Rezension: „Lincoln in the Bardo“ von George Saunders

Lincoln in the Bardo Titel: Lincoln in the Bardo
Autor: George Saunders
Verlag: Bloomsbury
Auf der Man Booker Prize Longlist 2017

„So many wills, memories, complaints, desires, so much raw life force.“

Am 22. Februar 1862 wird der 11-jährige Willie Lincoln in einer Marmorkrypta beerdigt. Er erwacht im „Bardo“, einer Station zwischen dem bisherigen Leben und dem, was danach kommt.
Er ist nicht allein. Andere Seelen tummeln sich seit vielen Jahren hier, verleugnen ihren Tod, sprechen von „sick boxes“ statt Särgen, von „sick form“ statt Leiche und haben es sich in diesem Zustand eingerichtet.
Doch dann passiert etwas Außergewöhnliches: Eines Nachts kommt Abraham Lincoln auf den Friedhof, öffnet die Gruft und hält seinen toten Sohn weinend in seinen Armen.
Die Geister sind in Aufruhr. Sie sehen in dieser engen Verbundenheit ein Zeichen dafür, dass sie vielleicht doch wieder in ihr altes Leben zurückkehren können…

„Lincoln in the Bardo“ ist ein sehr ungewöhnliches Buch. Erzählt wird die Geschichte des tragischen Ereignisses anhand echter und fiktiver historischer Schnipsel aus Büchern, Artikeln und Briefen.
Was auf dem Friedhof geschieht, erfahren wir von den Toten selbst, darunter drei Hauptfiguren und viele Randerscheinungen, die sich in den Chor einreihen und gehört werden wollen.

Dieses Wechselspiel der Perspektiven erinnerte mich immer wieder an die drei Hexen in Shakespeares „Macbeth“, die ihre Sätze gegenseitig ergänzen und zu einer einzigen Stimme werden.

Doch es dauert im Bardo recht lang, bis die verlorenen Wesen, die stets ihr Schicksal beklagen und sich an etwas klammern, was nicht mehr ist, erkennen, dass sie tatsächlich eine Gemeinschaft bilden, dass sie miteinander etwas bewirken und Einfluss nehmen können.
Letzten Endes ist es dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sie aus ihrem Zustand befreit und den Weg für die nächste Seinsstufe ebnet.

In vielen anderen Rezensionen las ich, dass andere von dieser Geschichte tief berührt waren und sie als sehr emotional empfunden haben.
Dem kann ich mich nicht anschließen. Natürlich ist jeder Verlust eines Kindes tragisch, aber hier sehen wir lediglich den trauernden Vater. Sei Sohn scheint aber keine wirkliche Verbindung zu ihm zu haben. Er sucht nur zögerlich seine Nähe und denkt kaum an seine kurze Kindheit zurück. Es fehlt an tiefen Gefühlen, an Ängsten und an Verzweiflung oder Sehnsucht.

Außerdem gab es Situationen im Buch, deren Sinn im Gesamtgefüge ich nicht verstanden habe und die man vielleicht ein wenig hätte kürzen können.

Trotz allem war es eine ganz besondere und einzigartige Leseerfahrung, die ich jedem empfehlen kann.

4sterne

2 Gedanken zu “Rezension: „Lincoln in the Bardo“ von George Saunders

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