„Stella“ von Takis Würger

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Titel: Stella | Autor: Takis Würger | Verlag: Hanser

Inhalt:
„Es ist 1942. Friedrich, ein stiller junger Mann, kommt vom Genfer See nach Berlin. In einer Kunstschule trifft er Kristin. Sie nimmt Friedrich mit in die geheimen Jazzclubs. Sie trinkt Kognak mit ihm und gibt ihm seinen ersten Kuss. Bei ihr kann er sich einbilden, der Krieg sei weit weg. Eines Morgens klopft Kristin an seine Tür, verletzt, mit Striemen im Gesicht: „Ich habe dir nicht die Wahrheit gesagt.“ Sie heißt Stella und ist Jüdin. Die Gestapo hat sie enttarnt und zwingt sie zu einem unmenschlichen Pakt: Wird sie, um ihre Familie zu retten, untergetauchte Juden denunzieren? Eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht – über die Entscheidung, sich selbst zu verraten oder seine Liebe.“

Meine Gedanken zum Buch: 
Selten greife ich zu einem Buch, das Feuilletons kontrovers diskutiert wird und noch seltener zu einer Geschichte aus der Kriegszeit. Doch bei „Stella“ wurde ich neugierig, insbesondere als die Erben der publizistischen Persönlichkeitsrechte von Stella Goldschlag forderten, Stellen in diesem Roman schwärzen zu lassen. So etwas passiert nur noch ausgesprochen selten und ich wollte mir selbst ein Bild machen.

Das zentrale Thema

Der Titel will uns weismachen, diese Erzählung handle von der historischen Figur Stella Goldschlag, zumal auch ihr Antlitz auf dem Cover abgedruckt ist.

Doch eigentlich steht hier etwas ganz anderes im Vordergrund. Alles dreht sich um die Frage „Was ist Wahrheit?“ oder „Wann wird etwas zu einer Lüge?“.

Würger greift diese Thematik schon sehr früh auf, als sein Protagonist sich zu einem Dummjungenstreich bekennt und dabei feststellen muss: „Manchmal tut es weh, wenn man das Richtige tut“ (S. 23).
Im Laufe seiner stetigen Suche nach Wahrheit („Jemand muss die Gerüchte von der Wirklichkeit trennen“, S. 34) begegnet Fritz unterschiedlichen Facetten der Realität. Er lernt junge Leute im Krieg kennen, die nach das Verbotene kosten und tagsüber Teil der Gewaltmaschinerie sind. Er beobachtet sein eigenes Tun mit Verwunderung („Ich fragte mich, warum ich den Degen in die falsche Hand genommen hatte und ob das eine Lüge war“, S. 75) und lernt schließlich Stella kennen, eine Frau voller Widersprüche, die er in seiner Naivität und Unbefangenheit jedoch erst sehr spät entdeckt.
Letzten Endes gelangt Fritz zu der deprimierenden Einsicht: „Das Leben formt uns zu Lügnern“ (S. 208).

Diese These wird gestützt von der zweiten Hauptfigur…

Stella

An Stella stoßen sich seit jeher die Geister, fragt man sich doch, wie sie als Jüdin die eigenen Leute verraten konnte, selbst als die Situation, die sie dazu gezwungen hatte, vorüber war.
Aber diese Frau lernen wir in diesem Buch gar nicht gut genug kennen, um ums eine Meinung über sie bilden zu können. Wir sehen sie vielmehr durch die rosarote Brille von Friedrich, dessen erste große Liebe sie wohl sein dürfte und dessen Leichtgläubigkeit das Bild von ihr stark verklärt.
Die reale Person Stella Goldschlag wird hier allerhöchstens angedeutet. Wir sehen eine mögliche Version einer möglichen Liebesbeziehung inmitten eines Krieges.

Nun kreidet man dem Autor genau aus diesem Grund an, er habe  die Schuldfrage heruntergespielt, was er in Interviews jedoch weit von sich weist.
Problematisch ist allerdings, dass er sich eines erzählerischen Mittels bedient, das genau diese Gefahr heraufbeschwört.

Fakt und Fiktion

Takis Würger vermischt in „Stella“ konsequent Fakten mit Fiktion, beginnend mit dem Cover, dem Setting und schließlich der Erwähnung tatsächlich stattgefundener  Ereignisse und Auszügen aus real existierenden Akten.

Eigentlich hat Würger so sein eigenes Genre erschaffen.
Was man üblicherweise bislang aus der Literatur oder auch dem Film kennt, entstammt in erster Linie dem SciFi-Bereich, nennt sich „Alternate History“ und stellt sehr deutlich erkennbar ein Gedankenspiel dar: Was wäre passiert, hätte sich die Geschichte anders entwickelt?
Hier gibt es zwar eine Anlehnung an Fakten, die aber eine eher symbolhafte Rolle spielen. Das Verhältnis von Fakten zu Fiktion fällt zugunsten der Fiktion aus.

„Stella“ ist ein recht kurzer Roman, in den so viele Fakten verwoben werden, dass das Verhältnis zur Fiktion ins Wanken gerät.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass so viele LeserInnen nun die „falsche Darstellung der Realität“ anmahnen und die Figur Friedrich mit der Person des Autors gleichsetzen.

Würger ist mit diesem erzählerischen Mittel ein großes Wagnis eingegangen, sollte man als Schreibender doch stets darauf achten, dass die erschaffene Welt in sich stimmig ist. Hier bewegt sie sich zu nah an der Welt des Lesenden und unterliegt deswegen nicht mehr unbedingt der fiktiven sondern eher der realen Logik.
Diese schriftstellerische Entscheidung wurde folglich zum Auslöser der öffentlichen Diskussion über „Stella“ – Fakten und Fiktion lassen sich für die LeserInnen nicht klar voneinander trennen und das gesamte „Kunstwerk“ wird nun infrage gestellt.

Alles andere

Man mag den erzählerischen Kniff „ungeschickt“ oder Marketing“ nennen, er lenkt letzten Endes jedenfalls genug davon ab, dass der fiktionale Teil der Erzählung an so einigen Schwächen leidet.
Wieso, beispielsweise, erfahren wir vom besonderen Geruchssinn von Friedrich, wenn das überhaupt keine Rolle in der weiteren Geschichte spielt?
Warum nimmt die Kindheit des Protagonisten einen so großen Teil ein, wenn auch so genügend zur Geltung kommt, dass Fritz gutgläubig und naiv ist?
Wieso treten zwei behinderte Kinder auf, die am Rande erwähnt werden?
Sehr viele dieser Erscheinungen sollen vermutlich Symbole für den Charakter oder die Situation des Protagonisten sein, wirken aber im Zusammenhang mit einer verkünstelten Sprache insgesamt zu überladen.
Weder Friedrich noch Stella haben am Ende etwas aus ihrer Beziehung gelernt oder mitgenommen, sie trennen sich so schnell wie sie sich begegneten, sodass es eigentlich nur eine bedeutungslose Liebesgeschichte vor bedeutsamer Kulisse ist.

Mein Fazit

„Stella“ von Takis Würger ist definitiv kein Buch, das man gelesen haben muss, wenngleich die Thematik „Wahrheit und Lüge“ interessant behandelt wurde.

erLesen – Das Literaturfestival im Saarland

Vom 30. März bis 13. April 2019 findet zum zweiten Mal das große Lesefestival im Saarland statt.

Über das gesamte Bundesland verteilt können Lesungen namenhafter Autorinnen und Autoren wie Ellen Sandberg, Arno Strobel, Karen Duve und Frank P. Meyer besucht werden.

Auch andere Veranstaltungen wie ein Poetry Slam oder ein Buchbindeworkshop stehen auf dem Programm.

Den Veranstaltungskalender gibt es HIER, Tickets können über die teilnehmenden Buchhandlungen bzw. über „Ticket Regional“ erworben werden.

„Vanitas – Schwarz wie Erde“ von Ursula Poznanski (Spoiler)

42929309 Titel: Vanitas – Schwarz wie Erde
Autorin: Ursula Poznanski
Verlag: Droemer Knaur

Inhalt:
Auf dem Wiener Zentralfriedhof ist die Blumenhändlerin Carolin ein so gewohnter Anblick, dass sie beinahe unsichtbar ist. Ebenso wie die Botschaften, die sie mit ihren Auftraggebern austauscht, verschlüsselt in die Sprache der Blumen – denn ihre größte Angst ist es, gefunden zu werden. Noch vor einem Jahr war Carolins Name ein anderer; damals war sie als Polizeispitzel einer der brutalsten Banden des organisierten Verbrechens auf der Spur. Kaum jemand weiß, dass sie ihren letzten Einsatz überlebt hat. Doch dann erhält sie einen Blumengruß, der sie zu einem neuen Fall nach München ruft – und der sie fürchten lässt, dass sie ihren eigenen Tod bald ein zweites Mal erleben könnte …

+++ Pfusch am (Roman)Bau +++

Meine Meinung:
Ursula Poznanski gehört zu meinen Lieblingsautorinnen, deren Bücher ich mittlerweile blind kaufe, also ohne vorher etwas über den Inhalt oder Bewertungen gelesen zu haben.

Freudig griff ich daher nach „Vanitas“, als ich das Buch vor Ort entdeckte und war bereit für ein außergewöhnliches Leseerlebnis, wie ich es von ihr gewohnt war.

Doch leider, leider entsprach es nicht ganz meinen Vorstellungen.

Die guten Seiten

Vanitas (lat. „leerer Schein, Nichtigkeit, Eitelkeit“; auch „Lüge, Prahlerei, Misserfolg oder Vergeblichkeit“) ist ein Wort für die jüdisch-christliche Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen, die im Buch Kohelet (Prediger Salomo) im Alten Testament ausgesprochen wird (Koh 1,2 LUT): „Es ist alles eitel.“ Diese Übersetzung Martin Luthers verwendet „eitel“ im ursprünglichen Sinne von „nichtig“.
(Wikipedia)

Titel und Cover sind fraglos toll geworden – ein optisches und haptisches Erlebnis, passend zur Story gestaltet.

Auch sprachlich ist an diesem Buch nichts auszusetzen. Es liest sich angenehm und flüssig, obwohl ich den ein oder anderen Ausdruck ein wenig seltsam fand wie beispielsweise „innerlich klamm“ im Zusammenhang mit dem Angstzustand, in dem sich die Protagonistin in dieser Situation befand.

Spannung gibt es ebenso mehr als genug in dieser Geschichte. Es werden genau genommen zwei Spannungsbögen aufgebaut, einer, der mit dem konkreten Fall zu tun hat, der andere, der die Protagonistin selbst betrifft.

Da kommen wir dann schon zu den unzähligen Kleinigkeiten, die mich nicht begeistern konnten.

Die weniger guten Seiten

Über die Hälfte des Buches hinweg befindet sich Carolin in einem Dauerpanikzustand. Wir haben eine Ahnung, warum dem so ist, aber dennoch stürzt sie sich ein wenig planlos in gefährliche Abenteuer, nur um anschließend in ihrer Wohnung (!) wieder wie ein gehetztes Tier zusammenzubrechen.
Daheim lauert sie mit einer Langwaffe hinter den Wänden und erwartet ihre Feinde, während sie draußen völlig schutzlos durch die Gegend rennt und ihr das nur wenig auszumachen scheint. Dort fürchtet sie sich vielmehr vor Kameras und Fotos, die von ihr irgendwo kursieren könnten.

Nichts an Carolin konnte mich überzeugen. Ja, sie hat eine mysteriöse Vergangenheit und scheint für das organisierte Verbrechen tätig gewesen und sich in starker Abhängigkeit dazu befunden zu haben.
Nun wird sie für die Polizei tätig, zu der sie in einem erneuten Abhängigkeitsverhältnis steht – aus Angst, aus Sympathie, aus Verzweiflung? So recht schlau geworden bin ich nicht aus ihren Motiven für ihr Handeln. Ihr Auftrag bestand aus einer recht harmlosen Sache, aber sie begibt sich stattdessen bewusst in Gefahr, obwohl sie sich auf Schritt und Tritt verfolgt wird.
Ich weiß nicht…

Kommen wir zum eigentlichen Fall:
Ja, ich fand es spannend, mit der Protagonistin auf Mördersuche zu gehen, doch die Auflösung war eine herbe Enttäuschung.

***SPOILER***

Nichts, aber auch gar nichts, deutete im Laufe der Geschichte darauf hin, dass eine Doppelvergewaltigung (oder wie immer man es nennen mag) der indirekte Auslöser für all das Töten auf Baustellen war. Und dann war es nicht einmal ein unmittelbarer Rachefeldzug für das eigentliche Opfer, was ich extrem lieblos fand. Ein weiterer „Fall“ wurde aus dem Hut gezaubert, der als Motiv für all die Gewalt galt, die wiederum nicht von der eigentlichen Person ausging, sondern für die ein Dritter eingespannt worden war, der im Buch von Anfang bis Ende ein unbeschriebenes Blatt blieb.

All das passte einfach für mich nicht zusammen, es kam zu überraschend, es war zu verworren.

Dann die Sache mit der Brailleschrift, über die Tamara sowohl mit ihrem sehenden Bruder als auch mit ihrer erblindeten Oma kommuniziert.

Ich zitiere Wikipedia:

Die Schrift besteht aus Punktmustern, die, meist von hinten in das Papier gepresst, mit den Fingerspitzen als Erhöhungen zu ertasten sind.

Es gab in der Story eine Situation, in der Tamara auf die Toilette rennt, sich dort mit einer Nadel eine „Nachricht“ in den Arm sticht (was wir erst später erfahren), die kurz darauf ihr Bruder ertastet und liest.
Really?!

Ich war für einen Moment versucht, ein Experiment zu starten.
a) schwillt die gestochene Haut tatsächlich so schnell an und b) ist das überhaupt „lesbar“?
Keine Angst, ich habe es nicht getestet, aber dennoch bezweifle ich die Machbarkeit dieser Nachricht.

Weiterhin verwendet Tamara Pflanzen, um mit ihrer Großmutter zu „sprechen“, die auf Schritt und Tritt von Pflegepersonal verfolgt wird und aus diversen familiären Gründen nicht Klartext mit ihrer Enkelin reden kann.
Diese Mitteilung wird in den Stängel einer Amaryllis gestochen. Ich hab nun keine solche Blume in der Nähe, aber funktioniert das wirklich? Ergibt das klar ertastbare Punkte, die eine Blinde entziffern kann? Ich bin skeptisch, sehr skeptisch.
Wäre es nicht einfacher gewesen, etwas nicht „mit der Blume“, sondern „durch die Blume“ zu übermitteln?
Und sind nicht viel zu viele Punkte notwendig, um einen ganzen Satz auf dem Stängel gut unterzubringen?

Zu guter Letzt fehlt mir in „Vantias“ die unverkennbare Stimme der Autorin.
Poznanski erzählt üblicherweise mit „unglaubwürdigen Mitteln“ wie VR-Brillen, Drohnen, Gehirnexperimenten glaubwürdige Geschichten.
Hier sind es „glaubwürdige Mittel“ wie Hass, Rache, Trauer die zu einer völlig unglaubwürdigen Story führen.

Es gäbe noch einige andere Kleinigkeiten aufzuzählen, die mich an diesem Roman störten, aber ich denke, es ist deutlich klar geworden, dass ich kein gutes Leseerlebnis hatte.

„Vanitas“ ist für mich das bisher mit Abstand schwächste Buch von Ursula Poznanski und ich kann keine Empfehlung dafür aussprechen, so leid mir das auch tut.

 

Laut gedacht

Da lese ich gerade einen weiteren Thriller einer Autorin und komme ins Grübeln…

#metoo ist nach wie vor ein großes Thema, immer mehr Frauen wagen sich in die Öffentlichkeit.

Doch nach wie vor gibt es Autorinnen und Schauspielerinnen und Musikerinnen und und und, die in ihren Werken ihre Frauen zu Opfern von Männern machen, die von Vergewaltigungen schreiben, von „alltäglicher Gewalt“ von „Machosprüchen“.

Warum?

Sicher kann man argumentieren, sie bilden lediglich die Realität ab, aber Künstlerinnen haben das Zepter in der Hand, Künstlerin en können eigene Wirklichkeiten erschaffen.

Was würde wohl passieren, wenn Autorinnen nur noch starke Frauen agieren ließen, wenn Schauspielerinnen sich weigern würden, Opferrollen zu spielen? Würden unsere Geschichte darunter leiden oder würde unsere Geschichte sich ändern?

Wäre es nicht hilfreich, ganz im Sinne von #metoo achtsamer mit weiblichen Charakteren umzugehen, egal ob sie tatsächlich existieren oder von der Fantasie geboren wurden?

Aber solang man damit noch gut Geld verdienen kann….

Laut gedacht.

Projekt ABC: E wie…?

Heute geht es bei Wortman weiter mit

E wie….

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…England!

Seit ich als Jugendliche zum ersten Mal mit meinem damaligen Verein in England war, fühlte ich eine starke Verbundenheit zu diesem Land. Für mich kam das überraschend, hatte ich doch mit meiner Familie bereits so einige europäische Länder bereist, von denen aber keines diese Gefühl nach „Heimat“ in mir auslöste wie England.

Die Mischung aus distanzierter Höflichkeit, Landschaft, Sprache und Kultur löste sofort ein Gefühl von „Hier passt du hin“ in mir aus.

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Einige Jahre später, als ich bereits studierte, eröffnete mir meine Kommilitonin, dass sie an einem TOEFL-Test teilnahmen wolle, um sich fürs Ausland zu bewerben. Ich, spontan wie ich nun mal bin, meinte, ich würde den Test mitmachen und vielleicht auch eine Bewerbung einreichen.

Also Test geschrieben, Bewerbung für England eingereicht und dann plötzlich der Brief „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben einen Studienplatz in Norwich/UK„,

WAH!

Ich denke, auch meine Eltern waren davon ein wenig überrumpelt, haben aber alles drangesetzt, dass ich diese Chance wahrnehmen konnte.
Ich hatte mir bis zu diesem Zeitpunkt null Gedanken darüber gemacht, wie ich das alles umsetzen wollte, was mich erwarten würde und es kamen nur ein paar wenige anderen Studenten mit mir nach Norwich, zu denen ich nie vorher Kontakt gehabt hatte,

Aber um es kurz zu machen: die Zeit an der „University of East Anglia“ war toll. Die Campusuni fühlte sich schon rasch nach einem Zuhause für mich an, ich lernte einen Haufen neuer Leute kennen und habe ein paar Tränen vergossen, als es nach fast einem Jahr wieder zurück nach Deutschland ging,

Wie gern wäre ich eines Tages nach England ausgewandert, aber die politische Lage war schon immer ein Problem bei diesen Überlegungen. Ich hoffe, sie bugsieren dieses kleine, traditionsreiche Land nicht ins Aus…

In welchem Land fühlt ihr euch heimisch?

„Weiss, weiss, Totenkreis“ von Martina Straten

43622247Titel: Weiss, weiss, Totenkreis
Autorin: Martina Straten
Verlag: Independently published

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar

Inhalt:
„Mysteriöse Morde – ein Bundesland im Ausnahmezustand und eine Kommissarin, die an die Grenzen ihrer Kraft gerät.
Ein Serienkiller zieht seine Kreise im Saarland.
Er tötet nach einem Muster und er ist nicht aufzuhalten.
Da ist der Reiter, der ein junges Mädchen mit seinem Pferd zu Tode hetzt.
Da sind die drei Stundentinnen, die tot in einem alten Lustschloß gefunden werden.
Wer tötet auf eine so grausame Art und was hat ein Kinderheim in den siebziger Jahren mit den Morden zu tun?
Franziska Merten wird mit dem Fall beauftragt und sie gerät an die Grenzen ihrer Kraft.
Verzweifelt versucht sie den Täter aufzuhalten, aber sie hat auch mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen – erst vor Kurzem verlor sie ihre kleine Tochter.
Wird sie es schaffen die Mordserie zu beenden?“

+++ Ein saarländischer Debütroman mit interessanten Ideen +++

Meine Meinung:
Wie ich bereits berichtete, wurde ich im Januar überraschend zu einer Lesung mit Martina Straten eingeladen, bei der sie ihr erstes Buch „Weiss, weiss, Totenkreis“ vorstellte.

Um dieser Rezension etwas klärend vorweg zu stellen: ich lese sehr selten Erstlingswerke im Selfpublishingbereich und ich möchte solche weder mit Debüts in Verlagen noch mit „gestandenen Werken von gestandenen AutorInnen“ vergleichen, denn das wäre nicht besonders fair.
Wer selbst veröffentlicht und sich um Coverdesign, Lektorat, Marketing,… in Eigenregie kümmern muss, hat deutlich höhere Hürden zu überwinden als Schreiberlinge mit Autorenverträgen.

Ich versuche, eine möglichst faire und ein wenig wohlwollende Rezension zu schreiben, da ich als „Saarländerin aus Leidenschaft“ natürlich auch ein wenig voreingenommen bin.

Die guten Seiten

Was mir wirklich von Anfang an ausgesprochen gut gefallen hat, war die Idee, saarländische Sagen mit einer Mordserie zu verbinden.
Das war ein Konzept, das mir so noch nicht begegnet war und bei dem ich nebenbei ein wenig mehr über das Bundesland erfahren habe, in dem ich wohne.

Die Taten selbst fand ich weder zu soft noch zu brutal, allerdings wird es begeisterten Thrillerfans vermutlich nicht blutig genug sein. Ich lese kaum Geschichten mit viel Gewalt, für mich war es daher gerade die richtige Dosis an Schrecken.

Positiv hervorzuheben ist zudem der Titel, der ausgesprochen eingängig ist und thematisch in die Erzählung eingebunden wird.

Franziska ist als Protagonistin eine interessante Frau mit Höhen und Tiefen, die sich gerade selbst ein wenig sucht, ein privates Drama überstanden hat und einem Neuanfang zweifelnd gegenüber steht.
Ihre Geschichte ist gut ausgearbeitet und ihre Entwicklung überzeugend und nachvollziehbar, wenn auch nicht in allen Teilen.

Die weniger guten Seiten

Wie fast jedes Selfpublishing-Debüt hat natürlich auch dieses Buch einige Schwächen, über die ich leider nicht hinweglesen und die ich daher auch nicht unerwähnt lassen möchte.

Der heftigste Fehler, der dem Lektorat nicht hätte entgehen sollen, betrifft den Hintergrund der Figur Michael. Heißt es auf Seite 168 noch, dass er den ersten (und einzigen) positiven Schwangerschaftstest seiner damaligen Partnerin als Geschenk verpackt auf dem Schreibtisch vorgefunden hat, so erfahren wir auf S. 207, sie habe ihm von der Schwangerschaft zwischen zwei Gläsern Weißwein erzählt und ihm ein Ultraschallbild herüber geschoben.

So etwas sollte mit einem Lektorat eigentlich nicht passieren. Es ist nicht wesentlich für den Rest der Story, allerdings gerät man bei solchen Stellen ein wenig ins Straucheln und entwickelt dann eine gewisse Skepsis.

Ebenfalls ein wenig hinderlich beim Lesen empfand ich die Tatsache, dass wir von fast allen Charakteren (Ausnahme Franziska) ihre Vergangenheiten en bloc präsentiert bekommen, statt sie Stück um Stück zu entdecken. Das mag den Figuren zwar etwas Tiefe verleihen, aber so gibt es nur noch wenig, was man von ihnen im Laufe der Zeit zu erfahren hofft.

Einen Thriller zeichnet es zudem aus, dass der Leser bzw. die Leserin sich psychisch mit den Opfern verbindet, um sie bangt und sich vor dem Täter mitfürchtet.
Da es hier einige Morde gibt, lernen wir die Menschen immer erst kurz vor ihrem Tod kennen. Wir haben keine Chance, uns mit ihnen zu verbünden, ihren Tod zu bedauern und aus Angst vor weiteren Schlägen zu erzittern.
Dem Thriller fehlt ein wenig der „Thrill“.

Ordnet man es dem Krimi unter, benötigt man entweder ein  „Whodunnit“, was hier aber relativ früh erkennbar ist, oder ein starkes Ermittlerpaar.
Franziska ist sehr gut ausgearbeitet. Eine Figur mit genug Tiefe, genug Emotionen und einer Entwicklung über das gesamte Buch hinweg.
Ihr Partner und noch dazu Untergebener Armin ist jedoch leider alles andere als sympathisch. Ihm fehlt es zu stark an sich widersprechenden Gefühlen, an einem inneren Konflikt und an eigenen Motiven für sein Handeln. Er verhält sich seiner Chefin gegenüber außerdem dermaßen anstandslos – eine Dienstaufsichtsbeschwerde wäre absolut angebracht -, dass er ziemlich unglaubwürdig wirkt. Er macht auch kaum Entwicklung durch, so dass man am Ende nicht sagen könnte, das Team wäre zusammengewachsen. Er ist ein wenig zu „kantig“ und trübt daher leider den Gesamteindruck.

Die ausbaufähigen Seiten

Der Schreibstil hat mir im Großen und Ganzen gut gefallen. Alles las sich sehr flüssig, obwohl ich hin und wieder über ein paar Wortwiederholungen stolperte. Ein wenig mehr Abwechslung in der Wahl der Verben wäre nett gewesen, aber so etwas kann man leicht verbessern.

Positiv in Erinnerung geblieben ist mir darüber hinaus der Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, auch wenn er hin und wieder ein wenig überraschend kommt und prinzipiell etwas zu viel für den kriminalistischen Aspekt in dieser Story offenlegt.

Last but not least widmet sich die Autorin einem heiklen gesellschaftlichen Thema und bindet es recht geschickt in den Spannungsbogen ein. Allerdings gibt es viel zu wenige Erklärungen für die Handlungsmotive des Täters. Wir sehen ihn im Kontext seines früheren Berufes und dann zig Jahre später begegnen wir ihm als Schlächter. Was ist in der Zwischenzeit passiert, was ihn so über die Stränge hat schlagen lassen?
Hier wäre ein wenig mehr „Geschichte in der Geschichte“ wünschenswert gewesen.

Mein Fazit

Ich denke, dass in erster Linie wir Saarländer diesem Buch mit Freude und Interesse begegnen werden, da wir nicht nur seine Autorin sondern auch die Orte und vielleicht sogar die Legenden kennen.

LeserInnen außerhalb dieses Settings werden sich vermutlich ein wenig mit den oben geschilderten Schwächen des Erstlingsromans schwer tun, was aber vielleicht eher auf die VielleserInnen zutrifft.

Wer hin und wieder gern zu einer spannenden Story greift, offen ist für ungewohnte Konzepte und sich nicht an Debütfehlern stößt, wird sicherlich Spaß an „Weiss, weiss, Totenkreis“ haben.

Ich selbst fand diesen Roman recht interessant und würde auch eine Fortsetzung gern lesen.