Rezension: „This Tender Land“ von William Kent Krueger

Titel: This Tender Land
Autor: William Kent Krueger
Verlag: Atria Books

Inhalt:
„1932, Minnesota—the Lincoln School is a pitiless place where hundreds of Native American children, forcibly separated from their parents, are sent to be educated. It is also home to an orphan named Odie O’Banion, a lively boy whose exploits earn him the superintendent’s wrath. Forced to flee, he and his brother Albert, their best friend Mose, and a brokenhearted little girl named Emmy steal away in a canoe, heading for the mighty Mississippi and a place to call their own.
Over the course of one unforgettable summer, these four orphans will journey into the unknown and cross paths with others who are adrift, from struggling farmers and traveling faith healers to displaced families and lost souls of all kinds. With the feel of a modern classic, This Tender Land is an en­thralling, big-hearted epic that shows how the magnificent American landscape connects us all, haunts our dreams, and makes us whole.“

Rezension

„This Tender Land“ war der erste Buch aus dem „Summer Reading Guide“, für das ich mich entschieden hatte, weil es so ganz anders ist als das, was ich üblicherweise lese und ich solche Aktionen nutze, um einen Blick über den Tellerrand zu werfen.

Huckleberry Finn und die Große Depression

Die Geschichte spielt mitten in der amerikanischen Wirtschaftskrise, als viele Menschen in die Arbeitslosigkeit stürzte und ihre Existenzen bedrohte.

In dieser Zeit fliehen drei Jugendliche und ein Kind aus einer Schule, in der Gewalt auf der Tagesordnung steht und begegnen auf ihrem Weg zu einem besseren Leben den unterschiedlichsten Menschen mit mal mehr und mal weniger achtbaren Motiven, alle um ihr Überleben kämpfend, aber dennoch oft bereit, das Wenige, was sie haben, mit anderen zu teilen.

Die Erzählung erinnerst sehr stark an Huckleberry Finn, was auch – wie man dem Nachwort des Autors entnehmen kann – so beabsichtigt war. Es fängt die Atmosphäre dieses Romans sehr gut auf und verwebt sie mit eigenen Ideen zu einem neuen sommerlichen Abenteuerroman.

Frauen und Magie

Es gibt zwei Dinge, die mich an der ansonsten stimmungsvollen Story ein wenig gestört haben:

Frauen in ihrer typischen Frauenrolle
Alle weiblichen Figuren, die wir hier so begegnen, grasen so ziemlich alle Klischees ab: Sie sind mütterliche Nebenfiguren, die zwar manchmal sehr harsch handeln, aber damit entweder sich selbst oder ein Kind retten wollen, also eine ehrenwerte Absicht hegen.

Das phantastische Element
Ein Teil dieser Geschichte fällt unter das, was man „Magischen Realismus“ nennt, also die Verschmelzung der Realität my mystischen Elementen.
Kann man mögen, muss man aber nicht.
Ich fand, dass es für diese Geschichte eigentlich überflüssig war bzw. dass man es auch hätte stimmiger lösen können. Allerdings erklärt der Epilog, warum es gewählt wurde – was mich ein wenig versöhnte und dem Buch doch einen Stern mehr bescherte als ursprünglich gedacht.

Mein Fazit

„This Tender Land“ ist nach den ersten beiden Abschnitten des Buchs, die etwas brutal sind, eine nette Sommerlektüre, die zwar einige Schwächen aufweist, aber sehr schön erzählt ist und eine ganz eigene Atmosphäre erzeugt.

Rezension: „Girl, Woman, Other“ von Bernardine Evaristo

buch-girl-woman-other.jpgTitel: Girl, Woman, Other
Autorin: Bernardine Evaristo
Verlag: Hamish Hamilton

Inhalt:
Girl, Woman, Other follows the lives and struggles of twelve very different characters. Mostly women, black and British, they tell the stories of their families, friends and lovers, across the country and through the years.“

Rezension

Eigentlich fühle ich mich nicht kompetent genug, um „Girl, Woman, Other“ von Bernardine Evaristo, einer Professorin für Creativ Writing, zu rezensieren, denn dieser Roman hat den Booker Prize 2019 gewonnen und steht nun auf der Shortlist für den Women’s Prize for Fiction.

Dennoch möchte ich gern meine Leseerfahrungen mit Euch teilen.

Der Schreibstil

Zunächst einmal fiel mir der ungewöhnliche Schreibstil auf, fehlen dem Text doch sämtliche Satzzeichen. Ich bin nicht unbedingt Fan experimentellen Schreibens und bevorzuge den ganz klassischen Stil mit Interpunktion und Groß- und Kleinschreibung, aber erstaunlicherweise störte es mich hier schon nach wenigen Sätzen nicht mehr. Ich kann nicht ganz einschätzen, warum die Autorin diese Form gewählt hat, vielleicht weil es ganz gewöhnliche Frauen sind, deren Geschichte sie erzählt, Frauen, die niemand auf den ersten oder zweiten Blick bemerken würde, oder ob sie andere Gründe dafür hatte. Es bleibt dennoch gut lesbar und wirkt so stellenweise sogar poetisch.

Die Schicksale

Evaristo erzählt und von 12 Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die jedoch einige Gemeinsamkeiten teilen und mehr oder weniger lose Verbindungen zueinander haben.

Jede dieser Figuren ist vielschichtig, komplex und einzigartig, einige fand ich eher uninteressant, andere haben mich sofort fasziniert in ihren Bann gezogen. Sehr lebendig geschrieben sind sie alle.

Die Autorin wirft anhand ihrer Schicksale einige durchaus auch philosophische Fragen auf, was mir einerseits ausgesprochen gut gefallen hat, andererseits kann es aber auch schnell zu viel werden, legt man nicht hin und wieder eine Lesepause ein.

Mein Fazit

Ich weiß tatsächlich nicht viel über dieses Buch zu schreiben. Ich habe das Gefühl, dass man es mehrmals lesen muss, um es wirklich schätzen zu lernen. Viele Dinge zogen vermutlich unerkannt an mir vorüber, viele Charaktere kamen zu kurz, weil ich ihnen zu wenig Zeit widmete.

Ich habe jedenfalls erahnen können, warum dieses Buch so sehr gelobt wird. Es ist ein großartiges Werk, das wichtige Themen unaufgeregt angeht, ohne dabei zu langweilen.

Sollte ich noch einmal viel Zeit und Muse haben, werde ich dieses Werk noch einmal zur Hand nehmen, denn ich denke, es lohnt sich.

Rezension: „Aufzeichnungen eines Serienmörders“ von Young-Ha Kim

51928204._SY475_.jpg Titel: Aufzeichnungen eines Serienmörders
Autor: Young-Ha Kim
Verlag: cass Verlag
Übersetzung: Inwon Park

Inhalt:
„Tierarzt Byongsu Kim (70) ist »pensionierter« Serienmörder. Er verbringt seine Zeit damit, Klassiker zu lesen und Gedichte zu schreiben. Kurz nachdem er in seinem Viertel einem Mann begegnet, den er als seinesgleichen erkennt, wird bei ihm beginnende Demenz diagnostiziert. Um seine Tochter zu beschützen, plant der alte Mann, mit seinem schwindenden Gedächtnis kämpfend, einen letzten Mord.“

Rezension

„Aufzeichnungen eines Serienmörders“ wäre mir wohl nie begegnet, hätte ich nicht für einen Buchhamsterkauf die BuchhändlerInnen meines Vertrauens einen Lesestapel für mich auswählen lassen. In diesem befand sich auch dieses Kleinod.

Vergangenheit, Vergessen, zukunftslos

Kim Young-ha ist ein südkoreanischer Schriftsteller, der wegen einer Kohlenstoffmonoxidvergiftung einen Erinnerungsverlust über seine ersten zehn Lebensjahre erlitt.
Auch  Byongsu Kim, der Protagonist dieses Romans, kämpft gegen das Vergessen, doch während er sich noch sehr gut an seine blutrünstige Vergangenheit erinnern kann, entgleitet ihm wegen beginnender Demenz die Gegenwart, ohne die er für sich keine Zukunft mehr sieht.

In einem letzten Akt der Verzweiflung möchte er seine Tochter vor Schaden bewahren, doch das ist nicht so einfach, wenn das Kurzzeitgedächtnis das Erlebte immer wieder löscht. Er versucht sich mit Notizen und Audioaufnahmen zu behelfen, kommt aber nicht gegen das Chaos in seinem Kopf an und verliert immer mehr die Kontrolle über seinen Alltag.

Identität ohne Erinnerung

Young-ha befasst sich auf humorvolle Weise damit, wie bedrohlich und hoffnungslos sich eine beginnende Demenz anfühlen kann, wie sie einen Menschen zu einem Leben in der Vergangenheit zwingt und ihm seiner Zukunft beraubt, weil er keine Gegenwart mehr hat.

Der Serienmörder, der viele grausame Taten begannen hat, wird nun selbst zum Opfer und zum Gefangenen einer Krankheit, die seine Realität auslöscht. Der arme, alte Mann tut einem leid, auch wenn man eigentlich für einen Täter wie ihn so nicht empfinden sollte.

Unterhaltsam philosophisch

„Aufzeichnungen eines Serienmörders von Kim Young-ha ist ein kleines Buch, das auf seine ganz eigene Weise unterhaltsam nachdenklich stimmt.

Ich bin sehr froh, es gelesen zu haben und meine, dass es in keiner Bibliothek fehlen sollte.

Rezension: „Kirschblüten und rote Bohnen“ von Durian Sukegawa

buch-kirschblueten.jpg Autor: Durian Sukegawa
Titel: Kirschblüten und rote Bohnen
Übersetzung: Ursula Gräfe
Verlag: DuMont Buchverlag

Inhalt:
„Sentaro ist gescheitert, nach allen Regeln der Kunst: Er ist vorbestraft, trinkt zu viel, und sein Traum, Schriftsteller zu werden, ist unerfüllt geblieben. Stattdessen arbeitet er in einem Imbiss, der Dorayaki verkauft: Pfannkuchen, die mit einem süßen Mus aus roten Bohnen gefüllt sind. Tag für Tag steht er in dem Laden mit dem Kirschbaum vor der Tür und bestreicht lustlos Gebäck mit Fertigpaste. Bis irgendwann die alte Tokue den Laden betritt. Die weise, aber sichtlich vom Leben gezeichnete Frau kocht das beste Bohnenmus, das man sich nur denken kann. Die Begegnung mit ihr verändert alles. Tokue lehrt Sentaro ihre Kunst und tatsächlich gewinnt er nicht nur die Lust am Backen, sondern auch die Freude am Sinnlichen und an den kleinen Dingen des Lebens zurück. Wenig später wird Wakana, ein Mädchen aus schwierigen Verhältnissen, zur Stammkundin des Imbisses und schließt Freundschaft mit Tokue und Sentaro. Doch die Welt meint es nicht gut mit den dreien …“

Rezension

„Kirschblüten und rote Bohnen“ hätte ich wohl nie zur Hand genommen, wäre es nicht als Buch für den Lesekreis gewählt worden, den ich regelmäßig besuche. Ich kannte bislang nur Haruki Murakami und Yoko Ogawa, von Durian Sukegawa hatte ich – wie von so vielen anderen japanischen SchriftsstellerInnen – noch nichts gehört.

Natur und Poesie

Schon auf den ersten Seiten fällt auf, das wir es hier mit einem sehr poetischen Buch zu tun haben, bei dem die Natur eine große Rolle spielt – wie unter anderen auch in den aus Japan stammenden Kurzgedichten, den „Haikus“. So beginnt diese Geschichte sehr sanft und leise und mit einem Blick auf die vielen Details, die zu einer sehr ruhigen und gelassenen Atmosphäre beitragen.

Das Leben achten

Ein wenig täuscht der Ton darüber hinweg, dass es sich bei „Kirschblüten und rote Bohnen“ um eine sehr ernste Erzählung handelt, bei der es um tragische menschliche Schicksale geht. Tokue ist vom Leben gezeichnet. Auch wenn die Normalität mittlerweile wieder für sie zurückgekehrt ist, verbrachte sie doch den Großteil ihrer Existenz abgeschottet von der übrigen Welt hinter Mauern. Aber trotz allem – oder gerade deswegen – geht sie mit viel Achtsamkeit ihren Weg und zeigt Sentaro und der jungen Wakana, dass man unabhängig von seinen aktuellen Umständen versuchen sollte, ein sinnvolles und glückliches Leben zu führen, einen Schritt zurückzutreten, zu schätzen, was man hat und zu überlegen, was man für sich und andere besser machen kann.

Sukegawa erinnert uns daran, dass wir immer eine Wahl haben, dass wir eine negative Situation zum Guten wenden können, dass es nur auf die eigene Einstellung und die Sichtweise ankommt. Doch das funktioniert nur, wenn wir innehalten und uns bewusst machen, wie viele gute Dinge uns umgeben.

Mein Fazit

„Kirschblüten und rote Bohnen“ ist ein stilles Buch, das zum Nachdenken und Innehalten einlädt. Ich bin froh, es gelesen zu haben.

Rezension: „Allegro Pastell“ von Leif Randt

allegro-püastell-buch.jpgTitel: Allegro Pastell
Autor: Leif Randt
Verlag: Kiepenheuer & Witsch

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar!

Inhalt:
„Leif Randt erzählt vom Glück. Von Tanja und Jerome, von Wirklichkeit und Badminton, von idealen Zuständen und den Hochzeiten der anderen. Eine Lovestory aus den späten Zehnerjahren. Tanja Arnheim, deren Debütroman PanoptikumNeu Kultstatus genießt, wird in wenigen Wochen dreißig. Mit Blick auf den Berliner Volkspark Hasenheide wartet sie auf eine explosive Idee für ihr neues Buch. Ihr fünf Jahre älterer Freund, der gefragte Webdesigner Jerome Daimler, bewohnt in Maintal den Bungalow seiner Eltern und versucht sein Leben zunehmend als spirituelle Einkehr zu begreifen. Die Fernbeziehung der beiden wirkt makellos. Sie bleiben über Text und Bild eng miteinander verbunden und besuchen sich für lange Wochenenden in ihren jeweiligen Realitäten. Jogging durchs Naturschutzgebiet und Meditation im südhessischen Maintal, driftende Dauerkommunikation und sexpositives Ausgehen in Berlin – Jerome und Tanja sind füreinander da, jedoch nicht aneinander verloren. Eltern, Freund*innen und depressive Geschwister spiegeln ihnen ein Leid, gegen das Tanja und Jerome weitgehend immun bleiben. Doch der Wunsch, ihre Zuneigung zu konservieren, ohne dass diese bieder oder schmerzhaft existenziell wird, stellt das Paar vor eine große Herausforderung.“

Rezension

„Allegro Pastell“ von Leif Randt wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 nominiert. Der Autor hat für seine Werke bereits einige Preise gewonnen und wird vermutlich auch diese Auszeichnung bekommen.

Millenials und die große Liebe

Wo fange ich am Besten mit meinen Eindrücken an? Das ist gar nicht so einfach, denn alle Teile des Buches – Story, Charaktere, Schreibstil – kommen zu einem großen Ganzen zusammen, eins besteht nicht ohne das andere.

Beginnen wir mit dem Kernstück, den beiden „Millenials“ Tanja und Jerome, die sich im heißen Sommer in 2018 begegnen, verlieben und ihre Gefühle so lang zerdenken und dezimieren, bis… nun, das müsst ihr selbst lesen.

Zu den „Millenials“ oder auch der Generation Y gehören laut Wikipedia die im Zeitraum der frühen 1980er bis zu den späten 1990er Jahren geboren wurden. Nicht nur die Protagonisten gehören dieser Gruppe an, auch der Autor selbst, der 1983 das Licht der Welt erblickte, ist ein sog. „Jahrtausender“.
Ihnen wird nachgesagt, eine „gewisse Neigung zum Hinterfragen“ zu haben (Wikipedia) und genau dies tun Tanja und Jerome hier bis ins winzigste Detail mit sich selbst, ihrem Umfeld, ihrer Liebe – nichts wird als gegeben hingenommen, alles wird durchleuchtet, analysiert und mit einer großen emotionalen Distanz betrachtet. Man will sich nicht festlegen, will sich nicht binden, aber auch nicht wirklich endgültig voneinander trennen.

Stilistische Mittel

Immer wieder streut Randt an jeder möglichen und unmöglichen Stelle Markennamen sehr gezielt ein, sind sie doch für den Alltag dieser Generation wesentlich. Da hat man nicht einfach nur ein Handy, da besitzt man vielmehr ein Samsung Galaxy S7, trägt einen Quechua-Rucksack oder ein Kalenjishirt und fährt einen Tesla.

Üblicherweise bekommt man als AutorIn empfohlen, keine Marken in der Geschichte zu nennen, weil das Buch so datiert wird und die Begriffe für LeserInnen, die es erst Jahre später entdecken, keine Bedeutung mehr haben.

Doch hier ist das alles ein Mittel zum Zweck. Es zeigt und überspitzt dabei das Umfeld, in dem sich die Generation Y bewegt, die früh mit Technik in Verbindung gekommen ist und sich bewusst nach diversen Markenartikeln umsieht – einerseits, um ihre Individualität auszudrücken, andererseits um unter ihren Peers nicht unangenehm aufzufallen.

All dies kombiniert mit dem ausgesprochen reservierten Ton, mit dem der Autor seine Story erzählt, ergibt das perfekte Bild einer Altersgruppe, die von Soziologen und andere selbsternannten Experten als  „Millenials“ bezeichnet wird. So perfekt, dass eigentlich sehr schnell klar wird, dass es sich nur um eine Satire handeln kann.

Mein Leseeindruck

Um die zynische und eher humorvolle Seite des Buches schätzen zu können, sollte man unbedingt hin und wieder eine Lesepause einlegen, denn der emotionslose Erzählton ist auf Dauer anstrengend und ein wenig nervig. Doch mit ein paar Unterbrechungen kann die Lektüre durchaus Spaß machen.

Die Story selbst ist eher ein wenig langweilig und belanglos – aber auch das ist wohl Absicht, passt es doch in die „pastellfarbene“ Welt der Jahrtausender, in der alles in einem Einheitsbrei verschwimmt im Gegensatz zur – überholten – Popkultur, in der alles so einzigartig, laut und farbenfroh war.

Fazit

„Allegro Pastell“ von Leif Randt ist ein echtes Meisterwerk, aber, wenn ich ehrlich bin, fand ich es viel zu zäh und zu lang, selbst wenn ich davon ausgehe, dass es genauso gewollt ist.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich tatsächlich Vertreter der Generation Y kenne, die haargenau in dieses Schema passen, die mich immer wieder ermüden mit ihren tausend komplizierten Gedanken zu einem einfachen Sachverhalt. Es könnte sein, dass das Buch einfach nur meinen „roten Knopf“ ausgelöst hat und ich deswegen froh und dankbar war, als ich damit fertig war.

Super würde sich das Buch aber in einer Zeitkapsel machen, um der Menschheit in hundert Jahren – so denn es noch eine solche gibt – zu zeigen, was für eine schreckliche Phase ihre Vorfahren durchstehen mussten…

 

 

Rezension: „Power“ von Verena Günter

buch-powerTitel: Power
Autorin: Verena Günter
Verlag: Dumont

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Inhalt:
Die selbstbewusste Kerze ist gerade noch ein Kind. Sie lebt in einem kleinen, von Wald und Feldern umgebenen Dorf, das kaum mehr zweihundert Bewohner hat. Die Alten, zu denen die Nachbarin Hitschke gehört, sind in der Überzahl. Kerze verteidigt ihr Dorf gegen den Schwund, sie ist hier fest verwurzelt. Eines Tages geht Power, der Hund der Hitschke, verloren, und Kerze verspricht, ihn zu finden. Eine mitreißende, schonungslose Suche beginnt, der sich immer mehr Kinder anschließen. Als die Kinder schließlich im Wald verschwinden, erklärt die Dorfgemeinschaft den Ausnahmezustand.
Mit außergewöhnlicher Sprachmacht, Scharfsinn und mit enormem Einfühlungsvermögen erzählt Verena Güntner die Geschichte einer Radikalisierung und davon, was mit einer Gemeinschaft geschieht, die den Kontakt zu ihren Kindern verliert. ›Power‹ führt hinein in den Schmerz derer, die zurückbleiben, und zeigt mit großer Kraft, was es braucht, um durchzuhalten, weiterzumachen und Sinn zu finden in einer haltlos gewordenen Welt.

Rezension

„Power“ von Verena Günter wurde im Bereich Belletristik für den Leipziger Buchpreis 2020 nominiert und ist sicherlich ein Buch, das die Gemüter scheidet.

Das Setting

Die Autorin hat als Umfeld für ihre Geschichte ein winziges Dorf mitten im Nichts gewählt. Eine Stadt scheint in erreichbarer Nähe zu sein, aber die Bewohner führen ein sehr ländliches Dasein. Eine echte Gemeinschaft scheint nicht zu existieren. Jeder kennt jeden, aber niemand kümmert sich um seine Nachbarn. Es ist ein Setting, wie wir es heutzutage häufiger in Deutschland vorfinden: Kleine Orte, nur die Alten und Kinder sind noch da, wer Arbeit sucht, zieht in die Stadt, wer die Einsamkeit nicht erträgt, schaut sich nach einem neuen Zuhause um. Zugezogene, die vielleicht wegen guter Grundstückspreise gekommen sind, bleiben ihr Leben lang Außenseiter. Das Dorf hat keine Seele mehr.

Die Charaktere

Im Zentrum des Geschehens steht ein 11-jähriges Mädchen, das sich selbst Kerze nennt. Sie lebt mit ihrer Mutter allein, tritt sehr selbstbewusst auf und lässt sich Aufträge von anderen erteilen, die sie stets erledigt. Sie ist zuverlässig und beobachtet ihre Umgebung sehr genau. All die anderen Figuren in diesem Buch sind Nebendarsteller: die alte Frau Hitschke, die ihren Hund vermisst, von ihrem Mann erst geschlagen und dann verlassen wurde, der Großbauer, der um seine Existenz kämpft, dessen Frau ihn verlassen hat und der seinen Sohn demütigt, der Jugendliche Henne, der mit seinem rechten Gedankengut dort allein dasteht, aber dennoch Teil aller ist, die Kinder, die wenig Beachtung von den Erwachsenen finden – der Antagonist dieser Geschichte ist die Situation als solche, das von archaischen Strukturen geprägte Dorf und die passive Frustration seiner Bewohner.

Der Erzählstil

Verena Günter wahrt Distanz zu ihrer Erzählung. Ihre Sätze sind knapp und emotionslos, sie schildert Tatsachen statt Erlebnisse. Umso bedrückender ist die Wandlung von Kerze, die vom aufgeweckten, ein wenig vernachlässigtem Kind zur strengen Anführerin mutiert. Es geschieht sehr langsam, anfangs belächelt man sie noch, doch nach und nach verdüstert und verdichtet sich das Geschehen. Plötzlich fehlen all die idyllischen Beschreibungen der Umgebung, plötzlich verschmelzen die Kinder mit dem Wald und leben wie Tiere in ihm. Was zu Beginn noch alles ein wenig harmlos klang, wurde schleichend zur Dystopie.

Symbolik und Botschaft

Diese düstere Geschichte, die so nah an der Realität ist, versteht man vielleicht eher, wenn man sie erlebt hat, wenn man wie ich aus einem 200-Seelen-Dorf kommt, das auf lange Sicht dem Untergang geweiht ist, weil es keine Perspektive für die junge Generation darin gibt. Mag der Ort irgendwann einmal voller Leben gewesen sein, Autos, Fernsehen, Internet, fallende Lebensmittelpreise und Existenznöte haben ihn zu einem trostlosen Ort gemacht. Die Eltern gehen ihren eigenen Problemen nach, sie vertrauen darauf, dass den Kindern „schon nichts passiert“, man ist ja auf dem Land. Sie lassen ihnen sämtliche Freiheiten, ohne sie zu lehren, was sie damit machen sollen. Mich verwundert es da gar nicht, dass ein Mädchen wie Kerze, das es im Prinzip nur gut meint und Dinge selbst in die Hand nehmen möchte, plötzlich mit einem irrsinnigen Experiment alle in seinen Bann zieht und ausprobiert, wie weit ihre Macht reicht.

Ich weiß nicht, ob und was die Autorin ihren LeserInnen mit „Power“ vermitteln möchte. Ich erkenne darin aber sehr deutlich die gesellschaftlichen Probleme, wie wir sie momentan oft im ländlichen Bereich vorfinden. Was aus der Ferne so romantisch erscheinen vermag, ist im Kern alles andere als harmonisch und perfekt. Es gibt kaum noch funktionierende Gemeinschaften auf den Dörfern, doch jeder wiegt sich in Sicherheit. „Da kann doch nichts passieren, wir wissen ja, wo unsere Kinder sind.“ Es ist sehr trügerisch, sich darauf zu verlassen. Schneller als man denkt, kann sich eine Eigendynamik entwickeln, die geprägt ist von Unkenntnis und Langeweile. Man kann die eigene Verantwortung nicht an die Natur übergeben. Kinder mögen auf dem Land glücklicher und freier aufwachsen, dennoch benötigen sie eine Perspektive und Orientierung. Das sollte man bei all den „Landlebenbilderbuchszenarien“ niemals vergessen.

Mein Fazit

Mich hat „Power“ von Verena Günter sehr beeindruckt. Ich habe darin viel wiedergefunden, das ich aus meiner eigenen Dorfkindheit kenne. Es ist nicht immer alles Gold, was glänzt und genau das bringt diese Erzählung auf den Punkt.