„Vanitas – Schwarz wie Erde“ von Ursula Poznanski (Spoiler)

42929309 Titel: Vanitas – Schwarz wie Erde
Autorin: Ursula Poznanski
Verlag: Droemer Knaur

Inhalt:
Auf dem Wiener Zentralfriedhof ist die Blumenhändlerin Carolin ein so gewohnter Anblick, dass sie beinahe unsichtbar ist. Ebenso wie die Botschaften, die sie mit ihren Auftraggebern austauscht, verschlüsselt in die Sprache der Blumen – denn ihre größte Angst ist es, gefunden zu werden. Noch vor einem Jahr war Carolins Name ein anderer; damals war sie als Polizeispitzel einer der brutalsten Banden des organisierten Verbrechens auf der Spur. Kaum jemand weiß, dass sie ihren letzten Einsatz überlebt hat. Doch dann erhält sie einen Blumengruß, der sie zu einem neuen Fall nach München ruft – und der sie fürchten lässt, dass sie ihren eigenen Tod bald ein zweites Mal erleben könnte …

+++ Pfusch am (Roman)Bau +++

Meine Meinung:
Ursula Poznanski gehört zu meinen Lieblingsautorinnen, deren Bücher ich mittlerweile blind kaufe, also ohne vorher etwas über den Inhalt oder Bewertungen gelesen zu haben.

Freudig griff ich daher nach „Vanitas“, als ich das Buch vor Ort entdeckte und war bereit für ein außergewöhnliches Leseerlebnis, wie ich es von ihr gewohnt war.

Doch leider, leider entsprach es nicht ganz meinen Vorstellungen.

Die guten Seiten

Vanitas (lat. „leerer Schein, Nichtigkeit, Eitelkeit“; auch „Lüge, Prahlerei, Misserfolg oder Vergeblichkeit“) ist ein Wort für die jüdisch-christliche Vorstellung von der Vergänglichkeit alles Irdischen, die im Buch Kohelet (Prediger Salomo) im Alten Testament ausgesprochen wird (Koh 1,2 LUT): „Es ist alles eitel.“ Diese Übersetzung Martin Luthers verwendet „eitel“ im ursprünglichen Sinne von „nichtig“.
(Wikipedia)

Titel und Cover sind fraglos toll geworden – ein optisches und haptisches Erlebnis, passend zur Story gestaltet.

Auch sprachlich ist an diesem Buch nichts auszusetzen. Es liest sich angenehm und flüssig, obwohl ich den ein oder anderen Ausdruck ein wenig seltsam fand wie beispielsweise „innerlich klamm“ im Zusammenhang mit dem Angstzustand, in dem sich die Protagonistin in dieser Situation befand.

Spannung gibt es ebenso mehr als genug in dieser Geschichte. Es werden genau genommen zwei Spannungsbögen aufgebaut, einer, der mit dem konkreten Fall zu tun hat, der andere, der die Protagonistin selbst betrifft.

Da kommen wir dann schon zu den unzähligen Kleinigkeiten, die mich nicht begeistern konnten.

Die weniger guten Seiten

Über die Hälfte des Buches hinweg befindet sich Carolin in einem Dauerpanikzustand. Wir haben eine Ahnung, warum dem so ist, aber dennoch stürzt sie sich ein wenig planlos in gefährliche Abenteuer, nur um anschließend in ihrer Wohnung (!) wieder wie ein gehetztes Tier zusammenzubrechen.
Daheim lauert sie mit einer Langwaffe hinter den Wänden und erwartet ihre Feinde, während sie draußen völlig schutzlos durch die Gegend rennt und ihr das nur wenig auszumachen scheint. Dort fürchtet sie sich vielmehr vor Kameras und Fotos, die von ihr irgendwo kursieren könnten.

Nichts an Carolin konnte mich überzeugen. Ja, sie hat eine mysteriöse Vergangenheit und scheint für das organisierte Verbrechen tätig gewesen und sich in starker Abhängigkeit dazu befunden zu haben.
Nun wird sie für die Polizei tätig, zu der sie in einem erneuten Abhängigkeitsverhältnis steht – aus Angst, aus Sympathie, aus Verzweiflung? So recht schlau geworden bin ich nicht aus ihren Motiven für ihr Handeln. Ihr Auftrag bestand aus einer recht harmlosen Sache, aber sie begibt sich stattdessen bewusst in Gefahr, obwohl sie sich auf Schritt und Tritt verfolgt wird.
Ich weiß nicht…

Kommen wir zum eigentlichen Fall:
Ja, ich fand es spannend, mit der Protagonistin auf Mördersuche zu gehen, doch die Auflösung war eine herbe Enttäuschung.

***SPOILER***

Nichts, aber auch gar nichts, deutete im Laufe der Geschichte darauf hin, dass eine Doppelvergewaltigung (oder wie immer man es nennen mag) der indirekte Auslöser für all das Töten auf Baustellen war. Und dann war es nicht einmal ein unmittelbarer Rachefeldzug für das eigentliche Opfer, was ich extrem lieblos fand. Ein weiterer „Fall“ wurde aus dem Hut gezaubert, der als Motiv für all die Gewalt galt, die wiederum nicht von der eigentlichen Person ausging, sondern für die ein Dritter eingespannt worden war, der im Buch von Anfang bis Ende ein unbeschriebenes Blatt blieb.

All das passte einfach für mich nicht zusammen, es kam zu überraschend, es war zu verworren.

Dann die Sache mit der Brailleschrift, über die Tamara sowohl mit ihrem sehenden Bruder als auch mit ihrer erblindeten Oma kommuniziert.

Ich zitiere Wikipedia:

Die Schrift besteht aus Punktmustern, die, meist von hinten in das Papier gepresst, mit den Fingerspitzen als Erhöhungen zu ertasten sind.

Es gab in der Story eine Situation, in der Tamara auf die Toilette rennt, sich dort mit einer Nadel eine „Nachricht“ in den Arm sticht (was wir erst später erfahren), die kurz darauf ihr Bruder ertastet und liest.
Really?!

Ich war für einen Moment versucht, ein Experiment zu starten.
a) schwillt die gestochene Haut tatsächlich so schnell an und b) ist das überhaupt „lesbar“?
Keine Angst, ich habe es nicht getestet, aber dennoch bezweifle ich die Machbarkeit dieser Nachricht.

Weiterhin verwendet Tamara Pflanzen, um mit ihrer Großmutter zu „sprechen“, die auf Schritt und Tritt von Pflegepersonal verfolgt wird und aus diversen familiären Gründen nicht Klartext mit ihrer Enkelin reden kann.
Diese Mitteilung wird in den Stängel einer Amaryllis gestochen. Ich hab nun keine solche Blume in der Nähe, aber funktioniert das wirklich? Ergibt das klar ertastbare Punkte, die eine Blinde entziffern kann? Ich bin skeptisch, sehr skeptisch.
Wäre es nicht einfacher gewesen, etwas nicht „mit der Blume“, sondern „durch die Blume“ zu übermitteln?
Und sind nicht viel zu viele Punkte notwendig, um einen ganzen Satz auf dem Stängel gut unterzubringen?

Zu guter Letzt fehlt mir in „Vantias“ die unverkennbare Stimme der Autorin.
Poznanski erzählt üblicherweise mit „unglaubwürdigen Mitteln“ wie VR-Brillen, Drohnen, Gehirnexperimenten glaubwürdige Geschichten.
Hier sind es „glaubwürdige Mittel“ wie Hass, Rache, Trauer die zu einer völlig unglaubwürdigen Story führen.

Es gäbe noch einige andere Kleinigkeiten aufzuzählen, die mich an diesem Roman störten, aber ich denke, es ist deutlich klar geworden, dass ich kein gutes Leseerlebnis hatte.

„Vanitas“ ist für mich das bisher mit Abstand schwächste Buch von Ursula Poznanski und ich kann keine Empfehlung dafür aussprechen, so leid mir das auch tut.

 

„Weiss, weiss, Totenkreis“ von Martina Straten

43622247Titel: Weiss, weiss, Totenkreis
Autorin: Martina Straten
Verlag: Independently published

Vielen Dank für das Rezensionsexemplar

Inhalt:
„Mysteriöse Morde – ein Bundesland im Ausnahmezustand und eine Kommissarin, die an die Grenzen ihrer Kraft gerät.
Ein Serienkiller zieht seine Kreise im Saarland.
Er tötet nach einem Muster und er ist nicht aufzuhalten.
Da ist der Reiter, der ein junges Mädchen mit seinem Pferd zu Tode hetzt.
Da sind die drei Stundentinnen, die tot in einem alten Lustschloß gefunden werden.
Wer tötet auf eine so grausame Art und was hat ein Kinderheim in den siebziger Jahren mit den Morden zu tun?
Franziska Merten wird mit dem Fall beauftragt und sie gerät an die Grenzen ihrer Kraft.
Verzweifelt versucht sie den Täter aufzuhalten, aber sie hat auch mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen – erst vor Kurzem verlor sie ihre kleine Tochter.
Wird sie es schaffen die Mordserie zu beenden?“

+++ Ein saarländischer Debütroman mit interessanten Ideen +++

Meine Meinung:
Wie ich bereits berichtete, wurde ich im Januar überraschend zu einer Lesung mit Martina Straten eingeladen, bei der sie ihr erstes Buch „Weiss, weiss, Totenkreis“ vorstellte.

Um dieser Rezension etwas klärend vorweg zu stellen: ich lese sehr selten Erstlingswerke im Selfpublishingbereich und ich möchte solche weder mit Debüts in Verlagen noch mit „gestandenen Werken von gestandenen AutorInnen“ vergleichen, denn das wäre nicht besonders fair.
Wer selbst veröffentlicht und sich um Coverdesign, Lektorat, Marketing,… in Eigenregie kümmern muss, hat deutlich höhere Hürden zu überwinden als Schreiberlinge mit Autorenverträgen.

Ich versuche, eine möglichst faire und ein wenig wohlwollende Rezension zu schreiben, da ich als „Saarländerin aus Leidenschaft“ natürlich auch ein wenig voreingenommen bin.

Die guten Seiten

Was mir wirklich von Anfang an ausgesprochen gut gefallen hat, war die Idee, saarländische Sagen mit einer Mordserie zu verbinden.
Das war ein Konzept, das mir so noch nicht begegnet war und bei dem ich nebenbei ein wenig mehr über das Bundesland erfahren habe, in dem ich wohne.

Die Taten selbst fand ich weder zu soft noch zu brutal, allerdings wird es begeisterten Thrillerfans vermutlich nicht blutig genug sein. Ich lese kaum Geschichten mit viel Gewalt, für mich war es daher gerade die richtige Dosis an Schrecken.

Positiv hervorzuheben ist zudem der Titel, der ausgesprochen eingängig ist und thematisch in die Erzählung eingebunden wird.

Franziska ist als Protagonistin eine interessante Frau mit Höhen und Tiefen, die sich gerade selbst ein wenig sucht, ein privates Drama überstanden hat und einem Neuanfang zweifelnd gegenüber steht.
Ihre Geschichte ist gut ausgearbeitet und ihre Entwicklung überzeugend und nachvollziehbar, wenn auch nicht in allen Teilen.

Die weniger guten Seiten

Wie fast jedes Selfpublishing-Debüt hat natürlich auch dieses Buch einige Schwächen, über die ich leider nicht hinweglesen und die ich daher auch nicht unerwähnt lassen möchte.

Der heftigste Fehler, der dem Lektorat nicht hätte entgehen sollen, betrifft den Hintergrund der Figur Michael. Heißt es auf Seite 168 noch, dass er den ersten (und einzigen) positiven Schwangerschaftstest seiner damaligen Partnerin als Geschenk verpackt auf dem Schreibtisch vorgefunden hat, so erfahren wir auf S. 207, sie habe ihm von der Schwangerschaft zwischen zwei Gläsern Weißwein erzählt und ihm ein Ultraschallbild herüber geschoben.

So etwas sollte mit einem Lektorat eigentlich nicht passieren. Es ist nicht wesentlich für den Rest der Story, allerdings gerät man bei solchen Stellen ein wenig ins Straucheln und entwickelt dann eine gewisse Skepsis.

Ebenfalls ein wenig hinderlich beim Lesen empfand ich die Tatsache, dass wir von fast allen Charakteren (Ausnahme Franziska) ihre Vergangenheiten en bloc präsentiert bekommen, statt sie Stück um Stück zu entdecken. Das mag den Figuren zwar etwas Tiefe verleihen, aber so gibt es nur noch wenig, was man von ihnen im Laufe der Zeit zu erfahren hofft.

Einen Thriller zeichnet es zudem aus, dass der Leser bzw. die Leserin sich psychisch mit den Opfern verbindet, um sie bangt und sich vor dem Täter mitfürchtet.
Da es hier einige Morde gibt, lernen wir die Menschen immer erst kurz vor ihrem Tod kennen. Wir haben keine Chance, uns mit ihnen zu verbünden, ihren Tod zu bedauern und aus Angst vor weiteren Schlägen zu erzittern.
Dem Thriller fehlt ein wenig der „Thrill“.

Ordnet man es dem Krimi unter, benötigt man entweder ein  „Whodunnit“, was hier aber relativ früh erkennbar ist, oder ein starkes Ermittlerpaar.
Franziska ist sehr gut ausgearbeitet. Eine Figur mit genug Tiefe, genug Emotionen und einer Entwicklung über das gesamte Buch hinweg.
Ihr Partner und noch dazu Untergebener Armin ist jedoch leider alles andere als sympathisch. Ihm fehlt es zu stark an sich widersprechenden Gefühlen, an einem inneren Konflikt und an eigenen Motiven für sein Handeln. Er verhält sich seiner Chefin gegenüber außerdem dermaßen anstandslos – eine Dienstaufsichtsbeschwerde wäre absolut angebracht -, dass er ziemlich unglaubwürdig wirkt. Er macht auch kaum Entwicklung durch, so dass man am Ende nicht sagen könnte, das Team wäre zusammengewachsen. Er ist ein wenig zu „kantig“ und trübt daher leider den Gesamteindruck.

Die ausbaufähigen Seiten

Der Schreibstil hat mir im Großen und Ganzen gut gefallen. Alles las sich sehr flüssig, obwohl ich hin und wieder über ein paar Wortwiederholungen stolperte. Ein wenig mehr Abwechslung in der Wahl der Verben wäre nett gewesen, aber so etwas kann man leicht verbessern.

Positiv in Erinnerung geblieben ist mir darüber hinaus der Wechsel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, auch wenn er hin und wieder ein wenig überraschend kommt und prinzipiell etwas zu viel für den kriminalistischen Aspekt in dieser Story offenlegt.

Last but not least widmet sich die Autorin einem heiklen gesellschaftlichen Thema und bindet es recht geschickt in den Spannungsbogen ein. Allerdings gibt es viel zu wenige Erklärungen für die Handlungsmotive des Täters. Wir sehen ihn im Kontext seines früheren Berufes und dann zig Jahre später begegnen wir ihm als Schlächter. Was ist in der Zwischenzeit passiert, was ihn so über die Stränge hat schlagen lassen?
Hier wäre ein wenig mehr „Geschichte in der Geschichte“ wünschenswert gewesen.

Mein Fazit

Ich denke, dass in erster Linie wir Saarländer diesem Buch mit Freude und Interesse begegnen werden, da wir nicht nur seine Autorin sondern auch die Orte und vielleicht sogar die Legenden kennen.

LeserInnen außerhalb dieses Settings werden sich vermutlich ein wenig mit den oben geschilderten Schwächen des Erstlingsromans schwer tun, was aber vielleicht eher auf die VielleserInnen zutrifft.

Wer hin und wieder gern zu einer spannenden Story greift, offen ist für ungewohnte Konzepte und sich nicht an Debütfehlern stößt, wird sicherlich Spaß an „Weiss, weiss, Totenkreis“ haben.

Ich selbst fand diesen Roman recht interessant und würde auch eine Fortsetzung gern lesen.

 

 

Man Booker Longlist: „Snap“ von Belinda Bauer

snap Titel: Snap
Autorin: Belinda Bauer
Verlag: Atlantic Monthly Press

Inhalt:
„On a stifling summer’s day, eleven-year-old Jack and his two sisters sit in their broken-down car, waiting for their mother to come back and rescue them. Jack’s in charge, she said. I won’t be long.
But she doesn’t come back. She never comes back. And life as the children know it is changed for ever.
Three years later, mum-to-be Catherine wakes to find a knife beside her bed, and a note that says: I could have killed you.
Meanwhile Jack is still in charge – of his sisters, of supporting them all, of making sure nobody knows they’re alone in the house, and – quite suddenly – of finding out the truth about what happened to his mother. But the truth can be a dangerous thing . . .“

Meine Meinung:
„Ein Thriller auf der Man Booker Longlist – endlich Literatur, die Spaß macht“, war mein erster Gedanke als ich die diesjährige Auswahl sah. Belinda Bauer ist bereits in meinem SUB vertreten, also war ich sehr neugierig, denn um auf der Man Booker Liste zu landen, muss man schon recht gut sein.

Aber ist sie das wirklich?

Das Buch beginnt ziemlich spannend, allerdings auch ein wenig unglaubwürdig: welche Mutter würde bitteschön ihre drei kleinen Kinder (eins davon ein Baby) in brütender Hitze in einem defekten Fahrzeug an einer stark befahrenen Straße zurücklassen, um mal kurz zur Notrufsäule zu gehen?
Ok, kann ich für eine gute Geschichte drüber wegsehen.

Anders als in anderen Romanen aus diesem Genre dreht sich nicht alles in dieser Story um die reine Verbrecherjagd. Vielmehr erhalten wir einen tieferen Einblick in das Schicksal von Jack und seinen Geschwistern, deren Leben von einen Tag auf den anderen einen völlig anderen Verlauf nimmt.
Außerdem begegnen wir weiteren Figuren, von denen erst nicht klar ist, wie sie in die Handlung passen, die aber nach und nach einen Platz im Gefüge bekommen. Es hat mir Spaß gemacht, zu raten, wie das am Ende wohl alles zusammenhängt.

Jack ist mit Abstand der stärkste Charakter in „Snap“. Sein Innenleben ist gut ausgearbeitet, seine Entscheidungen sind nachvollziehbar und man kann Mitgefühl für ihn entwickeln.

Die restlichen Charaktere sind….nun ja.

Catherine gehört meiner Meinung nach eher zu den Hauptfiguren, wird aber von der Autorin eher wie eine Nebenfigur behandelt. Wir erfahren kaum etwas über ihre Hintergründe, ihre Hoffnungen, Wünsche, ihr bisheriges Leben. Sie schwebt ein wenig losgelöst durchs Buch und wirkt daher flach und arg naiv, soll aber wohl eher eine starke Persönlichkeit verkörpern, die sich letzten Endes selbst zu helfen weiß. Hat mich nicht überzeugt.

Die Polizei…anfangs wirkte sie eher wie ein komisches Element (so wie Shakespeare gern seine Dramen entschärft hat). Sie beziehen ein Haus, das einen lang gesuchten Dieb anziehen soll, um ihn dort in eine Falle zu locken. Wirklich? Wo funktioniert denn sowas?
Später verhält sie sich etwas „ernster“, allerdings auch klischeehaft und muss Beweise von Jack präsentiert bekommen, um das Rätsel zu lösen.

Dann sind da noch ein paar schräge Figuren wie Louis, der Kleinkriminelle mit Kind, der Jack irgendwann erklärt, wie Elternschaft funktioniert oder „VC“, die großartige Messer anfertigt und ein codiertes Buch darüber in einem Tiefkühlfach aufbewahrt.

Wäre „Snap“ nicht auf der Longlist, hätte ich es nicht so zerpflückt und kritisch hinterfragt, sondern einfach als „gute Unterhaltung mit einigen Schwächen“ einsortiert.
Aber der Man Booker steht eigentlich für „herausragende Literatur“ und so sehr mir die ersten beiden Drittel gefallen haben, die sich u.a. mit dem Thema „was bedeutet (familiäre) Sicherheit?“ befassen, so beliebig wurde dann doch der Rest des Buches.
Ich kann leider gar nicht nachvollziehen, warum „Snap“ in die engere Auswahl für diesen nicht unbedeutenden Preis gekommen ist. Ja, es ist ein guter und etwas ungewöhnlicher Thriller, aber er unterscheidet sich kaum von anderen Erzählungen aus diesem Genre.

Wer gute Unterhaltung sucht, kann getrost zu diesem Buch greifen.
Wer hingegen auf der Suche nach anspruchsvoller Lektüre ist, sollte Abstand davon nehmen.

Rezension: „Das Böse in deinen Augen“ von Jenny Blackhurst

39970902.jpg Titel: Das Böse in deinen Augen
Autorin: Jenny Blackhurst
Verlag: Bastei Entertainment
Originaltitel: „The Foster Child“ (Headline)

Inhalt:
„Als die Kinderpsychologin Imogen Reid den Fall der elfjährigen Ellie Atkinson übernimmt, weigert sie sich, den seltsamen Gerüchten um das Mädchen zu glauben. Ellie sei gefährlich, so heißt es. Wenn sie wütend wird, passieren schreckliche Dinge. Imogen hingegen sieht nur ein zutiefst verstörtes Kind, das seine Familie bei einem Brand verloren hat und ihre Hilfe benötigt. Doch je näher sie Ellie kommt, desto merkwürdiger erscheint ihr das Mädchen. Dann erleidet auch Imogen einen schrecklichen Verlust – und sie fürchtet, dass es ein Fehler war, Ellie zu vertrauen …“

Rezension:

Jenny Blackhurst ist für mich eine neue Autorin, da ich relativ selten Thriller lese und ein wenig vor gruseligen Gewaltszenen zurückschrecke.

Um es vorweg zu nehmen: Gewalt mit Blut und Co. findet man hier nicht, die Autorin spielt mehr mit psychischen Grausamkeiten und subtilen Elementen. Tiere kommen auch nicht zu Schaden (ich weiß, dass das für einige LeserInnen ein Problem ist).

Den Anfang fand ich recht schwach, nicht so sehr die Handlung, vielmehr wirkt der Schreibstil – oder die Übersetzung – ein wenig holprig und laienhaft.
Aber: das wird im Laufe des Buchs deutlich besser! Vielleicht hätte man am Ende der Geschichte den Anfang stilistisch noch etwas überarbeiten sollen, denn so könnte es auf „versierte Leser“ etwas abschreckend wirken.

Die eigentliche Geschichte ist nicht besonders umwerfend, denn eigentlich passiert nicht sehr viel, die mysteriösen Geschehnisse bleiben auch für den Leser im Dunkeln. Es gibt keine „echten Ermittlungen“, sie werden lediglich aus der Sicht diverser Einwohner und der Psychologin Imogen näher beleuchtet und bewertet.
Nebenbei wirft die Autorin emotionale Erlebnisse ihrer Figuren wie den Umgang mit Kinderlosigkeit, die Beziehung zwischen Töchtern und Müttern und eine elternlose Kindheit in den Mix, was alles in allem ein bisschen „too much“ wirkt.

„Das Böse in deinen Augen“ ist ein Buch für „Wenigleser“, die eher selten zu Romanen greifen und dann vielleicht ein wenig Gänsehautunterhaltung suchen.

„Vielleser“ wissen vermutlich sehr schnell, wie der Hase hier läuft und suchen eventuell mehr Nervenkitzel in ihrer Lektüre.

Rezension: „The Woman in the Window“ von A. J. Finn (Spoiler)

36617783.jpg Titel: The Woman in the Window
Autor:  A. J. Finn
Verlag: blanvalet
Originaltitel: The Woman in the Window

Klappentext:
„Anna Fox lebt allein. Ihr schönes großes Haus in New York wirkt leer. Trotzdem verlässt sie nach einem traumatischen Erlebnis ihre vier Wände nicht mehr. Anna verbringt ihre Tage damit, mit Fremden online zu chatten, zu viel zu trinken – und ihre Nachbarn durchs Fenster zu beobachten. Bis eines Tages die Russels ins Haus gegenüber einziehen – Vater, Mutter und Sohn. Bei dem Anblick vermisst Anna mehr denn je ihr früheres Leben, vor allem, als die neue Nachbarin sie besucht. Kurze Zeit später wird sie Zeugin eines brutalen Überfalls. Sie will helfen. Doch sie traut sich nach wie vor nicht, das Haus zu verlassen. Die Panik holt sie ein. Ihr wird schwarz vor Augen. Als sie aus ihrer Ohnmacht erwacht, will ihr niemand glauben. Angeblich ist nichts passiert …“

Meinung:
Ich hatte keine großen Erwartungen an dieses Buch, da ich im Vorfeld nicht sehr viel darüber gehört oder gelesen hatte. Ich wusste nur, dass es gute Reviews hat und als „sehr spannend“ bezeichnet wird.

Daher war meine Überraschung zunächst groß, denn die Geschichte beginnt außerordentlich langsam und zäh. Im ersten Viertel bekommt der Leser eigentlich nur klargemacht, dass wir es hier mit einer unzuverlässigen Erzählerin zu tun haben, die aus noch ungeklärten Gründen unter starker Agoraphobie leidet.
Gern hätte ich dem Autor zugerufen „Ok, ich habe es kapiert. Sie trinkt, nimmt Tabletten, kann nicht raus. Niemand wird ihr glauben und sie kann nichts tun“. Dennoch wird dies in epischer Breite dargelegt, bis die eigentliche Handlung beginnt.

Zugegebenermaßen nimmt die Story an Fahrt auf und wird tatsächlich bis zum ersten Plottwist recht spannend. Der hat mich dann auch eiskalt erwischt, damit hatte ich nicht gerechnet. Diesen psychologischen Hintergrund der Protagonistin hat der Autor ziemlich glaubwürdig ausgearbeitet.

Leider, leider bleibt es aber nicht bei dieser Wendung, Es folgen zwei weitere Richtungswechsel, die ich überhaupt nicht mehr nachvollziehbar fand. Sie kamen zu überraschend und waren – wie so viel in diesem Buch – stark überzeichnet.
Das Ende war für mich enttäuschend und zu einfach, nachdem der erste Twist so komplex wirkte. Das Ende verblasste neben diesem Teil der Geschichte.

Nicht nachvollziehbar war für mich zudem nicht, dass die Protagonistin keinerlei Verbündete für ihre Theorie hatte. Es tauchen Menschen in der Story auf, die eng mit ihr zusammenarbeiten, die sie oft sehen, die aber alle meinen, sie würde alles erfinden. Wieso geben sie sich dann überhaupt mit ihr ab? Weil sie bezahlt werden? Was ist das für ein Therapeut, der mit einer Patientin arbeitet, aber ihr kein Gehör schenkt?

Ich weiß nicht… Die grundlegende Idee hat mir gefallen, ebenso die Rahmengeschichte, die eng mit der Hauptfigur verbunden ist. Alles andere ist meiner Meinung nach zu stark überzogen, zu undurchdacht und zu unerklärlich selbst für den aufmerksamen Leser, der hier keinerlei Andeutungen für die Auflösung des Falles erhält.

Nette Idee, aber eine überwiegend schlechte Ausführung.

 

Rezension: „Killman Creek“ von Rachel Caine

35329101.jpg Titel: Killman Creek
Autorin: Rachel Caine
Serie: Stillhouse Lake #2
Verlag: Thomas & Mercer

Klappentextauszug:
„Gwen Proctor won the battle to save her kids from her ex-husband, serial killer Melvin Royal, and his league of psychotic accomplices. But the war isn’t over. Not since Melvin broke out of prison. Not since she received a chilling text…
You’re not safe anywhere now.
Her refuge at Stillhouse Lake has become a trap. Gwen leaves her children in the protective custody of a fortified, well-armed neighbor. Now, with the help of Sam Cade, brother of one of Melvin’s victims, Gwen is going hunting. She’s learned how from one of the sickest killers alive.“

Meinung:
Nachdem mich Band 1 der Serie so gepackt hatte, wollte ich unbedingt wissen, wie es weitergeht.

Ein wenig hatte ich befürchtet, dass der zweite Teil sich „verlaufen“ würde und dass sie die Ereignisse nun aus Sicht der einzelnen Personen schildern würde, was immer etwas heikel ist, wenn man zuvor bereits eine starke Stimme entwickelt hat.

Letzteres ist tatsächlich auch der Fall.
Caine wechselt in „Killman Creek“ mehrfach die Perspektive, doch jede Figur trägt einen Teil zum Geschehen bei, d.h. ein Icherzähler hätte die Story nicht komplett erfassen können und es wäre nicht schlüssig gewesen. Im Großen und Ganzen konnte sie die unterschiedlichen Charaktere recht gut eingefangen und sie hat – was ich sehr gut finde – auf die Innenschau des Antagonisten verzichtet. Allerdings ist ihr Sam nicht ganz so überzeugend gelungen. Seine Persönlichkeit bleibt farblos, wenig abgrenzbar von Gwen.

An Spannung steht dieses Buch dem ersten Teil in nichts nach. Wir steigen sofort voll ein, ohne Vorlauf, ohne lange Rückschau – man sollte also Band 1 gelesen haben, um Band 2 zu verstehen.
Der Spannungsbogen wird kontinuierlich aufgebaut und es gibt den ein oder anderen Twist, der selbst mich überrascht hat.
Wie erwartet kommt es am Ende zum großen Showdown, der jedoch noch Platz für weitere Geschichten lässt, die vermutlich im dritten Teil, der für Dezember 2018 angekündigt ist, aufgegriffen werden.

„Killman Creek“ ist eine überaus gelungene Fortsetzung von „Stillhouse Lake“.