Die ersten Bücher im September

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Ich hab heute Morgen einen kleinen Buchladenbummel gemacht. Ich war in „Der Buchladen„, „Buchhandlung Raueiser“ und „Thalia„.

Eigentlich wollte ich nur die Leseproben für den Deutschen Buchpreis holen, aber dann hab ich doch das ein oder andere Buch gekauft…

Rezension: „Licht“ von Anthony McCarten

img_1160 Titel: Licht
Autor: Anthony McCarten
Verlag: Diogenes (zur Buchseite)
Originaltitel: Brilliance
Übersetzung: Manfred Allié, Gabriele Kempf-Allié

„Der Regler für moralische Integrität wird abgeklemmt – das moralische Gedächtnis.“

„›Licht‹ ist die Geschichte von zwei sehr unterschiedlichen Männern, die sich treffen, um gemeinsam die Welt zu verändern. Der eine bringt mit seiner Erfindung weltweit Licht ins Dunkel, der andere ist ein Genie des Geldes. Doch während J. P. Morgan aus der Beziehung als reichster Mann der Welt hervorgeht, lässt sich der Erfinder der Glühbirne, Thomas Edison, von der schillernden Welt seines Partners verführen und setzt nicht nur seine Erfindungskraft, sondern auch seine Liebe und sein Seelenheil aufs Spiel.“ (Quelle: Diogenes)

Was wäre die Welt ohne Glühlampe? Wo wären wir heute, hätte sich Edison nicht für die Elektrifizierung der Städte eingesetzt und welchen Preis musste er dafür zahlen?

McCarten beginnt seine Geschichte 1878, als der aufstrebende Bankier J.P. Morgan den zerstreuten, aber vielversprechenden Erfinder Thomas Alva Edison in dessen Labor besucht und ihm ein Angebot unterbreitet, das er nicht abschlagen kann.

Doch statt den historischen Ereignissen chronologisch zu folgen, werden wir nach diesem ersten Zusammentreffen in das Jahr 1929 versetzt, als Edison in einem Zug zum 50. Jubiläum der Erfindung seiner Glühlampe ist, bei einem Halt auf dem Bahnsteig zurückbleibt und sich dort in seinen Erinnerungen verliert, die uns uns in eine Ära voller bahnbrechender Errungenschaften und einem bitteren Kampf um die Macht katapultieren.

Mit Edison und Morgan trafen ein Pragmatiker und ein Visionär aufeinander, die sich zwar respektierten, allerdings nicht mochten.
Es war der Bankier, der das Schicksal mit seinem Geld lenkte und den Erfinder immer mehr von seinem Ziel, etwas Gutes für die Welt zu tun, ablenkte.
Tiefer und tiefer verstrickt Edison sich in Ränkeleien. Wir sehen seinen Zerfall und vermögen ihn nicht aufzuhalten.
Trotz allem ist es schwer, Mitleid für diesen Mann zu verspüren, denn McCarten zeigt uns einen engstirnigen Egozentriker, der seiner Familie das Blaue vom Himmel verspricht, aber nur für seine Erfindungen und Experimente lebt. Niemand ist so genial wie er, andere Ideen als die seinen weist er weit von sich und ist überrascht, als er sich plötzlich einem  „Stromkrieg“ mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Nikola Tesla findet.

Der Autor vermischt sehr gekonnt Fiktion und Fakten. Viele Details erwecken sowohl die Zeit selbst als auch die Ereignisse zum Leben.
Es gibt lustige Stellen im Buch, humorvolle, emotionale, allerdings auch sehr grausame.
Leser, die es nicht mögen, wenn Tiere oder Menschen in einer Erzählung gequält werden, sollten besser zu einer anderen Lektüre greifen.

Für mich war „Licht“ ein absoluter Lesegenuss. Ich mochte alles daran: die exzentrischen Charaktere, das Wettrennen um die Macht, das Spiel mit Worten und Symbolik.
Auch haptisch bereitete mir das Buch viel Vergnügen. Ich mag die Größe, das ansprechende Cover, aber besonders das Papier, das sich zwischen den Fingern wunderbar anfühlt.

„Licht“ von Anthony McCarten ist ein hervorragender Roman und eine Geschenkidee für PhysikerInnen, Steampunkfans und alle mit Interesse am technischen Fortschritt.

Rezension: „Lincoln in the Bardo“ von George Saunders

Lincoln in the Bardo Titel: Lincoln in the Bardo
Autor: George Saunders
Verlag: Bloomsbury
Auf der Man Booker Prize Longlist 2017

„So many wills, memories, complaints, desires, so much raw life force.“

Am 22. Februar 1862 wird der 11-jährige Willie Lincoln in einer Marmorkrypta beerdigt. Er erwacht im „Bardo“, einer Station zwischen dem bisherigen Leben und dem, was danach kommt.
Er ist nicht allein. Andere Seelen tummeln sich seit vielen Jahren hier, verleugnen ihren Tod, sprechen von „sick boxes“ statt Särgen, von „sick form“ statt Leiche und haben es sich in diesem Zustand eingerichtet.
Doch dann passiert etwas Außergewöhnliches: Eines Nachts kommt Abraham Lincoln auf den Friedhof, öffnet die Gruft und hält seinen toten Sohn weinend in seinen Armen.
Die Geister sind in Aufruhr. Sie sehen in dieser engen Verbundenheit ein Zeichen dafür, dass sie vielleicht doch wieder in ihr altes Leben zurückkehren können…

„Lincoln in the Bardo“ ist ein sehr ungewöhnliches Buch. Erzählt wird die Geschichte des tragischen Ereignisses anhand echter und fiktiver historischer Schnipsel aus Büchern, Artikeln und Briefen.
Was auf dem Friedhof geschieht, erfahren wir von den Toten selbst, darunter drei Hauptfiguren und viele Randerscheinungen, die sich in den Chor einreihen und gehört werden wollen.

Dieses Wechselspiel der Perspektiven erinnerte mich immer wieder an die drei Hexen in Shakespeares „Macbeth“, die ihre Sätze gegenseitig ergänzen und zu einer einzigen Stimme werden.

Doch es dauert im Bardo recht lang, bis die verlorenen Wesen, die stets ihr Schicksal beklagen und sich an etwas klammern, was nicht mehr ist, erkennen, dass sie tatsächlich eine Gemeinschaft bilden, dass sie miteinander etwas bewirken und Einfluss nehmen können.
Letzten Endes ist es dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit, das sie aus ihrem Zustand befreit und den Weg für die nächste Seinsstufe ebnet.

In vielen anderen Rezensionen las ich, dass andere von dieser Geschichte tief berührt waren und sie als sehr emotional empfunden haben.
Dem kann ich mich nicht anschließen. Natürlich ist jeder Verlust eines Kindes tragisch, aber hier sehen wir lediglich den trauernden Vater. Sei Sohn scheint aber keine wirkliche Verbindung zu ihm zu haben. Er sucht nur zögerlich seine Nähe und denkt kaum an seine kurze Kindheit zurück. Es fehlt an tiefen Gefühlen, an Ängsten und an Verzweiflung oder Sehnsucht.

Außerdem gab es Situationen im Buch, deren Sinn im Gesamtgefüge ich nicht verstanden habe und die man vielleicht ein wenig hätte kürzen können.

Trotz allem war es eine ganz besondere und einzigartige Leseerfahrung, die ich jedem empfehlen kann.

4sterne

Review: Der Sommer der schwarzen Schafe

Der Sommer der schwarzen Schafe: RomanTitel: Der Sommer der schwarzen Schafe
Autor: Joanna Cannon
Übersetzer: Astrid Finke
Verlag: Limes Verlag
Originaltitel: The Trouble with Goats and Sheep

„Diese Stadt wird immer sofort nervös, wenn etwas Ungewöhnliches passiert. Mit Abwechslung kommt sie nicht gut zurecht.“

1976 irgendwo in einer kleinen Vorstadt in England. Es ist Sommer, es ist unerträglich heiß – und plötzlich verschwindet Mrs. Creasy.
Die beiden 10-jährigen Freundinnen Grace und Tilly beschließen, Gott zu finden, denn – davon sind sie fest überzeugt – wenn sie Gott finden, kommt Mrs. Creasy zurück.
So machen sie sich auf, gehen von Tür zu Tür, stellen Fragen und stoßen auf ein Geheimnis aus der Vergangenheit, das alle unruhig werden lässt.

Ich bin verliebt! Ich bin verliebt in fiktive Charaktere, in ihre Verschrobenheiten, in die beiden klugen Mädchen Grace und Tilly, in herrliche Formulierungen und Wortmalerei – ich bin verliebt in ein wundervolles Buch einer mir bisher unbekannten Autorin.

Ich weiß gar nicht, wo ich mit meiner Begeisterung beginnen soll.
Da wäre zuerst dieser typisch englische Ort, in dem jeder wenn auch nicht jeden, so aber wenigstens seine nächsten Nachbarn kennt. Alle haben sie ihre Eigenarten und tragen ihre kleinen und größeren Lasten. Alle versuchen, diese Lasten zu verbergen. Sie wollen nicht zu einem Außenseiter werden wie Walter Bishop, einer unter, aber nicht einer von ihnen.

Walter, den seine Nachbarn hassen, der zurückgezogen lebt, über den auch der Leser nicht viel erfährt, ist Dreh- und Angelpunkt dieser Geschichte und der Schlüssel zu dem großen Mysterium, das alle anderen verbindet und das sie alle fürchten.

Doch nicht nur die Figuren sind hervorragend gezeichnet. Auch der Sprachstil und die gelungene Übersetzung machen das Lesen zu einem Genuß! Hier gib es „schlecht gelaunte Haare“, ein Zimmer, das aussieht, „als hätte man es mit einem Eisportionierer ins Haus gelöffelt“, ein anderes, das „matt und unglücklich“ wirkte. Wunderbar! Ich konnte von einigen Sätzen gar nicht genug bekommen und habe sie immer und immer wieder gelesen.

Trotz dieser Leichtigkeit, die Joanna Cannon über die Seiten legt, ist es ein ernsthaftes und wichtiges Thema, das sie beleuchtet. Es ist die Angst vor dem Alleinsein, dem nicht dazu gehören, der Andersartigkeit – eine Angst, die schon im Kleinen beginnt und zu etwas ganz Großem heranwachsen kann, wenn niemand den Mut hat, nach der Wahrheit zu suchen.

„Der Sommer der schwarzen Schafe“ ist eins der Bücher, das ich digital gelesen habe und nun als Hardcover kaufen werde, um mir die Figuren und ihre Geschichte greifbar nach Hause zu holen. Ich möchte nicht, dass sie zwischen Bits und Bytes verschwinden 🙂

Für mich ist es das bisher beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe und eigentlich verdient es weit mehr als fünf Sterne.

5sterne

 

Review: The Strange Case of the Alchemist’s Daughter von Theodora Goss

The Strange Case of the Alchemist's Daughter Titel: The Strange Case of the Alchemist’s Daughter
Autor: Theodora Goss
Verlag: Saga Press
Übersetzung: –

„Spectacular cases are usually simpler, and less interesting, than they initially appear.“

Als ihre Mutter stirbt und Mary Jekyll, plötzlich mittellos, sich auf die Spuren der Vergangenheit ihres Vaters begibt, stößt sie nicht nur auf eine Halbschwester, sondern auch auf eine mysteriöse Gesellschaft von Wissenschaftlern und ihre ungewöhnlichen Experimente.

Die Idee der Autorin, bekannte Horrorgeschichten wie Frankenstein und die Insel des Dr. Moreau mit bekannten Kriminalfiguren wie Sherlock und Holmes zu einer einzigartigen Erzählung zu verweben, gefällt mir prinzipiell sehr gut.

Auch interessant ist, dass eine ihrer Protagonistinnen das Buch schreibt und die anderen ihren Teil der Story selbst übernehmen und andere Teile immer wieder kommentieren.

Aber leider sind es sehr viele Figuren mit sehr vielen Erlebnissen, die aufeinandertreffen – ich habe regelmäßig den Faden verloren und konnte die Charaktere und ihre Hintergründe irgendwann nicht mehr auseinanderhalten.

Sherlock und Holmes wären meiner Meinung nach eigentlich verzichtbar gewesen, zumal sie neben all den anderen Akteuren verblassten.

Es ist eine nette Lektüre, wenn man die Muse hat, sie mit nur wenigen Unterbrechungen zu lesen. Ansonsten verirrt man sich leider zu sehr darin.

3sterne

Review: „The Shock of the Fall“ von Nathan Filer

The Shock of the FallTitel: The Shock of the Fall
Autor
: Nathan Filer
Verlag
: Harper Collins
Übersetzung
: Nachruf auf den Mond

„I live a Cut & Paste kind of life.“

Matt Holmes ist 9 Jahre alt, als sein älterer Bruder auf tragische Weise ums Leben kommt. Nur Matt weiß, was wirklich geschehen ist und lässt es den Leser erst nach und nach erfahren, während er als Patient in einer Klinik für psychisch Kranke in Behandlung ist und die Bruchstücke seiner letzten 10 Lebensjahre zusammenträgt.

Sehr schnell wird klar, dass Matt mit einer großen Schuld kämpft, Teile seiner Erlebnisse erinnert, andere hallizuniert. Er hat sich von seinem Umfeld isoliert, ist nie aus der Vergangenheit herausgekommen und hat den Bezug zum Hier und Jetzt verloren.
Erst als er sich zurück an den Ort des Geschehens begibt, kann er einige seiner Gedanken und Gefühle loslassen.

Eigentlich haben wir es in diesem Buch mit einem nicht verlässlichen Erzähler zu tun. Nie kann man so recht wissen: ist es wirklich so geschehen oder hat seine Krankheit es so geformt?  Er sagt später selbst, dass Erinnerungen lückenhaft sind und man sie sich zurechtbastelt, gerade wenn sie so lang zurückliegen.

Dennoch hat seine Geschichte mich berührt. Ich wollte ihm so gern sagen „alles wird gut“, aber gleichzeitig wusste ich, dass eine solche Situation nie wirklich „gut“ wird. Manche Menschen sind tatsächlich ihr Leben lang in einer Schuldspirale gefangen und wenn auch nur die winzigste Tatsache dafür spricht, dass diese Gefühle und Gedanken gerechtfertigt sein könnten, gibt es keinen Ausweg. Es ist sehr gut nachvollziehbar, dass so etwas eine mentale Störung hervorrufen kann – oder aber die Veranlagung bereits vorhanden und alles andere lediglich eine Sache der persönlichen Wahrnehmung ist.

„The Shock of the Fall“ ein ein sehr gelungenes Werk, das meiner Meinung nach zurecht den Costa-Award verliehen bekommen hat und das mich noch eine Weile gedanklich beschäftigen wird.