Rezension: „Qube“ von Tom Hillenbrand

qube-buch.jpg Titel: Qube
Autor: Tom Hillenbrand
Serie: Aus der Welt der Hologrammatica #2
Verlag: KiWi-Taschenbuch

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Inhalt:
„London, 2091: Investigativjournalist Calvary Doyle wird auf offener Straße niedergeschossen. Zuvor hatte der Reporter zum Thema Künstliche Intelligenz recherchiert. Die auf KI-Gefahrenabwehr spezialisierte UNO-Agentin Fran Bittner beginnt, in dem Fall zu ermitteln. Bald stellt sich heraus, dass der Journalist anscheinend neue, beunruhigende Informationen über den berüchtigten Turing-Zwischenfall besaß, bei dem die Menschheit die Kontrolle über eine wildgewordene KI verlor. Die KI befand sich seinerzeit in einem Quantencomputer, einem sogenannten Qube. Gibt es womöglich noch einen solchen Würfel, mit einer weiteren digitalen Superintelligenz darin? Und kann Fran Bittner den zweiten Qube finden, bevor jemand auf die Idee kommt, ihn zu aktivieren? Erzählt mit einer Sogkraft, der man sich nicht entziehen kann – ein großartiger Thriller über die Zukunft, die wir uns nicht mehr aussuchen können.“

Rezension

„Qube“ ist der zweite Band aus der Hologrammaticawelt von Tom Hillenbrand. Das erste Buch liegt noch ungelesen in meinem Regal. Vermutlich hätte es mir den Einstieg ein wenig erleichtert.

Das Setting

Die Geschichte spielt in einer Zukunft, die ganz im Zeichen technischer Errungenschaften steht, die den Alltag der Menschen verändert haben. So ist es beispielsweise möglich, das Bewusstsein für einen begrenzten Zeitraum in fremde Körper zu speisen.

Der Autor hat eine unglaubliche Menge neuer Begriffe erfunden, die dieses Milieu beschreiben und fast in jedem Satz eingeworfen werden. Das macht es relativ schwer, einen Einstieg ins Buch zu finden, ohne dauernd im Glossar nachschauen zu müssen, denn diese Bezeichnungen werden nicht genauer erklärt. Einige kann man sich zwar erschließen, andere kennt man eventuell aus dem ersten Buch – sofern man es denn gelesen hat – wieder andere bleiben bis zum Schluss unklar.

Die Charaktere

Wir hangeln uns mithilfe einiger Figuren am Plot entlang, die alle nicht genug Persönlichkeit haben, um sie einzeln hier aufzuführen. Mich beschlich immer wieder das Gefühl, dass sie lediglich dazu erschaffen wurden, die komplexe Ideenwelt des Autors aufzuzeigen, statt eine eigene Geschichte zu haben, die den Plot vorantreibt.

Der Plot

Da wären wir auch schon bei meinem größten Problem mit diesem Roman: Ich habe lange den Plot überhaupt nicht verstanden. Die Schauplätze wechselten sehr häufig, es war mir nicht ganz klar,  welche Motive der Charakter, dem wir gerade folgten, für seine Handlungen hatte und worauf es hinauslaufen würde.

Das Chaos lichtete sich nach zwei Dritteln ein wenig, wurde aber fast sofort wieder durch neue Handlungsstränge verkompliziert.

Fazit

Ich bin mir nicht sicher, was ich von „Qube“ halten soll. Vielleicht hätte mir das Buch besser gefallen, hätte ich zunächst den Vorgänger gelesen. Keine Frage, es ist eine ziemliche Leistung, eine so komplexe Zukunftsvision zu entwerfen, aber weniger wäre für meinen Geschmack mehr gewesen: Weniger Figuren, weniger Einzelfäden, weniger Plot – dafür mehr Tiefgang, mehr Erklärungen und mehr Emotionen.

Rezension: „Neujahr“ von Juli Zeh

neujahr-buch.jpg Titel: Neujahr
Autorin: Juli Zeh
Verlag: Luchterhand

Inhalt:
„Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning will mit dem Rad den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, rekapituliert er seine Lebenssituation. Eigentlich ist alles in Ordnung, die Kinder gesund, der Job passabel. Aber Henning fühlt sich überfordert. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit einiger Zeit leidet er unter Panikattacken, die ihn heimsuchen wie ein Dämon. Als er schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, führt ihn ein Zufall auf eine gedankliche Zeitreise in seine Kindheit. Schlagartig durchlebt er wieder, was ihn einmal fast das Leben gekostet und bis heute geprägt hat.“

Rezension

„Neujahr“ von Juli Zeh war mein erstes Buch dieser Autorin. Ausgewählt wurde es vom Lesekreis, den ich seit Kurzem besuche und den ich sehr zu schätzen weiß, denn mein Eindruck von diesem Roman wandelte sich immens während des Gesprächs.

Vor der Diskussionsrunde

Als ich „Neujahr“ allein daheim im stillen Kämmerlein las, konnte ich wenig mit der Geschichte anfangen. Da fährt ein überforderter Familienvater auf Lanzerote ewig einen Berg hoch, ist dehydriert und lernt auf dem Scheitelpunkt etwas aus seiner Vergangenheit. Zurück in der Heimat setzt er seine Schwester vor die Tür, die wiederholt bei ihm Unterschlupf sucht.

Ähm ja. Ich konnte mich weder mit dem Protagonisten oder einer anderen Figur identifizieren, noch hatte ich Mitgefühl für seine Situation. Ja, es war schrecklich, was ihm in damals widerfahren war, aber mir war nicht klar, was die Autorin mir mit dieser Geschichte sagen wollte, in der Männer die Wünsche ihrer Frauen missachten und Frauen ihre Männer betrügen.

Während der Diskussionsrunde

Im Lesekreis kam das Gespräch sehr schnell auf den Wandel von Familienstrukturen, die Rollenverteilung von Mann und Frau und die Bedeutung von Kindern innerhalb der Familie. Viel hat sich gewandelt in den letzten Jahren, Frauen machen öfter Karriere, Männer widmen sich stärker häuslichen Pflichten. Henning ist ein Beispiel dafür, dass es für Männer nicht immer eine leichte Veränderung ist, dass sie sich überfordert fühlen – wie Mütter auch – und beginnen, an sich selbst zu zweifeln.

Kinder nehmen zudem heute deutlich mehr Raum ein als früher. Sie stehen oft im Mittelpunkt der Familie und fordern deutlich mehr Aufmerksamkeit als das vielleicht noch vor einigen Jahren der Fall war. Ich mit meinen Ü40 hatte als Kind viele Freiheiten. Ich bekam eine Uhrzeit gesagt, zu der ich daheim sein sollte, wo ich mich zwischenzeitlich aufhielt, spielte keine Rolle, wussten meine Eltern doch, dass ein halbes Dorf ein Auge auf uns Kinder hatte. Wir waren Mitläufer in den Familien und die Verantwortung für uns verteilte sich auf mehr Köpfe als nur zwei.
Heute sieht das anders aus, heute dreht sich alles um den Nachwuchs und noch dazu muss irgendwie das Geld verteilt werden, um ihm eine sichere Zukunft zu bieten. Keine leichte Aufgabe für Eltern. Dass man dadurch in einen Burnout geraten kann, ist nachvollziehbar.

Was mich wirklich nachdenklich zurückließ war das Thema „Heilung von schlimmen Vorkommnissen innerhalb der Familie“, das kurz angesprochen wurde. Spricht man nicht darüber, kehrt man es unter den Tisch und überdeckt prinzipiell sämtliche Probleme, die auftauchen, kann das gerade die Kinder sehr verletzen und Wunden bei ihnen hinterlassen, die sie noch lang ins Erwachsenenleben mittragen.
Henning schleppt ein sehr traumatisches Erlebnis mit sich herum, an das er sich nicht einmal mehr erinnern konnte, weil es nie aufgearbeitet wurde. Es prägt sein Leben und bricht unweigerlich aus, als die Überforderung zunimmt. Kommunikation hat nie stattgefunden, allerdings ist das ein Problem, dass auch heutzutage oft noch besteht. Man spricht nicht gern über Schwächen und Fehlentscheidungen, bedenkt aber nicht, was man seiner Familie damit antun kann.

Nach der Diskussionsrunde

Schon auf dem Heimweg vom Lesekreis schossen mir tausend Gedanken zu „Neujahr“ durch den Kopf, die meine eigenen Erlebnisse betrafen, aber auch Dinge, die ich bei befreundeten Familien beobachten kann. Die Gespräche über dieses Buch haben es mich aus ganz anderen Blickwinkeln sehen lassen. Ich habe gemerkt, dass ich es viel zu schnell abgeurteilt hatte und dass es darin mehr zu entdecken gibt, durchleuchtet man die Problematik ein wenig stärker.

Fazit

Nach wie vor kann ich mich nicht mit der Geschichte identifizieren, da mir mangels Kinder die Erfahrungen dafür einfach fehlen, aber ich verstehe die Hintergründe nun besser und sehe, dass die Autorin ein gutes Buch zu einem wichtigen Thema geschrieben hat.

Montagsfrage: Autorenkollaboration

montagsfrage

In Saarbrücken haben wir „Sabine“ relativ gut überstanden. Auf den Dörfern rundherum sieht es wohl etwas anders aus. Viele Straßen sind gesperrt und die Züge fahren auch noch nicht.

Ich hoffe, bei Euch hat der Sturm nicht zu viel Schaden angerichtet.

Kommen wir zur heutigen Montagsfrage von Antonia: Welche Autoren-Kollaboration wäre euer Traum?

Ich bin kein großer Fan von Autorenkolloborationen, nicht alle gelingen wirklich gut. Schauen wir uns mal an, was wir aktuell so haben:

Schreibende Ehepaare oder Freunde

Da wären zum Beispiel die schreibenden Ehepaare Iny Lorentz, Wolfgang und Heike Hohlbein oder die gemeinsam schreibenden Freunde Rose Snow oder Auerbach & Keller.

Das sind Fälle, in denen meist (aber natürlich nicht immer) beide gemeinsam von Anfang an die Bücher schreiben, selten sind die Einzelpersonenen selbst für Bestseller bekannt (ja, bei Hohlbein ist dem nicht so).
Hier finde ich die Zusammenarbeit am harmonischsten. Hier „hört“ man nicht die unterschiedlichen Stimmen so stark heraus.

Einer denkt, der andere schreibt

Ok, die Überschrift ist nicht ganz ernst gemeint, aber spontan denke ich da an James Patterson, dessenMasterclass ich kürzlich anschaute. Er bereitet das Outlining vor, dann hat er andere Autorinnen und Autoren, die ihm die Struktur mit Wörtern füllen. Er steht in engen Kontakt mit den Schreibenden, jeder bringt Ideen ein, aber das Sagen hat letzten Endes Patterson.

Ich hab nur wenig von Patterson gelesen, weil es nicht mein Genre ist, aber offensichtlich scheint diese Art der Kollaboration gut zu gelingen, denn fast jedes seiner Bücher ist ein Bestseller.

Bekannte AutorInnen schreiben gemeinsam

Das dürfte wohl die Konstellation sein, die in der heutigen Frage gemeint ist: zwei AutorInnen, die für sich genommen bereits bekannt sind, schreiben gemeinsam ein Buch, als da wären: Douglas Preston & Lee Child, Ursula Poznanski & Arno Strobel, Jay Kristoff & Amie Kaufman,…

Das sind die Zusammenstellungen, die ich persönlich am Schwierigsten finde. Beide Schreiberlinge haben für sich genommen eine starke Schreibstimme, da ist es nicht leicht, einen „gemeinsamen Ton“ für ein Buch zu finden. Meist wird es so gelöst, dass jeder aus der Sicht eines eigenen Protagonisten schreibt. Gelingt meiner Meinung nach nicht immer gut, die Erzählung wirkt dann nicht stimmig. Sehr gestört hat mich das beispielsweise bei Poznanski und Strobel.

Traum-Kollaborationen

Da ich lieber eine Geschichte „mit einer Stimme“ lese, gibt es für mich keine Traum-Kollaboration.
Was ich aber natürlich absolut in Ordnung finde, sind Anthologien, Stories zu einem Thema von unterschiedlichen AutorInnen.

Wie seht ihr das?

 

 

„A Good Girl’s Guide to Murder“ von Holly Jackson

40916679. sy475 Titel: A Good Girl’s Guide to Murder
Autorin: Holly Jackson
Verlag: Electric Monkey

Inhalt:
„The case is closed. Five years ago, schoolgirl Andie Bell was murdered by Sal Singh. The police know he did it. Everyone in town knows he did it.
But having grown up in the same small town that was consumed by the murder, Pippa Fitz-Amobi isn’t so sure. When she chooses the case as the topic for her final year project, she starts to uncover secrets that someone in town desperately wants to stay hidden. And if the real killer is still out there, how far will they go to keep Pip from the truth?“

Meinung:
YA-Crime oder YA-Thriller sind Genres, zu denen ich eher selten greife, doch hin und wieder lasse ich mich von begeisterten Meinungen anderer anstecken und bin Buchlemming: So geschehen auch mit „A Good Girl’s Guide to Murder“, über das ich auf einigen Kanälen nur Gutes gehört hatte.

Die Geschichte wechselt zwischen Interviews und Gedankennotizen der Protagonistin einerseits und aktuellen Erlebnissen andererseits. Das bringt viel Abwechslung in die Story und sorgt für Spannung.
Der Autorin gelingt es auf diese Weise, die Lösung sehr lang im Dunkeln zu halten. Ab der Hälfte dachte ich zwar, ich wüsste, wer Andie ermordet hatte, aber es stellte sich als nur ein Teil der ganzen Wahrheit heraus, was auch dafür sorgte, dass mir das Buch immer besser gefiel.

Ausgesprochen gut gefallen hat mir, dass Jackson nicht nur einfach einen Kriminalfall schildert. Wir sehen auch, wie es zu all dem kommen konnte, wie oft man sich eine Meinung über einen Menschen bildet, ohne die Hintergründe zu kennen, einen Blick hinter die Fassaden werfen zu können und dass ein ganzer Ort lieber die Augen vor den dunklen Seiten schließt, statt sich den Tatsachen zu stellen und etwas zu verändern. Wir bekommen eine Ahnung für die zwischenmenschliche Dynamik, die ein tragisches Ereignis auslösen kann. Menschen werden vorschnell verurteilt, ihr Leben wird zerstört, Geheimnisse werden jahrelang gehütet.

Es gab zwar hin und wieder Stellen im Buch, die ich ein wenig überzogen fand, aber wirklich gestört haben sie mich nicht. Man sollte sich auch im Klaren darüber sein, dass einige Schilderungen sehr intensiv sind, insbesondere wenn es um die Tat geht. Ich würde sie als „ein wenig blutig und sehr emotional“ bezeichnen, aber sie sind stimmig und nicht nur für den Gänsehauteffekt geschrieben.
Eine weitere Warnung für diejenigen, die da ein wenig empfindsam sind: Es kommt ein Tier zu Schaden.

„A Good Girl’s Guide to Murder“ hat mich sehr gut unterhalten. Ich freue mich schon auf die Fortsetzung, die im April erscheinen soll.

Wochenrückblick: Geht voran

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Ah, so langsam bekommt das Jahr ein wenig Schwung und so langsam bessert sich auch meine Laune. Die ersten Krokusse blühen und aktuell scheint hier die Sonne. Nur der bevorstehende Sturm hinterlässt ein mulmiges Gefühl, die ersten Schulen im Saarland haben für Montag schon den Unterricht abgesagt…

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Anfang der Woche hatte bei uns eine Aushilfe ihren letzten Tag und brachte diese superleckeren, selbstgebackenen Kuchen mit! Der war der Hammer! Und den hat sie noch im Umzugsstress für uns gemacht. Wahnsinn.

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Auch in diesem Jahr habe ich meine Steuererklärung wieder direkt erledigt. Ich nutze auf meinem Tablet die WISO-App, damit geht das völlig unkompliziert. Ich hab nur noch kein digitales Zertifikat, also wird es immer eingetütet und per Post verschickt.

Und dann entdeckte ich heute beim Einkaufen noch dieses großartige Buch von John Atkinson. „Weltliteratur für Eilige“ ist ein toller Spaß und ein super Geschenk. Ich habs mir selbst geschenkt.

So, ich glaube, ich geh mal raus und binde meinen Smart fest, damit er morgen nicht wegfliegt. Naja. Ich hoffe, es fällt zumindest nix Schweres drauf.

Habt ein schönes und hoffentlich sturmfreies Wochenende!

„Three Women – Drei Frauen“ von Lisa Taddeo

49759308. sx318 sy475 Titel: Three Women – Drei Frauen
Autorin: Lisa Taddeo
Verlag: Piper
Übersetzung: Maria Hummitzsch
Originaltitel: Three Women

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Inhalt:
Wie kann es sein, dass Linas Mann sie schon seit Jahren nicht mehr küsst? Wie kann es sein, dass Maggies Lehrer nicht verurteilt wird, obwohl er die Siebzehnjährige verführt hat? Wie kann es sein, dass Sloane Nacht für Nacht mit einem anderen schläft, nur weil ihr Mann ihr gern dabei zusieht? Lina, Maggie und Sloane begehren auf. Sie entdecken ihre eigene Lust und erfahren, was es bedeutet, wahrhaft zu lieben.
Die amerikanische Schriftstellerin Lisa Taddeo hat diese drei Frauen über Jahre hinweg begleitet, hat sich mit ihren Ängsten und Sehnsüchten konfrontiert.“

 

Einleitung

„Three Women – Drei Frauen” ist ein derzeit viel diskutiertes Buch der Autorin und Journalistin Lisa Taddeo, die über acht Jahre hinweg drei Frauen begleitet hat, um weibliche Sexualität, Liebe und Begehren zu schreiben.

Es ist ein Werk geworden, das die Geister scheidet: während die eine Seite es als “Softporno” betitelt und sich an mangelnder Diversität stößt, feiert die andere Seite es als einen wichtigen Einblick in die weibliche Sexualität.

Was das Buch nicht ist

Beginnen möchte ich damit, was dieses Buch definitiv nicht ist, was aber Vielen beim Lesen offensichtlich nicht klar war: es ist *keine* wissenschaftliche Abhandlung. Taddeo ist keine Sexualforscherin, die den Anspruch erhebt, das Begehren von Frauen umfassend statistisch ausgewertet und hier dargelegt zu haben.

Das Buch ist auch kein Manifest der weiblichen Selbstbefreiung, nicht politisch-feministisch motiviert und kein “Handbuch für besseren Sex”.

Was man erwarten kann und sollte

Lisa Taddeo ist Journalistin. Sie verschafft Geschichten Gehör und stellt sie durch Publikation für die öffentliche Kommunikation zur Verfügung. Aufgabe einer Reporterin ist es nicht, zu urteilen oder eine Lehre für die Allgemeinheit aus dem zu ziehen, worüber sie berichtet – das überlässt sie uns.
Nichts anderes geschieht hier: Wir kommen drei  Frauen sehr nah, nehmen an einem Ausschnitt aus ihrem Leben teil und können – und sollten – uns unsere eigenen Gedanken dazu machen.

Mein Leseerlebnis

Ich gebe an dieser Stelle ganz offen zu, dass auch ich zunächst mehr von diesem Buch erwartet hatte: mehr Fakten, mehr Erklärungen, mehr “Mehr”. Erst als ich ein wenig innehielt und darüber nachdachte, was die Autorin hier tat, wurde mir klar, dass ich anders an mein Lesen herangehen muss, dass ich den Erlebnissen der drei Frauen offen und wertfrei gegenübertreten und sie auf mich wirken lassen sollte.

Am Schwersten gelang mir das bei Maggie, die einzige Frau, die hier mit ihrem Klarnamen auftritt, da ihre Erfahrungen Teil eines Gerichtsverfahrens waren, das zu ihren Ungunsten endetel.
Maggie war zum Zeitpunkt ihrer sie prägenden Geschichte 17 Jahre alt und verlor ihr Herz und ihr Vertrauen an ihren damals 29-jährigen Lehrer.
Maggie ist altersmäßig am weitesten von mir entfernt und ich selbst hab nie für einen Lehrer geschwärmt, aber ihrer Story liegt das Element des gebrochenen Herzens zugrunde.
Während allerdings die meisten Mädchen und Frauen darüber irgendwann hinwegkommen, knabbert sie sehr an ihrem Verlust oder dem, was sie dachte zu haben. Jahre später kann sie sich noch nicht davon distanzieren und dafür hat sie mein volles Mitgefühl.

Lina ist bereits Mutter, als wir sie kennenlernen. Ihr Mann ist nicht unbedingt die große Liebe, aber sie dachte, sie würde ihr Glück bei ihm finden: Hochzeit, zwei Kinder – aber dann fehlt die körperliche Nähe. Ed möchte sie weder berühren, noch küssen geschweige denn Sex mit ihr haben und so beginnt sie aus Verzweiflung eine Affäre mit einem Jugendschwarm.
Ich musste darüber nachdenken, wie oft man nur die Fassade von “glücklichen Frauen” zu sehen bekommt, wie viele darauf aus sind, zu zeigen, dass es einem gutgeht, dass man ein tolles Leben führt, aber niemand weiß, wie es wirklich aussieht. Und was würde passieren, würde eine Frau offen sagen “ich lieb meinen Mann, aber ich bin sexuell nicht befriedigt?”. Ich denke, jedem fallen spontan ein paar Begriffe ein, die in diesem Zusammenhang mit Sicherheit fallen würden.

Sloane sprach mich am meisten an, nicht weil ich mich mit ihr stärker verbunden fühlen würde, sondern weil ihre innere Zerrissenheit am stärksten zum Tragen kommt.
Sloane leidet unter einem mangelnden Selbstwertgefühl, sie ist schon früh dem vorgelebten Schlankheitswahn zum Opfer gefallen und mochte sich selbst nur dann, wenn sie von Männern gewollt wurde.
Sie hat eine Essstörung, besitzt aber ein Restaurant und hat einen Ehemann, der Sex gern mit mehr Menschen als nur seiner Partnerin erlebt.
Man spürt sehr deutlich, dass sie mit diesem Arrangement so ihre Probleme hat, aber sie lässt sich darauf ein, es freut sie, ihren Mann glücklich zu sehen, und sie meint, das wahre Glück gefunden zu haben, als sie “Shades of Grey” liest und endlich ihre Beziehung definieren kann: Sie ist eine Sub, ihr Mann ein Dom.
Da schwirrt zudem noch der Gedanke in ihr herum, dass jeder Mann immer die richtige Entscheidung für seine Partnerin trifft, was aber dann zu einem großen Problem wird, als ein Dritter in die Beziehung kommt, der seiner Frau nichts über sein Tun erzählt hat und ihr eigener Partner nicht so reagiert, wie sie es erwartet hat.

Meine Stellungnahme

Was mich wirklich ärgerte, als ich ein paar Rezensionen über “Three Women – Drei Frauen ” las, war die Einordnung des Romans in das Genre “Softporno”. Sex ist ein normaler Bestandteil des menschlichen Wesens. Sex kennt viele Spielarten und ist wichtig für viele Partnerschaften. Schreibt man ein Buch über das Begehren, über Liebe und Lust, dann kommt man nicht umhin, auch über Sex zu schreiben.

Dass es da draußen unzählige pornogrpahische Werke gibt, die in erster Linie zur Geldmacherei existieren, zeigt doch nur, wie falsch und abwertend wir damit umgehen. Wir machen einen natürlichen Akt zu einer “schmutzigen Sache” und schon wird jedes Buch mit Sexszenen gedanklich in eine Schublade eingeordnet.

Davon abgesehen bin ich der Meinung, dass Lisa Taddeo einen wichtigen Beitrag mit ihrem Buch leistet. Mag sein, dass es an Diversität fehlt, doch der Pool der “Bewerberinnen”, die authentisch über ihr Liebesleben erzählen wollten, dürfte sehr überschaubar gewesen sein. Welche Frau begibt sich schon gern mit einem solchen Thema in die Öffentlichkeit – sie macht sich damit sehr verwundbar und kann schnell zum Ziel von Spott und Verachtung werden.

Umso dankbarer bin ich, dass hier drei Frauen den Mut gefunden haben, ihre Geschichten zu erzählen.

Ich wünsche mir, dass die weibliche Sexualität noch häufiger ehrlich und respektvoll thematisiert wird. Ich wünsche mir, dass ich als Frau offen über Lust und Begehren, Erfüllung und Mangel sprechen kann, ohne dafür verurteilt und in eine “dunkle Ecke” gestellt zu werden.

“Three Woman – Drei Frauen” von Lisa Taddeo hat mich nach anfänglicher Skepsis sehr berührt und nachdenklich zurückgelassen. Ich kann dieses Buch jedem – Frau und Mann und allen anderen – wirklich sehr empfehlen. Geht offen an die Geschichten heran, haltet inne, lasst sie nachklingen. gehört nicht zu denen, die den ersten Stein werfen wollen.