, allerdings ist das ein Problem, dass auch heutzutage oft noch besteht. Man spricht nicht gern über Schwächen und Fehlentscheidungen, bedenkt aber nicht, was man seiner Familie damit antun kann.

Nach der Diskussionsrunde

Schon auf dem Heimweg vom Lesekreis schossen mir tausend Gedanken zu „Neujahr“ durch den Kopf, die meine eigenen Erlebnisse betrafen, aber auch Dinge, die ich bei befreundeten Familien beobachten kann. Die Gespräche über dieses Buch haben es mich aus ganz anderen Blickwinkeln sehen lassen. Ich habe gemerkt, dass ich es viel zu schnell abgeurteilt hatte und dass es darin mehr zu entdecken gibt, durchleuchtet man die Problematik ein wenig stärker.

Fazit

Nach wie vor kann ich mich nicht mit der Geschichte identifizieren, da mir mangels Kinder die Erfahrungen dafür einfach fehlen, aber ich verstehe die Hintergründe nun besser und sehe, dass die Autorin ein gutes Buch zu einem wichtigen Thema geschrieben hat.

„The Calculating Stars“ von Mary Robinette Kowal

33080122.jpg Titel: The Calculating Stars
Autorin: Mary Robinette Kowal
Verlag: Tor Books

Inhalt:
„On a cold spring night in 1952, a huge meteorite fell to earth and obliterated much of the east coast of the United States, including Washington D.C. The ensuing climate cataclysm will soon render the earth inhospitable for humanity, as the last such meteorite did for the dinosaurs. This looming threat calls for a radically accelerated effort to colonize space, and requires a much larger share of humanity to take part in the process.
Elma York’s experience as a WASP pilot and mathematician earns her a place in the International Aerospace Coalition’s attempts to put man on the moon, as a calculator. But with so many skilled and experienced women pilots and scientists involved with the program, it doesn’t take long before Elma begins to wonder why they can’t go into space, too.“

Meinung:
„The Calculating Stars“ hatte ich als Teil der Popsugar-Reading-Challenge zum Thema „A book about or by a woman in STEM“ gewählt und ich hätte nie erwartet, dass ich es so sehr mögen würde.

Wir begegnen in dieser Geschichte sehr kompetenten Mathematikerinnen, die nicht nur im Krieg einen wesentlichen Beitrag geleistete haben, sondern auch als Vorläufer unserer heutigen Computer in sehr kurzer Zeit sehr wichtige Berechnungen vornahmen und so auch für Raumfahrt eine bedeutsame Rolle spielten.

Eine von ihnen ist die Protagonistin Elma York, die nichts mehr liebt als das Fliegen und die nach einem Meteoreinschlag dabei helfen möchte, bemannte Raketen ins All zu schicken, um den Weg zu ebnen für die Besiedelung eines Planeten, da die Erde in wenigen Jahren unbewohnbar sein wird. Doch Elma träumt davon, mehr zu tun als Berechnungen anzustellen. Sie möchte eine Astronautin werden – im Jahr 1952 undenkbar. Alle wichtigen Jobs sind von Männern besetzt, man akzeptiert Frauen als „wertvolle Unterstützerinnen“, aber all ihr Wissen und Können wird heruntergespielt.

So verwundert es auch nicht, dass Elma zunächst als „Lady Astronaut“ in einer Kindersendung landet, doch als sie merkt, welche Vorbildrolle sie plötzlich für kleine Mädchen einnimmt, werden ihre Bestrebungen, eine „echte“ Astronautin zu werden, stärker. Und sie stößt auf Widerstand.

Was mir besonders gut gefallen hat, ist, dass Elma nicht nur äußerlich auf Hindernisse stößt, sondern auch mit Erziehungsbarrieren und psychischen Problemen zu kämpfen hat. Immer wieder hallen ihr die Worte ihrer Mutter „was sollen denn die Leute denken?“ durch den Kopf. In ihrem Fall lässt das nicht nur leichtes Unbehagen aus, sondern führt zu Panikattacken, sobald sie im Rampenlicht steht.

Das macht sie für mich zu einem ausgesprochen menschlichen und nachvollziehbaren Charakter, denn noch immer werden Mädchen darauf getrimmt, „lieb und brav“ zu sein, während man Jungs zum Anecken ermutigt. Doch Elma wird zur Heldin ihrer Geschichte, sie geht gegen ihre Ängste an und lässt sich auf ihrem Weg zu ihrem Traum davon nicht aufhalten.

Ein weiterer positiver Aspekt des Buchs sind für mich darüberhinaus die Beziehungen der Figuren untereinander. Zwar gibt es hin und wieder Unstimmigkeiten, aber alle begegnen sich mit Respekt, versuchen einander zu unterstützen und verwickeln sich nicht in Intrigen und Dramen. Ja, es gibt einen „Bösewicht“, doch auch seine Motive sind nachvollziehbar und auch er zeigt Schwächen, die ihn für mich sympathisch machten.
Ich fand es sehr entspannend eine Geschichte zu lesen, in der es wenige Konflikte gab – manche mögen es für unrealistisch bei einem Thema wie diesem handeln, für mich war es ein großer Pluspunkt des Romans.

„The Calculating Stars“  ist eine sehr gut recherchierte Story, die ein wichtiges Thema beleuchtet, das immer noch nicht besonders fortschrittlich behandelt wird. Ein Blick auf Wikipedia zeigt, dass es zwischen 1963 und heute nur  78 Astronautinnen (bzw. Anwärterinnen oder Rentnerinnen) gab bzw. gibt. Von einem echten Durchbruch kann man da wohl kaum sprechen.

Ich kann dieses Buch wirklich jedem sehr ans Herz legen. Für mich war es ein echtes Highlight und ich werde schon bald die Fortsetzung „The Fated Sky“ lesen.

Abgebrochen: „Auf Erden sind wir kurz grandios“ von Ocean Vuong

47819256. sy475 Titel: Auf Erden sind wir kurz grandios
Autor: Ocean Vuong
Verlag: Hanser
Originaltitel: On Earth We’re Briefly Gorgeous
Übersetzung: Anne-Kristin Mittag

Inhalt:
„Lass mich von vorn anfangen. Ma …“ Der Brief eines Sohnes an die vietnamesische Mutter, die ihn nie lesen wird. Die Tochter eines amerikanischen Soldaten und eines vietnamesischen Bauernmädchens ist Analphabetin, kann kaum Englisch und arbeitet in einem Nagelstudio. Sie ist das Produkt eines vergessenen Krieges. Der Sohn, ein schmächtiger Außenseiter, erzählt – von der Schizophrenie der Großmutter, den geschundenen Händen der prügelnden Mutter und seiner tragischen ersten Liebe zu einem amerikanischen Jungen.

Meinung:
Lang, lang hab ich mit mir gerungen und dieses Buch immer wieder zur Hand genommen. Mal habe ich einen ganzen Absatz gelesen, mal nur zwei Sätze, mal bin ich schon über zwei Wörter nicht hinaus gekommen. Bis ich schließlich zugeben musste, dass es kein Buch für mich ist, das ich zu sehr unter dieser Lektüre leide.

Ocean Vuong ist ohne Frage ein hervorragender Autor, der seine Geschichte sehr eindrücklich erzählt, der es versteht, die Irrungen und Wirrungen seines Protagonisten in der Struktur des Romans widerzuspiegeln – doch ich mir war dies alles zu „ehrlich“, zu brutal. Ja, das Leben ist nicht immer ein Zuckerschlecken und ich habe das große Glück, in guten und friedlichen Verhältnissen aufgewachsen zu sein, doch die Gewaltszenen hier haben mich zu sehr mitgenommen. Manchmal bestehen sie nur aus einer Andeutung, doch sehr oft wird das Geschehen ausgesprochen detailreich geschildert.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist auf jeden Fall ein sehr gutes und wichtiges Buch unserer Zeit, aber ich habe es nach mehreren Anläufen abgebrochen, weil es mir zu nah ging.