Rezension: „Land in Sicht“ von Ilona Hartmann

Titel: Land in Sicht
Autorin: Ilona Hartmann
Verlag: aufbau

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Inhalt:
„Jana hat ihren Vater nie kennengelernt. Alles, was sie über ihn weiß, ist, dass er als Kapitän auf der MS Mozart arbeitet, einem eher wenig glamourösen Kreuzfahrtschiff auf der Donau. Also bucht sie sich kurzerhand eine Woche dort ein. Ob sie sich ihm zu erkennen geben wird, weiß sie noch nicht. Mit knapp hundert Gästen im Seniorenalter und der trinkfesten Bordbesatzung beginnt die Fahrt von Passau nach Wien.“

Rezension

Ilona Hartmann ist freie Autorin und Texterin und u.a. für ihre humorvollen Instagram- und Twitterposts bekannt. „Land in Sicht“ ist ihr Debütroman.

Die Story

Die Idee hinter diesem Buch – Tochter trifft auf einem Schiff ihren Vater zum ersten Mal und konfrontiert ihn mit seiner Vaterschaft – ist wirklich nett und ein wenig, so habe ich gelesen, auch an die Biographie der Autorin angelehnt, die ihren eigenen Vater allerdings ein Jahr vor der Kreuzfahrt kennengelernt hatte.

Wie zu erwarten, denkt Jana viel über ihr Vorhaben nach und reflektiert über ihre Vergangenheit, in der es ihr zwar an nichts fehlte, sie aber dennoch eine Lücke verspürte, die sie nun schließen möchte.

Aber wir erfahren nicht nur etwas über das Leben der Protagonistin, wir erleben auch gemeinsam mit ihr diese Schifffahrt, die überwiegend von Rentnern wahrgenommen wird und in der sie auffällt wie ein bunter Hund.

Die Figuren

Im Mittelpunkt steht Jana und auch wenn der Roman nur 160 Seiten hat, so erfahren wir dennoch recht viel über ihre aktuelle Situation, in die sie sich freiwillig begeben hat, über ihre Ängste, ihre Hoffnungen und wie sie die Erfahrungen ihrer Kindheit bewertet.
Sie ist eine „runde Figur“, die gut ausgearbeitet ist und sich „echt“ anfühlt.

Der Vater kommt leider ein wenig kurz. Wir spüren, dass auch er seine Sorgen hat, sich getrieben fühlt und sich besonders seiner Tochter gegenüber verunsichert fühlt, aber dennoch ihre Nähe sucht. Dennoch bleibt er sowohl für Jana als auch für uns LeserInnen ein wenig unnahbar und schattenhaft.

Mein Lesefazit

Die ersten beiden Drittel sind ausgesprochen witzig geschrieben. Mir hat das Lesen sehr viel Spaß gemacht und ich musste auch einige Male laut lachen.
Das letzte Drittel ist demgegenüber etwas schwerer, was aber durchaus zur Situation passt.

Das Einzige, was mich an diesem Roman stört, ist die Kürze. Ilona Hartmann kann sehr gut schreiben, das merkt man sofort. Auch ihre Idee, die auf eigenen Erfahrungen fußt, hat sehr viel Potential, aber viel davon wurde dadurch verschenkt, dass sie ein wenig durch die Erzählung hastet. Ich hätte gern noch ein wenig länger auf dem Schiff verweilt, mehr lustige und auch nachdenkliche Erlebnisse gehabt, das hätte dem Ganzen ein wenig mehr Tiefe verliehen.

Nichtsdestotrotz hat mir das Lesen viel Spaß gemacht und ich kann „Land in Sicht“ für ein kurzweiliges Lesevergnügen auf jeden Fall empfehlen.

Rezension: „Ich an meiner Seite“ von Birgit Birnbacher

Titel: Ich an meiner Seite
Autorin: Birgit Birnbacher
Verlag: Hanser

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Inhalt:
„Arthur, 22, still und intelligent, hat 26 Monate im Gefängnis verbracht. Endlich wieder in Freiheit stellt er fest, dass er so leicht keine neue Chance bekommt. Ohne die passenden Papiere und Zeugnisse lässt man ihn nicht zurück ins richtige Leben. Gemeinsam mit seinem unkonventionellen Therapeuten Börd und seiner glamourösen Ersatzmutter Grazetta schmiedet er deshalb einen ausgefuchsten Plan. Eine kleine Lüge, die die große Freiheit bringen könnte …“

Rezension

„Ich an meiner Seite“ steht auf der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises. Die Leseprobe klang sehr interessant und mit 273 Seiten ist es ein Buch, das man gut mal „zwischendurch“ lesen kann.

Die Story

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass der Klappentext interessanter klingt, als sich die eigentliche Geschichte dann entwickelt. Es geht nicht vordergründig, wie man annehmen könnte, um eine Resozialisierung und eine Gewissensfrage. Beides spielt natürlich eine Rolle, findet aber eher nebenbei statt, während wir etwas über Arthurs Leben von früher Kindheit bis zu seiner jetzigen Situation erfahren.

Es gibt nicht wirklich einen „ausgefuchsten Plan“, wie man in der Inhaltszusammenfassung lesen kann, es gibt lediglich ein paar Papiere, die den Neustart erleichtern sollen, aber nichts Konkretes, wie es dann für ihn weitergehen soll.
Insofern bekommen die LeserInnen etwas versprochen, was zwar im Text durchaus vorhanden ist, aber einen Spannungsbogen andeutet, der so nicht existiert.

Die Figuren

Die Hauptfigur Arthur ist mit Anfang 20 noch ein sehr junger Mann und basiert auf einem tatsächlichen Menschen, der Ähnliches erlebt hat, was aber – wie aus einem Interview mit der Autorin, das ich kürzlich gesehen hatte – nicht bis ins Detail so passiert ist. Gerade der Moment, in dem sein Leben ins Wanken geraten ist, wurde von Birnbacher „so weit wie möglich weg geschrieben“, damit er sich nicht psychisch davon belastet fühle.

Arthur ist sicher ein interessanter Charakter, aber die Autorin verwendet einen sehr nüchternen und distanzierten Sprachstil, um seine Erlebnisse zu schildern. Man hat nie das Gefühl, ihn wirklich zu kennen und kann für sein Schicksal kein großes Interesse aufbringen. Zumindest ich konnte das nicht.

Die Empathie wäre vielleicht stärker geweckt worden, wäre da nicht die komische Nebenfigur „Börd“, der als tragisch-humoristisches Element – ähnlich wie in Shakespeares Stücken – eine „bedeutungsschwere“ Erzählung auflockern soll. Ja, das ist durchaus gelungen, aber so gut, dass man sich beim Lesen eher über seine Anwesenheit freute als mit Arthur mitzufühlen.

Es gibt noch ein paar weitere Charaktere, die in Arthurs Leben eine größere Rolle spielen, aber hier sehr blass bleiben.

Mein Lesefazit

„Ich an meiner Seite“ plätschert so ein wenig vor sich hin. Das Thema „Resozialisierung“ stand für mich nicht so sehr im Vordergrund wie ich aufgrund der Beschreibung erwartet hatte. Es gab zwar zu Beginn eine recht gewalttätige Situation, verlief sich aber sehr schnell in ruhigere Bahnen.

Ja, es gibt ein Problem mit Wiedereingliederung von Insassen, aber dieses Buch legt nicht gerade den Zeigefinger in die Wunde. Es erzählt von einem einzigen Schicksal und das scheint zwar schlimm gewesen zu sein, aber auch nicht dramatisch genug, um sich darüber zu empören oder zum Nachdenken darüber angeregt zu werden.

„Ich an meiner Seite“ von Birgit Birnbacher ist ein nett gemachter Roman, den man aber nicht unbedingt lesen muss.

Women’s Prize for Fiction 2020

Der „Women’s Prize for Fiction“ 2020 geht an Maggie O’Ferrell mit ihrem Buch „Hamnet“, einer Geschichte um den sehr früh verstorbenen Sohn von Shakespeare.

Da dieses Jahr keine große Feier in London veranstaltet werden konnte, gab es statt dessen – beginnend mit Sonntagabend – einstündige Onlineliveevents, in denen die Autorinnen der Shortlist vorgestellt wurden.

Die Veranstaltungen fanden über Zoom statt. Zunächst gab es eine Lesung aus dem jeweiligen Buch gesprochen von Schauspielerinnen und einem Schauspieler, dann folgte ein kurzer Film über die Autorin/von der Autorin und anschließend gab es eine kleine Fragerunde, in der auch Zuschauer per Chat Fragen stellen konnten.

Auch die Übertragung des Gewinnertitels wurde live per Zoom übertragen.

Es war so ein tolles Ereignis mit so wunderbaren Frauen, sehr inspirierend, motivierend – einfach nur schön! Sowohl die Moderatorin als auch die Autorinnen saßen jeweils in ihren eigenen Wohnzimmern, so dass eine ganz besonders nahe und private Atmosphäre entstand.

Ich habe die Abende wirklich sehr genossen und hoffe, dass sie auch im nächsten Jahr ein solches Onlineevent veranstalten, weil es etwas ganz Besonderes war, daran teilhaben zu können, egal aus welchen Ecken der Erde man stammte.

Rezension: „Malé“ von Roman Ehrlich

Titel: Malé
Autor: Roman Ehrlich
Verlag: S. Fischer

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Inhalt:
„Alle Versuche, die Malediven vor dem steigenden Meeresspiegel zu retten, sind gescheitert, Pauschaltouristen haben sich neue Ziele gesucht, und der Großteil der Bevölkerung musste die Inseln verlassen. Gleichzeitig ist die heruntergekommene Hauptstadt Malé zum Ziel all jener geworden, die nach einer Alternative zum Leben in den gentrifizierten Städten des Westens suchen. Und so wird die Insel für die kurze Zeit bis zu ihrem Untergang zur Projektionsfläche für Aussteigerinnen, Abenteurer und Utopistinnen, zu einem Ort zwischen Euphorie und Albtraum, in dem neue Formen der Solidarität erprobt werden und Menschen unauffindbar verschwinden.“

Rezension

„Malé“ von Roman Fischer hat es auf die Longlist des Deutsche Buchpreises 2020 geschafft und wurde mir über Netgalley freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt, denn ich glaube nicht, dass ich ohne diesen Anreiz das Buch selbst gekauft hätte. Ich hätte es wohl ein wenig bereut…

Das Setting

Wir befinden uns in einer denkbaren, nicht allzu fernen Zukunft. Die Malediven sind am Untergehen, der Wasserspiegel ist gestiegen und überflutet auch bereits die ehemalige Hauptstadt. Müll wird an die Ufer gespült und das ehemalige Touristenparadies ist zu einem trostlosen Ort geworden.

Dennoch verschlägt es weiterhin Menschen auf die Insel, die nach einem Regierungssturz von den Einheimischen verlassen wurde.

Die Figuren

In Malé leben nun zwei Gruppen: Da sind zum einen die „Eigentlichen“, die bewaffnet sind, auf einem verlassenen Kreuzschiff ihr Quartier errichtet haben und die anderen mit Lebensmitteln und Drogen versorgen. Sie sind mit Vorsicht zu genießen, man erfährt aber nichts Besonderes über sie.

„Die anderen“, das sind die Aussteiger, Ausgestoßenen, Geflüchteten und Suchenden, die hier gestrandet sind, alle aus unterschiedlichen Gründen und mit unterschiedlichen Vorstellungen ihres neuen Lebens im sinkenden Paradies.

Wir erfahren sehr wenig über die Vergangenheit der Figuren, wir kennen nur ihre Rollen, die sie irgendwann einmal gewählt hatten wie beispielsweise „Literaturwissenschaftlerin“, „Professor“, „Lyriker“,… Wir sehen nur ein paar schemenhafte Ausschnitte aus ihrem momentanen Dasein, womit sie ihren Alltag ausfüllen und was sie aktuell treibt.

Die Sprache

„Malé“ ist kein Buch, das man entspannt lesen kann. Es erfordert sehr viel Konzentration, denn der Autor arbeitet hier mit langen und verschachtelten Sätzen, die von Aufzählungen nur so gespickt sind. Er bedient sich Alliterationen und setzt sehr stark das Stilmittel der Lautmalerei ein.
Dabei bleibt er in seiner Art zu erzählen nüchtern und distanziert, als würde ein unbeteiligter Beobachter einen sachlichen Bericht über das Geschehen schreiben.

Meine Meinung

Ich finde das Spiel mit Sprache zwar sehr faszinierend, aber es war einfach zu viel, zu überladen. Die eigentliche Story verschwindet hinter einer Flut von Wörtern. Die Absicht dahinter kann man nur erahnen, man muss viel interpretieren, will man das Buch begreifen bzw. will man einen Sinn darin erkennen.

Vermutlich geht es sogar darum: Die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz in einer untergehenden Welt, einem Raum ohne Zukunft und ohne echte Perspektiven.

Mir persönlich war „Malé“ von Roman Ehrlich ein wenig zu sperrig und zu „künstlich“. Er beherrscht den Umgang mit Sprache hervorragend, aber seine Geschichte bleibt eher blass, nur erahnbar und so auch ein wenig bedeutungslos.

Rezension: „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff

Titel: Die Unschärfe der Welt
Autorin: Iris Wolff
Verlag: Klett-Cotta

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Inhalt:
„Hätten Florentine und Hannes den beiden jungen Reisenden auch dann ihre Tür geöffnet, wenn sie geahnt hätten, welche Rolle der Besuch aus der DDR im Leben der Banater Familie noch spielen wird? Hätte Samuel seinem besten Freund Oz auch dann rückhaltlos beigestanden, wenn er das Ausmaß seiner Entscheidung überblickt hätte? In »Die Unschärfe der Welt« verbinden sich die Lebenswege von sieben Personen, sieben Wahlverwandten, die sich trotz Schicksalsschlägen und räumlichen Distanzen unaufhörlich aufeinander zubewegen.“

Rezension

Dieser Roman steht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises, der ich zwar selten Beachtung schenke, auf der sich aber dieses Jahr einige interessant klingende Titel befinden, die mich neugierig gemacht haben.

Das Setting

Wir befinden uns in Banat, einem Gebiet, das ehemals zu Rumänien gehörte und sich heute über drei Länder erstreckt. Der Ostblock befindet sich kurz vor dem Zusammenbruch, Angst und Verrat gehören zum Alltag und auch auf dem Land, wo diese Geschichte beginnt, ist das Unbehagen zu spüren.

So idyllisch der Ort, in dem die Familie lebt, die wir einen Teil ihres Weges begleiten, auch beschrieben wird – eine gewisse Bedrohung schlummert unter der Oberfläche, Gefahren und ein gewaltsames Ende von Leben lauern hinter jeder Ecke.

Die Figuren

Wir lernen in diesem Buch sieben Personen kennen, die entweder Familie sind oder zu dieser werden und die mehr als nur der gleiche Nachname verbindet. Es sind Menschen, deren Verbundenheit so eng ist, dass sie auch über zeitliche und räumliche Trennung nicht abreißt. Kein böses Wort fällt zwischen ihnen und doch kämpft jeder mit seinen eigenen Sorgen und Ängsten.

Der Antagonist ist hier die Zeit, die politische Phase, die durchlebt wird und der Umbruch, der sich nicht aufhalten lässt.
Es gibt darüber hinaus keine wirklich „Bösen“, sie alle haben einen guten Grund für ihr Handeln, den man als LeserIn sehr gut nachvollziehen kann.

Der Stil

Iris Wolff hat eine leise, aber unglaublich atmosphärische und dichte Geschichte geschrieben. Dieses Buch mag kurz sein, aber die Erzählung darin ist groß. Andeutungen und Auslassungen fordern die Leser dazu auf, ihre Phantasie zu nutzen, sich selbst auszumalen, was zwischenzeitlich passiert sein könnte, welche Auslöser dazu geführt haben, dass sich die Charaktere für die eine oder die andere Weggabelung entschieden haben.

Hinzu kommt, dass wir hier keinen echten Protagonisten haben, aus dessen Sicht wir das Geschehen beobachten können. Es wird zwischen den einzelnen Figuren gewechselt, dennoch setzt sich nach und nach ein Bild über die Familie und über Samuel zusammen.

Mein Leseeindruck

Mich hat dieser Roman im positiven Sinn überrascht! Anfangs war ich ausgesprochen skeptisch, weil Teile fehlten, weil alles ein wenig distanziert wirkte, aber je weiter ich las, umso mehr erkannte ich die Absicht dahinter.

Ich finde es einfach nur grandios, wie Iris Wolff Struktur, Perspektive und Wörter einsetzt, um eine gewisse Atmosphäre und eine Familiengeschichte vor den Augen der Leser entstehen zu lassen, sie mitnimmt, sie regelrecht beim Erzählen mitmachen lässt.

Ganz, ganz große Literatur! Ich hoffe, Iris Wolff erhält mit „Die Unschärfe der Welt“ den Deutschen Buchpreis. Verdient hätte sie ihn mit diesem Werk. Unbedingt lesen!