„Vollendet – Die Flucht“ von Neal Shusterman (Spoiler)

41442961 Titel: Vollendet – Die Flucht
Autor: Neal Shusterman
Serie: Unwind Dystology #1
Verlag: Fischer
Originaltitel: Unwind

Inhalt:
Sie sagen, dass du weiterlebst. Sie lügen.Connor, 16 Jahre alt und ständiger Unruhestifter, hat es längst geahnt, doch nun steht es fest: Er soll umgewandelt werden. Seine Eltern haben seinen Körper vollständig zur Organspende freigegeben. Und zwar nicht erst nach seinem Tod. Sondern sofort.Risa ist in einem Waisenhaus aufgewachsen und darf nicht länger auf Kosten des Staates leben. Auch sie soll umgewandelt werden.Als ihre Wege sich unerwartet treffen, müssen Connor und Risa sich blitzschnell entscheiden – Flucht oder Umwandlung? Können sie dem System entkommen, das Jagd auf Menschen wie sie macht?

Meine Meinung:
Nachdem mir die „Arc of Scythe“-Reihe von Shusterman recht gut gefallen hatte, war ich neugierig auf weitere Bücher des Autors und die Inhaltsangabe klang vielversprechend.

Ich finde den Gedanken, dass man seine Kinder als „Teilespender“ hergeben kann, ziemlich gruselig. Diese Idee bietet moralischen/ethischen und emotionalen Zündstoff.  Wäre ein solches System nicht durchdrungen von Macht und dementsprechend Angst nach dem Motto „wenn du nicht machst, was ich dir sage, dann lasse ich dich umwandeln?“ Gäbe es nicht unglaublich viele Ausreißer? Würde es einen „Kinderhandel“ geben?

Shusterman geht auf einige dieser Fragen zwar ein, bleibt aber letzten Endes doch an der Oberfläche. Er reißt ein paar Punkte an, z.B. die Reue einiger Eltern im Nachhinein oder einen Glaubenskult, der um die Umwandlung herum aufgebaut wurde, aber irgendwann verliert sich der Autor leider zu sehr im Phantastischen und verliert die Verbindung zu realen Möglichkeiten.

Besonders im letzten Drittel wird die Geschichte nicht nur sehr sprunghaft, sonder driftet stark ins Märchenhafte ab: Eltern, die die „Einzelteile“ ihres Sohnes zu dessem Geburtstag zusammenkommen lassen, Körperteile, die den Charakter des Empfängers prägen und die Umwandlung bis zur letzten Minute bei vollem Bewusstsein.

All diese Kleinigkeiten haben zusammengenommen mein Leseerlebnis zum Ende hin sehr getrübt, aber ich gehöre auch nicht zwingend zur Zielgruppe, die vermutlich mehr Action als Philosophie erwartet. Und Action gibt es in dieser Erzählung genug.

Kann man lesen, muss man aber nicht.

„Lifel1k3“ von Jay Kristoff

29456569Titel: Lifel1k3
Autor: Jay Kristoff
Serie: Lifelike #1
Verlag: Knopf Books for Young Readers

Inhalt:
On a floating junkyard beneath a radiation sky, a deadly secret lies buried in the scrap.
Eve isn’t looking for secrets—she’s too busy looking over her shoulder. The robot gladiator she’s just spent six months building has been reduced to a smoking wreck, and the only thing keeping her Grandpa from the grave was the fistful of credits she just lost to the bookies. To top it off, she’s discovered she can destroy electronics with the power of her mind, and the puritanical Brotherhood are building a coffin her size. If she’s ever had a worse day, Eve can’t remember it.
But when Eve discovers the ruins of an android boy named Ezekiel in the scrap pile she calls home, her entire world comes crashing down. With her best friend Lemon Fresh and her robotic conscience, Cricket, in tow, she and Ezekiel will trek across deserts of irradiated glass, infiltrate towering megacities and scour the graveyard of humanity’s greatest folly to save the ones Eve loves, and learn the dark secrets of her past.
Even if those secrets were better off staying buried.“

Meine Meinung:
Wir befinden uns im postapokalyptischen Amerika, in dem es neben der menschlichen Rasse auch Androiden und andere technische Wesen gibt, die jedoch entweder als Sklaven gehalten werden oder sich außerhalb des Gesetzes bewegen.

Wir verfolgen die Geschichte von Eve, die auf einen „Lifelike“ trifft – einem Androiden mit hoch entwickelter KI und Emotionen – und deren Schicksale miteinander verbunden zu sein scheinen.

Es ist eine Geschichte voller Action, die mich schon allein wegen des Themas „Menschen und KI“ sehr interessiert hat.
Ähnlich wie bereits bei der Scythe-Reihe oder den „Wayfarers“ treffen wir auch hier auf eine künstliche Intelligenz, die Gefühle verspürt, mit denen sie umzugehen lernen muss.
Und wieder stellt sich die Frage „Wird eine KI jemals Emotionen entwickeln?“ Kann eine KI uns so ähnlich werden, dass die Unterschiede lediglich im „Material“ liegen und welche Konsequenzen wird das haben?
Ich finde es sehr spannend, wie verschiedene AutorInnen dieses Thema behandeln und dass viele darin übereinstimmen, dass es denkbar wäre und unberechenbare Folgen hätte.

Jay Kristoff hat seine Ideen zu dieser Problematik ausgesprochen gekonnt in einer spannenden Erzählung untergebracht, die sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene geeignet ist. Ja, es gibt eine kleine Romanze, aber dennoch sind es andere Aspekte, die im Vordergrund stehen.

Ich würde ja gern ein wenig über das Ende sprechen, weil es mich unglaublich begeistert hat, doch es würde zu sehr spoilern, was ich hier ausnahmsweise komplett vermeiden möchte.
Das ist ein Buch, dass man selbst gelesen haben muss!

Leider gibt es noch keine Übersetzung, aber Band 2 ist bereits für Ende Mai auf Englisch angekündigt. ich bin ausgesprochen gespannt, wie es weitergehen wird.

Absolute Leseempfehlung.

„Der Zorn der Gerechten“ von Neal Shusterman

36508919 Titel: Der Zorn der Gerechten
Autor: Neal Shusterman
Serie: Arc of a Scythe #2
Verlag: Fischer Sauerländer
Originaltitel: Thunderhead

Inhalt:
„Citra hat es geschafft.
Sie wurde auserwählt und als Scythe entscheidet sie jetzt, wer leben darf und wer sterben muss.
Doch als wenn das nicht schon schwer genug wäre, übernehmen skrupellose Scythe die Macht und stellen neue Regeln auf. Die wichtigste Regel lautet, dass es ab jetzt keine Regeln mehr gibt.
So beginnt Citras Kampf für Gerechtigkeit.
Ein Kampf, den sie nur gemeinsam gewinnen kann mit ihrer großen Liebe Rowan.“

Meine Meinung:
Nachdem ich bereits das erste Buch der Serie gelesen hatte und in in unserer Bibliothek zufällig über den zweiten Band stolperte, wollte ich nun doch wissen, wie sich die Geschichte um Citra und Rowan weiterentwicklen würde.

Zunächst einmal betreten wir die Welt, wie wir sie schon aus der ersten Geschichte kennen: es gibt die KI „Thunderhead“, die die Menschen beschützen soll, sie überwacht und Regeln erschaffen hat, an die sie sich selbst auch halten muss.
Dann sind da noch die Scythe, die darüber entscheiden, wer leben und wer wirklich sterben muss.
Scythe und KI dürfen keinerlei Kontakt zueinander haben, um die Entscheidungen eigenständig treffen zu können.

Klingt nach einem durchdachten System, doch schnell schon wird klar, dass es nicht perfekt ist. Zum einen hat Thunderhead als eine Art Experiment beschlossen, Teile der Umgebung seiner Dauerüberwachung zu entziehen. Es gibt also einige „dunkle Ecken“, in denen die Regeln gebrochen werden können.
Zum anderen ist auch die Gesellschaft der Scythe nicht perfekt, verstößt gegen ihre eigenen Grundsätze und spaltet sich mehr und mehr in zwei Teile, von denen einer die eigenen Interessen über die der Menschheit stellt.

Was anfangs wie eine nette Story für Jugendliche wirkt, entpuppt sich im Verlauf des Buches als eine sehr komplexe Erzählung, die immer wieder die Frage der Moral und des Gewissens aufwirft. Selbst die KI kann sich dem nicht entziehen und sucht nach Schlupflöchern in der Programmierung, um ihre Regeln umgehen zu können und die Scythe, die ihr viel bedeuten, zu schützen vermag.
Zwar beruft sie sich dabei stets auf Wahrscheinlichkeitsberechnungen, doch sie scheint sich weiterzuentwickeln. Sie kämpft verstärkt gegen Empfindungen an, die sie so nicht verspüren sollte, weil sie nicht das Wohl aller betreffen.

Ich finde es interessant, dass in der Literatur vermehrt künstliche Intelligenzen auftauchen, die uns nicht unähnlichen sind und in ihrer selbständigen Weiterentwicklung Gefühle erleben.
Was werden diese Emotionen mit einer allwissenden Maschine machen? Werden sie die „Vernunft“ überwiegen oder wird sich am Ende doch die mathematische Seite durchsetzen können, die keine Rücksicht auf Emotionen nimmt?

In „Der Zorn der Gerechten“ erhalten wir darauf keine Antwort. Doch alles sieht danach aus, als würden wir im dritten Band, der noch nicht veröffentlicht wurde, mehr darüber erfahren. ich bin schon sehr gespannt.

„Every Heart a Doorway“ von Seanan McGuire

25526296 Titel: Every Heart a Doorway
Autorin: Seanan McGuire
Serie: Wayward Children #1
Verlag: Tor
Übersetzung: Der Atem einer anderen Welt (Fischer Tor)

Inhalt:
„Children have always disappeared under the right conditions; slipping through the shadows under a bed or at the back of a wardrobe, tumbling down rabbit holes and into old wells, and emerging somewhere… else.
But magical lands have little need for used-up miracle children.
Nancy tumbled once, but now she’s back. The things she’s experienced… they change a person. The children under Miss West’s care understand all too well. And each of them is seeking a way back to their own fantasy world.
But Nancy’s arrival marks a change at the Home. There’s a darkness just around each corner, and when tragedy strikes, it’s up to Nancy and her new-found schoolmates to get to the heart of the matter.
No matter the cost.“

Meine Meinung:
Dieses erste Buch aus der Wayward-Children-Serie hat so einige Auszeichnungen gewonnen wie beispielsweise den Hugo Award für die beste Novelle in 2017 und findet immer wieder auf Fantasyseiten Erwähnung, was mich dann doch irgendwann neugierig werden ließ.

Es beginnt relativ vielversprechend: ein Heim für Kinder, die für einige Zeit in einer anderen Welt gelandet waren, aus zahlreichen Gründen wieder ausgestoßen wurden und wieder in ein normales Leben finden sollen – eine ungewöhnliche Idee und ein interessantes Konzept.

Doch leider verpasst es die Autorin, aus diesem Konzept eine wirklich fesselnde Geschichte zu machen.

Die paar wenigen Charaktere, die wir kennenlernen, sind zwar skurril, aber da es keine Vergleichsmöglichkeiten zu anderen Schülern gibt, lässt es sich schwer einschätzen, ob sie in diesem Heim „besonders“ sind oder sich wie all die anderen verhalten und nur beispielhaft hervorgehoben wurden.
Wir erfahren auch nur sehr wenig über ihre Hintergründe und ihr Innenleben. Sie bleiben ziemlich eindimensional wenig unterscheidbar.

Nun gibt es zwar einen Hauptplot, der sich um mysteriöse und bedrohliche Ereignisse dreht, aber all das wirkt ein wenig aufgesetzt, um der eigentlichen Idee eine Geschichte hinzuzufügen. Es passt einfach nicht recht zusammen, will man doch als Leser eigentlich mehr über die phantastischen Welten erfahren.

170 Seiten sind definitiv zu wenig für diese Story. Hätte die Autorin ihrer Erzählung hier und da etwas mehr Tiefgang verpasst und sich mehr Zeit dafür genommen, hätte das ein richtig gutes Buch werden können.
So ist es zwar recht kurzweilig, aber ich denke nicht, dass ich die weiteren Novellen aus dieser Reihe lesen werde.

„Wundersmith: The Calling of Morrigan Crow“ von Jessica Townsend

36260006Titel: Wundersmith: The Calling of Morrigan Crow
Autorin: Jessica Townsend
Serie: Nevermoor #2
Verlag: Lothian Children’s Books
Übersetzung: Das Geheimnis des Wunderschmieds (erscheint am 18.3.2019 bei Dressler)

Inhalt:
„Morrigan Crow has been invited to join the prestigious Wundrous Society, a place that promised her friendship, protection and belonging for life. She’s hoping for an education full of wunder, imagination and discovery – but all the Society want to teach her is how evil Wundersmiths are. And someone is blackmailing Morrigan’s unit, turning her last few loyal friends against her. Has Morrigan escaped from being the cursed child of Wintersea only to become the most hated figure in Nevermoor?

Worst of all, people have started to go missing. The fantastical city of Nevermoor, once a place of magic and safety, is now riddled with fear and suspicion…“

Meinung:
„Wundersmith“ ist das zweite Buch aus der Serie „Nevermoor“, eine Geschichte für Kinder zwischen 9 und 11 Jahren, die aber auch von vielen Erwachsenen sehr gemocht wird.
Auch mich hatte der erste Band bereits so weit überzeugt, dass ich mich auf die Fortsetzung schon sehr gefreut hatte.

„Nevermoor“ ist eine Welt, in die man sich fallenlassen kann. Sie ist bizarr, außergewöhnlich, steckt voller Geheimnisse und Überraschungen.  Mir hat es großen Spaß gemacht, diese Umgebung gemeinsam mit der Protagonistin zu erkunden.

War der Serienauftakt für meinen Geschmack etwas zu „zuckersüß“, so lernen wir hier nun die eher dunklen Seite Nevermoors und seiner Bewohner kennen. Morrigan lernt so einiges über ihr Umfeld, aber auch über sich selbst, ihre Schwächen und Stärken und sieht sich erneut im Zentrum von Misstrauen und Zweifel.

Aber es wäre kein Kinderbuch, würde am Ende nicht alles gut ausgehen – allerdings nicht unbedingt, wie man es als LeserIn erwartet hatte.

Ein leichtes, unterhaltsames Buch, das einen in eine magische Welt entführt und den Alltag für einige Stunden vergessen lässt.
Ich hoffe, es folgen noch ein paar Bände.

„Mortal Engines“ von Philip Reeve

287861 Titel: Mortal Engines
Autor: Philip Reeve
Serie: Mortal Engines Quartet #1
Verlag: Harper Collins US UK
Übersetzung: Mortal Engines – Krieg der Städte

Inhalt:
The great traction city London has been skulking in the hills to avoid the bigger, faster, hungrier cities loose in the Great Hunting Ground. But now, the sinister plans of Lord Mayor Mangus Crome can finally unfold.
Thaddeus Valentine, London’s Head Historian and adored famous archaeologist, and his lovely daughter, Katherine, are down in The Gut when the young assassin with the black scarf strikes toward his heart, saved by the quick intervention of Tom, a lowly third-class apprentice. Racing after the fleeing girl, Tom suddenly glimpses her hideous face: scarred from forehead to jaw, nose a smashed stump, a single eye glaring back at him. „Look at what your Valentine did to me!“ she screams. „Ask him! Ask him what he did to Hester Shaw!“ And with that she jumps down the waste chute to her death. Minutes later Tom finds himself tumbling down the same chute and stranded in the Out-Country, a sea of mud scored by the huge caterpillar tracks of cities like the one now steaming off over the horizon.“

Meine Meinung:
„Mortal Engines“ ist kein neues Buch, es erschien bereits 2001, wurde aber nun von Peter Jackson verfilmt und am 13. Dezember 2018 in den Kinos ausgestrahlt.
Ich hatte zufällig den Trailer gesehen und mich spontan dazu entschlossen, das Buch zu lesen. Ich wusste nichts weiter über den Inhalt, außer dass sich Städte bekriegen.

Ich muss sagen, dieses Buch hat mich in mehrfacher Hinsicht überrascht.

Zunächst hatte ich nicht erwartet, dass es sich eigentlich um ein Kinderbuch handelt. Ja, die Protagonisten sind Teenager, aber die Geschichte ist ausgesprochen kindlich formuliert, die Figuren tragen lustige Namen und alles wirkt ein wenig „überzuckert“, selbst die eher gewalttätigen Szenen.
So ganz passen die Stimmen der Protagonisten nicht zu ihrem Alter, was mich zugegebenermaßen etwas gestört hat, aber insgesamt hat mir der Erzählstil gut gefallen.

Aber ist es das, was man als unbedarfter Leser erwartet, wenn man dieses Buch in der deutschen Übersetzung kauft?

Das hier ist das Cover, mit dem es bei uns veröffentlicht wurde:

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Sieht nicht nach einem Kinderbuch aus, oder? Außerdem liegt es im örtlichen Buchhandel in der normalen SciFi-Abteilung (wobei es sich eher um „Steampunk“ handelt) und nicht bei den Kinder- und Jugendbüchern.
Die Übersetzung klingt nicht ganz so „jung“ wie das Original, aber dennoch merkt man schnell, dass es eigentlich für eine andere Zielgruppe geschrieben wurde.

Ich finde dieses Marketing ein wenig unpassend.
Es mag ja sein, dass der Film „erwachsener“ gestaltet wurde, aber wer zum Buch greift, wird ein wenig irritiert sein. Oder nicht?

Wie auch immer, nichtsdestotrotz ist es eine unglaublich interessante Welt, die Reeve hier geschaffen hat. Sie ist ein eigenständiger Protagonist neben den Charakteren und hat mich sehr rasch in ihren Bann gezogen. Ich finde die Ideen faszinierend, es macht Spaß, die Umgebung gemeinsam mit den Figuren zu erkunden und ich werde auf jeden Fall auch die anderen Bände lesen.

Eigentlich wäre es schön, von „Mortal Engines“ in der Übersetzung auch Ausgaben mit farbenfrohen Bildern wie im Original zu haben, denn dieses Buch eignet sich mit der entsprechenden Vermarktung hervorragend als Weihnachtsgeschenk für LeserInnen ab vielleicht 13 Jahren.